Die Dämonen haben noch lange nicht genug

Alles spricht in Spiel 7 für die Luganesi, richtig? Nein. Denn plötzlich drückt nun sie die Last der Erwartungen.

Luganos Maxim Lapierre feiert den Treffer zum 2:3 im sechsten Eishockey Playoff-Finalspiel gegen die ZSC Lions. Bild: PPR/Christian Merz

Luganos Maxim Lapierre feiert den Treffer zum 2:3 im sechsten Eishockey Playoff-Finalspiel gegen die ZSC Lions. Bild: PPR/Christian Merz

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Als ich am Mittwochabend aus dem Hallenstadion lief, fühlte es sich an, als verliesse ich ein Leichenschauhaus. Die Menschen unterhielten sich mit gedämpfter Stimme und einem Gefühl der Resignation. Es war, als sei jemand gestorben, dem sie nahegestanden waren. Aber ist es wirklich schon vorbei?

Eishockey ist ein einfaches Spiel. Das Team, das sich über 60 Minuten an seine Strategie halten kann, gewinnt. Lugano hat den simpelsten Schlachtplan, den man sich denken kann – und es führt ihn perfekt aus. Er geht in etwa so: «Mach keine Fehler! Und wenn du Fehler machst, achte darauf, dass Elvis Merzlikins den Puck sieht.» Ich unterhielt mich mit Luganos Damien Brunner vor Spiel 2, und er sagte: «Wir haben das bestgehütete Geheimnis im Schweizer Eishockey. Wir können 25 Schüsse weniger haben und trotzdem gewinnen. Wegen Elvis.» Genau das passierte am Mittwochabend.

Hans Kossmann muss kein Genie sein, um seinem angeschlagenen Team die richtige Botschaft zu übermitteln. Die grosse Frage ist für mich, ob er es schaffte, nach einer schlaflosen Nacht mit neuem Elan und der richtigen Mentalität zum Rink zu kommen. Mit einer, durch die er seinem Team ­Vertrauen vermitteln kann. Das ist die Kunst des Coachings. Selbst wenn du es n i c h t spürst, musst du so tun, als würdest du es spüren. Ist er ein guter Schauspieler?

Lassen Sie mich noch kurz auf das letzte Spiel zurückkommen. Wir alle erwarteten, dass die ZSC Lions mit einem Feuerwerk starten würden. Doch was bekamen wir? Die Zürcher in ihrer Form von Mitte Saison. . . Ein furchtbarer Wechsel Korpikoskis sorgte fürs frühe 0:1. Es gibt eine simple Regel: «Kein Wechsel, wenn der Gegner mit dem Puck in deine Richtung kommt!»

Typisch Lapierre

Beim zweiten Lugano-Tor blockierte Lajunen Flüeler im Torraum. Sanft von Sutter gecheckt, liess sich der schlaue Veteran bereitwillig in Flüeler reinfallen. In meinen Augen hätte dieses Tor nicht zählen dürfen. Doch das muss Kossmann nun vergessen. Das dritte Tor war typisch Lapierre: Ein Schuss muss nicht besonders scharf sein – wenn ihn der Goalie nicht sieht, ist er immer gefährlich. Und Lapierre nahm Flüeler die Sicht und lenkte wohl noch leicht ab. Drei kleine Fehler, und schon hatten wir ein Spiel 7.

Was Kossmann am meisten Sorgen machen dürfte, ist die Inkonstanz seines Teams. Die Lions sind phasenweise das klar bessere Team. Sie hätten am Mittwoch gut sechs Tore erzielen können, schossen viel öfter aufs Tor als Lugano (40:18). Aber wenn es wirklich zählt wie zu Beginn des dritten Abschnitts beim Stand von 2:2, fallen sie in diese kindliche, naive Spielweise zurück, die viele so frustriert. Hier ist ihr Rezept für den Erfolg in Spiel 7:

Verursache Verkehr vor Merzlikins. Nimm ihm die Sicht, nerve ihn. Und fahre ihn auch einmal um, so wie es die ­Lugano-Stürmer mit Flüeler tun.

Bleibe kompakt – wenn einer Druck macht, müssen die anderen nach­ziehen.

Mach die Checks immer fertig.

Alles wird mit grösster Entschlossenheit ausgeführt – Checks, Pässe, Schüsse.

Schiesse den Puck in die Offensivzone rein, hinter die Lugano-Verteidiger – sorge dafür, dass sie sich umdrehen und ihn holen müssen, ermüde sie.

Halte den Puck nicht zu lange. ­Geering, Kenins oder Pettersson wollten es alleine richten – das ist nicht nötig. Bewege den Puck so schnell wie möglich nach vorn. Nach dem Motto: raus aus der Zone, rein in die Zone!

Bring die Schüsse aufs Tor, am ­besten aus verdeckter Position.

Tu es Einsatz für Einsatz – 60 Minuten oder länger!

Diese Tipps könnten aus dem Handbuch eines jeden Coachs kommen. Es ist nichts Neues. Doch diese Punkte sind für die Lions zentral in Lugano. Ihre mentale Leistung wird der entscheidende Faktor sein. Und da kommen Erfahrung und Leadership ins Spiel. Die jungen Leader wie Patrick Geering, Reto Schäppi und Chris Baltisberger müssen noch mehr von sich verlangen und den Weg weisen. Spiel einfach, spiel konsequent, lass deine letzte Energie auf dem Eis! Wenn sie das vorzeigen, wird das die anderen anstecken. Und es wird über diese Saison hinausstrahlen.

Meine Teams waren schon in ähnlichen Situationen. Mit dem SCB verloren wir 2004 das vierte Spiel (die Finalserie ging über «Best of 5») gegen ebendieses Lugano. Jeder in der Resega war bereit für die Party, die Fans dachten, es sei vorbei. Doch dann gewannen wir in der Overtime die Finalissima in Lugano. Die Tessiner werden auch heute Abend nervös sein. Sie tragen das Gewicht der Erwartungen auf ihren Schultern. Und wenn Zürich das Spiel eng halten kann, wird diese Last immer schwerer.

Kossmanns letzter Arbeitstag

Kossmanns Job ist fast getan. Aber sein letzter Arbeitstag wird sein wichtigster sein. Er darf nicht zu sehr forcieren, er kann den Sieg nicht erzwingen. Er muss seinen Spielern vertrauen, sie emotional auf den grössten Kampf ihres Sportlerlebens einstellen. Und er muss daran glauben, dass sie es tun können. Denn nur sie können es tun.

In einem Spiel 7 um den Meistertitel gewinnt das Team, das besser umgeht mit den eigenen Dämonen. Und sie haben noch lange nicht genug, diese Dämonen. Auf beiden Seiten.

Erstellt: 27.04.2018, 10:16 Uhr

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