Das Nationalteam war ein Spielball

Mathias Seger erklärt, wieso die Eishockey-Nationalmannschaft so wichtig ist.

Der Höhepunkt von 17 Jahren Nationalteam: Captain Mathias Seger nach dem WM-Silbercoup von Stockholm 2013 beim Empfang in Kloten. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

Der Höhepunkt von 17 Jahren Nationalteam: Captain Mathias Seger nach dem WM-Silbercoup von Stockholm 2013 beim Empfang in Kloten. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

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Mich schmerzt es, zu sehen, wie das Eishockey-Nationalteam an Wert ver­loren hat. Jüngstes Beispiel ist der Deutschland-Cup. Sicher, vieles war nicht optimal. Und die Resultate waren schlecht. Aber die Saison hat erst an­gefangen. Es ist eine neue Mannschaft, einiges wurde verändert am System, der Prozess beginnt erst zu rollen im Hinblick auf die WM. Dass nun gleich ein solcher Schwall von Kritik kam, zeigt, wie wenig Kredit das Nationalteam derzeit geniesst. Natürlich jubeln nicht alle, wenn man dreimal verloren hat. Aber die Hemmschwelle für Kritik ist derzeit sehr tief.

Ich hätte mir sehr gewünscht, dass das Team in Augsburg erfolgreich ist. Denn erstmals seit langem war es wieder der Nationaltrainer, der bestimmte, welche Spieler er an den Deutschland-Cup mitnahm – und nicht die Clubs. In den letzten Jahren diktierten sie: «Den könnt ihr nehmen. Den nicht. Wie wäre es mit dem?» Sie schauten primär darauf, dass ihre Schlüsselspieler nicht auf zu viel Belastung kamen. Mit dem Resultat, dass fast jeder in der Liga zum Nationalspieler wurde. Doch wenn jeder dabei ist, was ist dann noch der Reiz, zum Nationalteam zu gehören?

Ich hoffe, von diesem Jekami sind wir nun wieder weg. Und ich hoffe, ­Patrick Fischer findet seinen Kern, der diese Mannschaft tragen wird. Ein Kern ist wichtig, auch im Nationalteam. Wir waren über Jahre zusammen und stolz, Teil dieser Gruppe zu sein. Wir gingen stets gerne hin. Ich freute mich unheimlich, in die Garderobe zu kommen und die anderen wieder zu sehen. Ich fand da Freunde fürs Leben. Und dieser Kern, den wir über lange Jahre hatten, war unser grosser Trumpf im Vergleich zu Nationen wie Kanada, die erst kurz vor der WM erstmals zusammenkamen. Wir kannten uns, hatten die Taktik verinnerlicht, waren eine verschworene Einheit.

Logisch haben sich die Zeiten verändert. Wir haben heute mehr NHL-Cracks, der Spielkalender ist umfangreicher geworden, die Auswahl an tauglichen Spielern auch. Trotzdem ist dieser Kern immer noch der Schlüssel. Das Nationalteam zu verwässern, war keine gute Idee. Darunter haben alle gelitten, auch die Clubs. Denn wenn das Nationalteam ein schlechtes Bild abgibt, wirft das auch kein gutes Licht auf die Liga. Es wurde in den letzten Jahren nur über die negativen Aspekte des Nationalteams diskutiert wie die Mehrbelastung oder die Verletzungs­gefahr. Doch nehmen die Clubs ­wirklich all die zusätzlichen Wett­bewerbe so ernst?

Das Nationalteam war während 17 Jahren ein zentraler Bestandteil meines Lebens. Ich hatte immer die Ambition, bei den Besten der Schweiz dazuzugehören. Das war ein Motor für meine Karriere. Mir tat die Abwechslung vom Ligaalltag gut. Die internationalen Spiele auf höherem Niveau brachten mich weiter. Danach fiel es mir in der Meisterschaft leichter, weil ich an ein höheres Tempo gewöhnt war.

Wenn ein Spieler international spielt, wird er besser. Er entwickelt sich, auch als Mensch. Davon profitiert sein Club. Und je mehr Nationalspieler dieser hat, desto attraktiver ist auch er für die Zuschauer. Ich würde mir wünschen, dass das die Clubs wieder besser erkennen würden. Denn sie halten die Schlüssel zu einem starken Nationalteam in der Hand. Ihre Einstellung strahlt auf die Spieler ab.

Es darf jedenfalls nicht mehr sein, dass der Nationalcoach betteln muss: «Darf ich diesen oder jenen Spieler haben?» Die Umstrukturierung im Schweizer Eishockey hat die Kräfte­verhältnisse zugunsten der Clubs verschoben, der Verband ist in ihre Obhut gerutscht. Doch sie müssen ihre Verantwortung wahrnehmen. Nicht nur das Schweizer Eishockey hat mit dieser Problematik zu kämpfen. Sie zeigt sich im Grösseren auch in der Gesellschaft: Der Staat wird immer schwächer, die grossen Firmen stärker. Aber sie sehen oft zu wenig, was der Staat für sie bedeutet.

Gemeinsam für eine grössere Sache

In den letzten Jahren war das Nationalteam ein Spielball. Ich bin nicht partout dagegen, dass man die Termine unter der Saison von drei auf zwei reduziert, wenn diese dann ernst genommen werden. Die Idee, dass das Nationalteam 2017 am Spengler-Cup spielt, finde ich gut. Man muss kreative Lösungen suchen, nicht ­Kompromisse, die niemandem nützen. Ein starkes Nationalteam ist im Interesse aller. Es kreiert mehr Aufmerksamkeit, mehr Junge gehen aufs Eis. Und das haben wir dringend nötig. Denn unten bröckelt es. 2013 kamen durch unser WM-Silber Menschen mit dem Eis­hockey in Berührung, die noch nie einen Match gesehen hatten.

Für unsere Generation mit Martin Plüss, Mark Streit, Ivo Rüthemann, Reto von Arx, Frédéric Rothen oder Sandy Jeannin war das Nationalteam schon in jungen Jahren das Grösste. Wir wollten unbedingt da hin. Ich weiss nicht, ob das heute in einer individualisierten Welt noch möglich ist. Ich würde mir wünschen, dass wieder eine solche Generation heranwächst. Eine Generation, die getrieben ist von einer Idee, die sich gemeinsam für eine grössere Sache begeistert. Das hat nicht unbedingt mit Nationalismus zu tun.

Oft werde ich gefragt, was mein Highlight in all diesen Jahren war. Natürlich war das die Silbermedaille 2013. Weil wir so lange darauf hin­gearbeitet hatten. Aber es bleibt viel mehr. All die Erlebnisse, die Freundschaften, die Reisen. Es war eindrücklich, an den Olympischen Spielen in Vancouver zu erleben, welchen Stellenwert Sport in einer Gesellschaft haben kann. Auch Sankt Petersburg imponierte mir. Wir waren 2000 da, da war das noch eine andere Welt.

Ich habe ohnehin viel gesehen vom Osten und würde gerne einmal mit der Familie dahin reisen. Aber bisher hat meine Frau das Veto eingelegt.

* Mathias Seger ist Rekord-Nationalspieler (305 Länderspiele). Er schreibt diese Saison Kolumnen für den «Tages-Anzeiger».

Erstellt: 09.11.2016, 00:12 Uhr

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