Sein Transfer schlug hohe Wellen

Denis Hollenstein ist ein Überläufer, er wechselte von Kloten zu den ZSC Lions – weil er endlich Meister werden will.

Im neuen Heim: Denis Hollenstein posiert an seinem Platz in der ZSC-Garderobe – seine Nachbarn sind Drew Shore und Roman Wick. Foto: Fabienne Andreoli

Im neuen Heim: Denis Hollenstein posiert an seinem Platz in der ZSC-Garderobe – seine Nachbarn sind Drew Shore und Roman Wick. Foto: Fabienne Andreoli

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Der ZSC und Felix Hollenstein, das war eine Hassliebe. Wenn der Klotener Leitwolf im Hallen­stadion kraftvoll übers Eis fuhr, wurde gepfiffen aus voller Kehle. «Auch ich hielt mich nicht zurück», blickt dieser schmunzelnd zurück. «Für meine Gesten würde ich heute gebüsst.» Schlechte Spiele hätten gegen den Kantonsrivalen besonders geschmerzt, sagt der 53-Jährige. Aber es gab sie nicht oft. Meist gewann der Dorfclub, und im Dunst des Oerliker Zigarettenrauchs wünschte sich mancher beim ZSC einen kantigen Typen wie ihn.

Ein Vierteljahrhundert später hat es nun geklappt mit einem Hollenstein-Transfer. Und als ­Denis, der älteste Sohn, im Aufenthaltsraum des ZSC-Trainingszentrums an der Siewerdtstrasse sitzt und über seinen Wechsel spricht, macht alles Sinn. Er wird im Oktober 29 und würde gerne einmal den Meisterpokal stemmen. Daran war bei seinem Stammclub nach den letzten Jahren der Unsicherheit und des Zerfalls kaum mehr zu denken. Und der ZSC ist nicht nur geografisch nahe – mindestens die Hälfte der Spieler ist ihm wohlbekannt.

Kommt dazu, dass er seit einem guten Jahr Vater einer Tochter ist und Wurzeln schlagen will. Die Jungfamilie hat ein Haus gekauft im Zürcher Unterland. «Meine Frau und ich sind in ­Zürich verankert, haben unser Umfeld hier», sagt Hollenstein. Deshalb unterschrieb er gleich bis 2023. «Die fünf Jahre waren Hollensteins Wunsch», sagtZSC-Sportchef Sven Leuenberger. «Für mich stimmt das so. Mit einem Spieler seines Kalibers macht man mindestens einen Dreijahresvertrag.» Seine NHL-Ambitionen hat Hollenstein aufgegeben, die beste Liga werde ja immer jünger.

Vater Hollensteins Flirt mit dem ZSC

In den Neunzigerjahren, als der damalige TK-Chef Peter Meier Vater Felix zum ZSC locken wollte, waren die Kräfteverhältnisse im Zürcher Eishockey noch umgekehrt gewesen. Und die Argumente Meiers weniger sportlicher Art. «Ich sagte zu ihm: ‹Fige, jetzt musst du in die ­grosse Stadt kommen!›», erinnert sich Meier. «Er war kurz interessiert, lehnte dann aber dankend ab.» EHC-Präsident Jürg Ochsner wusste, was er an seinem Captain hatte und beugte allfälligen Zweifeln mit guten Verträgen vor. Und als 1993 die Klotener Meisterdynastie mit vier Titeln einsetzte, war ein Wechsel für Hollenstein aus sportlichen Gründen ohnehin kein Thema mehr.


Video: ZSC-Spieler verhöhnen Klotener Absteiger

So feierten die Spieler und Fans der Lions ihren Schweizer Meistertitel.


Obschon die Zürcher Rivalität seitdem an Brisanz eingebüsst hat und viele Spieler beider ­Lager miteinander befreundet sind, so gingen die Wellen doch hoch, als im letzten November der Transfer von Denis zum ZSC bekannt wurde. Vielleicht brauchte es einen wie Leuenberger, der nicht allzu vertraut ist mit den Zürcher Animositäten, um das Undenkbare möglich zu machen und einen Hollenstein zum ZSC zu holen. Ganz nüchtern sagt er: «Mein Job ist es, das bestmögliche Team ­zusammenzustellen. Und da ist ja logisch, dass ich mich für Hollenstein interessierte. Ihn hätte jedes Team gerne.»

