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Der ZSC braucht einen Totalumbau

Zum dritten Mal in Folge müssen die Lions nach dem Playoff-Viertelfinal ihre Koffer für die Ferien packen. Ein personeller Umbau drängt sich in Oerlikon geradezu auf. Ein Kommentar von Florian A. Lehmann.

Enttäuschte Lions: Der ZSC ist auch in diesem Playoff-Frühling früh gescheitert.
Enttäuschte Lions: Der ZSC ist auch in diesem Playoff-Frühling früh gescheitert.
Keystone

1:4 in der Best-of-7-Serie gegen die Kloten Flyers – das Playoff-Derby gegen den Eishockey-Rivalen aus dem Flughafen-Dorf hat für den ZSC das erwartet negative Ende genommen. Trotz beachtlichem Engagement in den Viertelfinal-Derbys – eine Tugend, die man bei den Lions im langen Qualifikationsprozedere zu oft vermisst hatte – setzte sich letztlich der spielerisch bessere, schnellere und talentiertere Gegner verdient durch. Nicht zum ersten Mal war auch im fünften Derby offensichtlich, dass es der Truppe aus dem Zürcher Stadtkreis 11 an der nötigen Klasse fehlt(e), um im Titelrennen ein ernsthaftes Wort mitzureden. Selbst die Nomination des finnischen Altmeisters und Neo-Schweizers Ari Sulander im Tor brachte die Wende nicht. Am Ende zogen die Flyers mit dem knappen 3:2-Overtime-Sieg in den Halbfinal ein, wo sie wie im Vorjahr auf den SC Bern treffen – ein in jeder Beziehung stärkerer Widersacher als der ZSC, der während der Saison allerdings auch Verletzungspech zu beklagen hatte.

Kaum einen Schritt vorwärts

Im Löwenrevier bricht, wie gehabt in den letzten Jahren, zu einem frühen Zeitpunkt im Playoff-Frühling die Zeit der Analysen an. In der heute angesetzten Verwaltungsratssitzung wird die Tonalität ernsthafter Natur sein. Nach einer enttäuschenden Qualifikation mit mehreren Tiefpunkten, dem letztlich klaren Ausscheiden im Viertelfinal gegen den Lokalrivalen Kloten und einem frühen Trainerwechsel vom Versuchsobjekt Colin Muller zum renommierten, aber kostspieligeren Bengt-Ake Gustafsson wird die Spielzeit 2010/11 als missglückt in die Geschichte des ZSC – notabene vor gar nicht allzu langer Zeit glorioser Sieger der Champions Hockey League und Gewinner des Victoria Cups – eingehen.

Für den Misserfolg zeichnet in erster Linie das gut verdienende Personal verantwortlich, aber auch die Coaches. Vorwürfe muss sich zudem die technische Abteilung mit Geschäftsführer Peter Zahner und Sportchef Edgar Salis gefallen lassen. Während Zahner neben dem Eis mit dem eigenständigen Hallenprojekt in Altstetten schrittweise vorwärts kommt, ist die Schonzeit für den einstigen Verteidiger-Haudegen und Publikumsliebling Salis endgültig vorbei. Die Transferpolitik des aufgeschlossenen und menschlich integren Bündners brachte in diesem Winter nicht jenen Erfolg, den man sich in der Fangemeinde erhofft hatte. Im Prinzip ist man in Oerlikon genau gleich weit wie vor Jahresfrist: Das Ergebnis kann – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht befriedigen und muss mit Stillstand bewertet werden. Und Stillstand im Berufssport bedeutet Rückschritt. Auch das Management wird daran gemessen, wie erfolgreich die Profis auf dem Spielfeld abschneiden. Das Fazit: Anspruch und Realität klaffen weit auseinander.

Neue Lehrmeister müssen her

Die Lions tun gut daran, wichtige Rollen neu zu besetzen. Das beginnt bei den Trainern: Bengt-Ake Gustafsson hat es nicht verstanden, der Mannschaft ein prägendes Gesicht zu verleihen, weder in defensiver noch offensiver Hinsicht. Der Schwede ist der richtige Mann für ein Fine-Tuning bei Top-Cracks. Er scheint aber nicht der Ausbildner und Lehrmeister zu sein, der einen zusammengewürfelten Haufen von älteren und jüngeren Spielern zu einer Einheit formen kann. Harte Aufbauarbeit ist im Norden Zürichs angesagt, das ist nicht jeden Trainers Sache. Von Assistent Henryk Gruth weiss man, dass er das Scheinwerferlicht der obersten Liga nicht besonders mag. Der ehemalige polnische Internationale ist in der Ausbildungsabteilung besser aufgehoben. Mit anderen Worten: Der ZSC braucht ein neues Coaching-Duo, das fachlich den hohen Ansprüchen genügt, das aber zudem bei den gewohnt lethargischen Lions auch mal die Peitsche knallen lässt und für mehr Emotionen sorgt. Absolute Priorität geniesst eine höhere Intensität in den Trainings, wobei es in Davos oder beim Nachbar in Kloten zur Genüge Anschauungsunterricht gäbe. Kurzum: Dem Ausdruck Leistungskultur muss im Löwenrevier wieder vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden. Was wiederum die Ansicht bestätigt, dass der Job im Hallenstadion einer der heikelsten in Europa ist.

Der Umbau ist auch beim spielenden Personal vonnöten. Der Vertrag des zumeist ungenügenden kanadischen Verteidigers Duvie Westcott läuft zwar noch ein Jahr, dennoch sollte man für ihn einen Abnehmer finden können. Der stürmende Haudegen Owen Nolan erfüllte die Erwartungen ebenfalls nicht. Der Kanadier ist in Übersee besser aufgehoben. Die launische Eishockey-Ballerina Alexej Krutow soll eine Zukunft in Genf haben, Pascal Müller zieht es zu Ambri, Philippe Schelling zu Kloten, Pechvogel Thierry Paterlini sucht sich einen neuen Klub. Delikat ist die Goalie-Frage: Auf diesem Posten ist der ZSC gut besetzt. Es zeichnet sich ab, dass Lukas Flüeler die Nummer 1 bleibt, während der frischgebackene Schweizer Ari Sulander an einen Klub ausgeliehen wird (Lakers?). Bei Bedarf kann der Altmeister wieder nach Zürich zurückkehren.

Ausgetrockneter Spielermarkt

Für die Techniker wird es nun enorm schwierig, solide Eishockeyaner mit Schweizer Pass zu verpflichten. Mit dem aktuellen personellen Material auf der Lohnliste ist es geradezu eine Pflicht, Nordamerika-Rückkehrer Severin Blindenbacher zu engagieren. Damit wäre der Weg frei für zwei ausländische Stürmer, die in der Offensive wieder etwas bewegen können. Das Engagement des Genfer Abwehrspielers Robin Breitbach steht ja bereits fest.

Doch vor allem braucht es beim ZSC – auf und neben dem Eis – wieder mehr Feuer, mehr Elan, mehr Leidenschaft, mehr Methodik und eine Aufbruchstimmung, die sich auch auf das Publikum überträgt. Ansonsten läuft es davon und verliert das Interesse am Eishockey in der Stadt Zürich. Das Bild eines kämpfenden und funktionierenden Kollektivs haben die Lions erst im Playoff gezeigt – viel zu spät, um für eine positive Wende zu sorgen. Deshalb sind sie zu recht schon in der ersten Playoff-Runde gescheitert.

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