Der ZSC im taktischen Niemandsland

Um Erfolg zu haben, muss Arno Del Curto seine Center von den taktischen Fesseln befreien.

Verkrampfter ZSC: Raphael Prassl gegen Gregory Scarioni. Foto: Keystone

Verkrampfter ZSC: Raphael Prassl gegen Gregory Scarioni. Foto: Keystone

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Wir erleben in den Hockey­stadien ein neues Spiel. Rund alle zehn Jahre unterliegt das Schweizer Eishockey einem Paradigmenwechsel – einer Wandlung, die es auf ein höheres Niveau katapultiert. Und das passiert gerade. Ich nenne den neuen Stil «frenetisches Eishockey». Es ist wild, hyperaktiv, überwältigend schnell, geprägt von permanentem Pressing.

Überall auf dem Eis wird Druck auf den Puckführenden gemacht. Er hat keine Zeit mehr, wird an seine Grenzen getrieben – und darüber hinaus. Fehlpässe und Konzentrationsfehler werden sofort bestraft. Keiner kann sich einen Einsatz freinehmen. Das Spiel dreht sich nur noch um Zeit und Raum – nimm sie dem Gegner weg, und du gewinnst!

Der SCB zeigt es dem ZSC

Am Sonntag im Hallenstadion zeigte der SC Bern, dass er sich auf diese neue Spielweise besser versteht als die ZSC Lions. Das erste Tor war ein Musterbeispiel: Die Linie mit Ebbett, Kämpf und Mursak stülpte sich mit ihrem rotierenden Forechecking, im Verbund mit den vorpreschenden Verteidigern, wie eine Decke über die Zürcher in deren Zone. Immer wenn sich ein Blauer mit dem Puck loslösen wollte, war schon eine gelbe Berner Hornisse in seinem Gesicht. Ebbett eroberte den Puck und spielte ihn aufs Tor, wo ihn Mursak über ­Flüelers Schulter lenkte. Ein Tor aus dem Nichts!

Doch es sind nicht die Berner, die das frenetische Eishockey auf Schweizer Eis am besten beherrschen. Diese Ehre kommt dem EV Zug zuteil. Ich hatte das Glück, schon ein paar Spiele der Zuger vom Eisniveau aus zu beobachten, und ihre Intensität und Entschlossenheit sind eindrücklich. Ich muss innerlich lachen, wenn ich mich an Gespräche erinnere, die ich früher mit meinen Spielern führte.

«Wir können unmöglich 60 Minuten voll forechecken!», pflegten sie zu sagen. Das war zu den Zeiten von 90-Sekunden-Einsätzen und Speckgürteln um die Taille. Die heutigen Hockeyprofis sind hervorragend trainiert, die Disziplin neben dem Eis ist genauso wichtig wie die im Rink. Es gibt nicht einmal im Teambus Bier. Ich weiss nicht, ob ich das durchstehen würde!

Erster oder zweiter Rang könnte ein Handicap sein

Es scheint, als durchdringe die skandinavische Welle des frenetischen Eishockeys die ganze Hockeywelt. Auch die meisten NHL-Teams spielen nun so. Und das macht Sinn. Wenn du den begabtesten Spielern Zeit und Raum zugestehst, werden sie dir wehtun. Die Lösung ist einfach: Gib sie ihnen nicht! Der neue Stil ist auch für die Trainer einfacher zu verkaufen. Die wichtigste Regel lautet: «Wenn du nahe beim Spieler mit dem Puck bist, setze ihn unter Druck!» Und wenn dein Team den Puck hat, unterstütze den Puckführenden so schnell wie möglich. Jeder Spieler muss mitmachen. Sogar Rapperswil-Jona spielt so, und die Fortschritte sind leicht zu erkennen.

Was bedeutet das also für die ZSC Lions in ihrer prekären Situation am Strich? Es war am Sonntag offensichtlich, dass sie nervös sind. Kleins mysteriöser Fehlpass in der Startphase führte zu einer 4-gegen-2-Situation für die Berner – und dazu, dass Arcobello den Puck nur noch zum 2:0 ins offene Tor schiessen musste. Noch nie habe ich 11'000 Zuschauer so leise erlebt. Die Zürcher verloren sich im Niemandsland des zögerlichen Eishockeys – wo Entscheidungen nicht automatisch passieren, der Impuls zuerst gedacht werden muss, bevor er in Aktion umgesetzt wird. Mit anderen Worten: Sie waren viel zu verkrampft.

Dasselbe erlebten wir schon vergangenes Jahr. Als Hans Kossmann die ZSC Lions übernahm, passierte nichts bis zum Playoff. Ich frage mich, ob man beim SCB und beim EVZ beim Studium der Rangliste nervös wird. Hätte gerne einer von ihnen die ZSC Lions in der ersten Playoff-Runde? Wenn die jüngere Geschichte ein Indikator ist, könnte der erste oder der zweite Rang ein ­Handicap werden.

Berner und Zuger müssen noch schneller sein

Frenetisches Eishockey ist einfach gesagt ein Fünfmannpressing auf dem ganzen Eis. Die ZSC Lions spielen momentan eine Mischform zwischen dem und dem Davoser Stil der letzten 20 Jahre. Ich bin überzeugt, dass Arno Del Curto seine Center von den taktischen Fesseln befreien muss, damit sie sich der Party anschliessen können. Das heutige Eishockey braucht eine Rotation aller drei Stürmer beim Forechecking, und auch die Verteidiger müssen daran teilnehmen. Jedes Team, das Meister werden will, muss seine Gegner unbarmherzig übers Eis jagen. Die Zürcher konnten den SCB am Sonntag mit ihrem 2-1-2-System nicht nachhaltig unter Druck setzen.

Das Schweizer Eishockey steht in diesem Winter kopf. Lugano und Davos sind unter dem Strich. Zürich ist in Gefahr. Lausanne und Langnau sind in den Top 4. Der Wechsel zum frenetischen Eishockey ist so bedeutungsvoll wie die Einführung der Nulltoleranz Ende 2005. Im diesjährigen Playoff wird fast jedes Team eine Version dieses neuen Spielstils pflegen. Die skandinavischen Coachs in Bern, Zug, Lausanne, Langnau und Biel werden alle «All-in gehen», jede Serie wird ein Abnützungskampf werden.

Das bedeutet, dass die Berner noch besser und die Zuger noch schneller sein müssen, um ihre Hürden zu überspringen. Das kann nur gut sein für die Entwicklung des Schweizer Eishockeys – und wir können uns auf gute Unterhaltung freuen.

Erstellt: 19.02.2019, 16:34 Uhr

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