In Kloten forderte die Fan­gruppierung «Stehplatz Schluefweg» nach seiner Unterschrift mit Flyern dessen Absetzung als EHC-Captain. Im Hallenstadion hielten einige ZSC-Fans ein Transparent auf mit den Worten: «En Hollestei zum ZSC – nei danke!!» Dafür ernteten sie von der Masse aber Pfiffe. Bei seinem ersten Auftritt an neuer Heimstätte, in der Champions League gegen Aalborg, wurde Hollensteins Name nach seinem ersten Tor auf den Rängen mit Inbrunst gerufen. «Die Leute sagten zu mir: Cool, bist du bei uns», erzählt er. «Das hat mich schon gefreut.»

Keine Derbys gegen Ex-Club

Für ihn hätten sich die ersten Spiele im ZSC-Dress «schräg» angefühlt, sagt Roman Wick, der 2012 die Seiten wechselte, wechseln musste, weil er nicht mehr ins Klotener Budget passte. «Wenn man alle Stufen in Kloten durchlaufen, immer das Derby gegen den ZSC gespielt hat und auf einmal das ZSC-Trikot trägt, ist das zuerst schon seltsam.» Was es für Hollenstein einfacher mache: dass es keine Derbys mehr gibt, zumindest vorderhand. Für Wick waren das stets emotionale Spiele. Spiele auch, in denen er mit Hollenstein immer wieder Nettigkeiten austauschte. Der schmunzelt: «Wir sind gut befreundet. Dann gibt es das eine und andere Mätzchen mehr.»

Wick spricht in den höchsten Tönen über Hollenstein: «Denis ist für mich momentan der beste Schweizer Spieler der Liga. Und zwar mit Abstand.» Mit Abstand? «Ich will ihm jetzt nicht noch mehr Druck machen», sagt Wick und lacht. «Aber er ist sehr komplett, hat eine feine Stocktechnik, ist ein geborener Goalgetter und nimmt auch die Zweikämpfe an. Mit seiner Art reisst er die Spieler um sich herum mit. Ich bin froh, ist er bei uns.»

Einsamer Kämpfer

So schwierig die letzten Jahre für Kloten waren, Hollenstein ­reifte als Spieler, war 2016/17 mit 23 Treffern einer der besten NLA-Torschützen. Und zuletzt kam er einem ­in Kloten zuweilen fast als einsamer Kämpfer vor, obschon er angeschlagen war. Der kleine Finger der linken Hand war gebrochen, auch das Bein schmerzte.

Macht er sich einen Vorwurf, dass er den Abstieg nicht verhindern konnte? «Wir probierten und probierten, aber es wollte einfach nicht», sagt er. «Der ­Abstieg hat sehr wehgetan.Denn sportlich habe ich Kloten alles zu verdanken.»

Ans Meer, den Kopf lüften

Die WM verpasste er verletzt, er verreiste mit der Familie zwei Wochen ans Meer, um den Kopf zu lüften. Dann startete schon das Training beim ZSC: «Als ich hier die Jungs traf, schaute ich nicht mehr gross zurück. Dann war das Neue viel zu präsent.» Im Alltag sieht er kaum Unterschiede: «Wenn du in die Kabine eines Hockeyclubs reinläufst, ist es überall gleich. Aber Zürich ist schon noch eine Nummer grösser. Das ganze Unternehmen, auch mit dem neuen Stadion, das ja kommen wird.»

Hollenstein wird den Umzug nach Altstetten erleben, 2022 soll es ja bezugsbereit sein. Vorderhand wird aber noch im Hallenstadion gespielt, und da wird man auch ab und zu Vater Felix sehen, um seinem Sohn zuzuschauen. «Es ist schon gut so, wie es gekommen ist», sagt Peter Meier, der einst um «Fige» warb. «Ich freue mich, ist nun Denis hier.» Und es ist wohl gar nicht so schlecht, muss dieser beim ZSC nicht in die Fussstapfen ­seines Vaters treten. Hier kann er neue Spuren hinterlassen.

Erstellt: 22.09.2018, 19:54 Uhr

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