Die Dominanz des SCB zeigt, was falsch läuft

Seien wir ehrlich: Dieser Playoff-Final war enttäuschend – er hätte auch 4:0 ausgehen können.

Die Berner Spieler um Cheftrainer Kari Jalonen (r.) verewigen sich mit einem Selfie in Zug als Schweizermeister. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Die Berner Spieler um Cheftrainer Kari Jalonen (r.) verewigen sich mit einem Selfie in Zug als Schweizermeister. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nur schon an den Feierlichkeiten in der Berner Kabine sah man: Das ist ein erfahrenes Team. Das waren nicht die ZSC Lions von 2000 oder der SCB von 2004 – oder Leicester aus der Premier League 2016. Als jene Mannschaften den Titel gewonnen hatten, hüpften alle auf und ab und zwickten sich, um sich zu vergewissern, dass dies kein Traum war, sondern die Realität. Dass sie wirklich Champions geworden waren.

Nicht diese Berner. Sie hatten das alles schon erlebt. Sie sassen einfach zufrieden da und sonnten sich darin, dass sie ihren Job gut erledigt hatten. Ein paar jüngere Spieler tanzten oder verspritzten Champagner, aber im Allgemeinen war die Atmosphäre gedämpft und reif. Das Einzige, was diese Berner noch lernen müssen, ist, eine Zigarre richtig anzuzünden und zu rauchen.

Jalonen installierte ein Spielsystem, das zum Standard werden dürfte.

Dieser Final war nicht wirklich umkämpft. Er hätte nach vier Spielen vorbei sein sollen, so überlegen war der SCB. Kari Jalonen installierte ein Spielsystem, das im Schweizer Eis­hockey zum Standard werden dürfte: Wenn seine Spieler eine Chance wittern, schlagen sie zu, setzen sie den Gegner sofort unter Druck. Wenn nicht, machen sie die Mittelzone zu. Sie lauern stets auf schnelle Gegenstösse, umschwärmen den Puck wie Bienen, arbeiten fieberhaft nach hinten, sind fantasiereich im Powerplay und haben verschiedene Varianten beim Bully.

Es war ein cleverer und wunderbar ausgeführter Schlachtplan des besten Teams der Liga. Und doch ist nicht alles gut mit dem Schweizer Eishockey. Auf die Gefahr hin, die helvetischen Hockeygötter zu beleidigen, sage ich, was falsch läuft. Die kritischen Gedanken kamen mir erstmals kurz vor Weihnachten, als mich ein ehemaliger Trainerkollege, der immer noch in der National League aktiv ist, fragte: «Kent, du warst ja in Zürich und Bern. Wie ist es, gute Spieler zu coachen?»

Wie National Geographic TV

Zuerst war ich verblüfft ob seiner Frage, dann realisierte ich, dass er nur das Offensichtliche aussprach: Er hat keine Chance, den Titel zu gewinnen, wenn er als Coach nicht ein Team führen darf, das am Ende der Nahrungskette steht. Ein paar Beispiele gefällig? Der SCB sicherte sich von Biel, seinem bevorzugten Farmtean, die Dienste von Gaëtan Haas. Die ZSC Lions standen nicht zurück und engagierten Biels Jungnationalspieler Dave Sutter. Auch Lugano fand in Thomas Wellinger beim gleichen Team einen Mann, den es sich abzuwerben lohnt.

Es kommt mir vor, als würde ich eine Dokumentation auf National Geographic TV schauen, wo die grösseren Tiere die Kadaver ihrer kleineren, langsameren Rivalen zerpflücken. So läuft das hier in Europa. Aber sollte es auch so sein? In Nordamerika wird der europäische Sport oft als Verlängerung des Feudalsystems aus dem Mittelalter angesehen, wo die Aristokratie die Bauern ausbeutete und klein hielt.

Wollen wir Verhältnisse wie im Schweizer Fussball?

Natürlich will der SCB nichts von seinem Einfluss abgeben. Zürich auch nicht. Doch etwas muss getan werden, um Ausgleich zu schaffen. Oder wollen wir Verhältnisse wie im Schweizer Fussball? Wir wissen schon lange, dass der FCB wieder Meister wird. Acht Runden vor Schluss haben die Basler 20 Punkte Vorsprung. Die Fans verdienen bessere Unterhaltung. Hier meine Best-of-7-Wunschliste, was getan werden muss, um unser Eis­hockey interessanter zu machen:

1) Wir brauchen einen starken Commissioner, der die Liga führt. Und nicht einen Ligadirektor, der einfach umsetzt, was die grossen und mächtigen Clubs befehlen. Die Stärkung der Liga und des Sports müssen Vorrang haben.

2) Es braucht einen Gesamtarbeitsvertrag wie in der NHL – die Spieler und die Clubs müssen wissen, was ihre Rechte und Pflichten sind. So gibt es keine Mauscheleien mehr.

3) Es sollte ein Mechanismus eingeführt werden, um bei Transfers einen Ausgleich zu schaffen. Die Bieler etwa sollten einen oder mehrere Spieler zurückerhalten, wenn ihnen einer ihrer Besten abgejagt wird.

4) Es braucht mehr Mobilität auf dem Transfermarkt. Spieler sollten abgegeben oder getauscht werden können.

5) Der B-Meister sollte automatisch aufsteigen – oder sonst vergessen wir diese Charade des Aufstiegskampfs.

6) Die Schiedsrichter sollten keine Entschuldigungen mehr haben für schlechte Leistungen, vor aller Kritik abgeschirmt werden. Ein offener Dialog kann nur helfen. Und wer nicht genügt, darf auch mal gefeuert werden.

7) Das viel gerühmte Pyramiden­system für den Nachwuchs muss angepasst werden. Um es auch Spätzündern, die weniger Talent, aber mehr Biss und Charakterstärke haben, zu ermöglichen, nach oben zu kommen. Einer wie Thomas Rüfenacht wäre nie zu einem Schlüsselspieler des Meisters geworden, wäre er als Junior in der Schweiz ausgebildet worden (und nicht in Nordamerika). Hier wäre er schon früh durchs Raster gefallen.

Ohne Talent gewinnt keiner

Ich bin mir bewusst, dass es nicht einfach wird, alle meine Wünsche mit dem Schweizer Arbeitsrecht zu vereinbaren. Aber ich will einfach gutes Eishockey sehen. Und dieser Final war nicht gut genug. Die ZSC Lions wären wohl bessere Herausforderer gewesen für den SCB, aber ihr Nachwuchssystem produziert keine Rüfenachts oder Scherweys. Und diese Typen braucht es im Playoff, wenn es entscheidend ist, wie gut man austeilt und einsteckt.

Ich bin überzeugt, dass wir mehr Parität brauchen im Schweizer Eis­hockey. Wir sahen einen grossartigen SCB siegen. Wir haben so viele Spieler in der NHL wie noch nie. Das Nationalteam ist gut für eine Überraschung. Und das Niveau der Coaches ist in der Liga fast überall exzellent. Aber eben, es gilt, worauf mich mein früherer Berufskollege aufmerksam machte: «Nicht jeder Coach kann mit Talent gewinnen, aber keiner schafft es ohne Talent.» Geben wir doch jedem NLA-Coach eine Chance. Das hat unser Eishockey verdient.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2017, 23:01 Uhr

Kent Ruhnke führte Biel (1983), die ZSC Lions (2000) und Bern (2004) zum Meistertitel. Mit seiner Kolumne begleitete er das Playoff für Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Artikel zum Thema

«Ich will mich nicht vom Alter einschränken lassen»

Interview SCB-Captain Martin Plüss ist 40 und siebenfacher Meister. Doch er hat noch nicht genug. Was sagt er, wenn der Nationalcoach anruft? Mehr...

6 Gründe für das Hockey-Halleluja

Analyse Was für eine Meisterparty! Der SC Bern holt sich den Titel. Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt, wie dieses Kunststück gelang. Mehr...

Um 1.40 Uhr kochte der Berner Kessel über

Video Euphorisch, gigantisch, ausgelassen: In der Hockey-Arena gab es kein Halten mehr. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Das erste Weisshandgibbon Baby des Skopje Zoos steht in seinem Gehäge neben seiner Mutter. (20. Mai 2019)
(Bild: Robert Atanasovski) Mehr...