Die Erlösung für die bemitleidenswertesten Fans der NHL?

Dass die St. Louis Blues im Final um den Stanley Cup stehen, ist mehrfach bemerkenswert.

Die St. Louis Blues und die Clarence S. Campbell Bowl – die NHL-Trophäe für den Gewinner der Western Conference.

Die St. Louis Blues und die Clarence S. Campbell Bowl – die NHL-Trophäe für den Gewinner der Western Conference. Bild: Tom Gannam/Keystone

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Noch vier Siege fehlen. Erst dann wäre die unglaubliche Story der St. Louis Blues zu Ende geschrieben. Doch selbst wenn im Final um den Stanley Cup (Spiel 1 der Best-of-7-Serie am nächsten Montag in Boston) Normalität einkehren und sich die klar favorisierten Boston Bruins durchsetzen sollten: Alleine die Finalqualifikation der Blues ist eine aussergewöhnliche Geschichte. Dies aus mehreren Gründen:

50 Saisons ohne Titel

1967/68 spielten die St. Louis Blues ihre erste NHL-Saison. Da sie den Stanley Cup noch nie gewinnen konnten, bedeuten die 50 Saisons (Die Spielzeit 2004/05 fiel wegen des Lockouts komplett aus) «Titeldürre» der Blues, die längste Wartezeit auf einen Titel in der besten Eishockeyliga der Welt.

Auf ebenfalls 50 Saisons kommen aktuell nur die Toronto Maple Leafs, die 1967 ihren letzten Titel feierten. Dahinter folgen mit je 47 Saisons die Buffalo Sabres und die Vancouver Canucks (beide seit 1970/71 in der NHL, beide noch ohne Titel) sowie mit 42 Saisons die Philadelphia Flyers (letzter Titel 1975).

Notorische Verlierer, wenn es drauf ankommt

Natürlich sind die Blues darum eine häufige Zielscheibe von Hohn und Spott. Bevor St. Louis in der Nacht auf Mittwoch das Halbfinalspiel 6 gegen die San Jose Sharks mit 5:1 gewann und sich erstmals seit 1970 wieder für einen NHL-Final qualifizierte, hatte das nordamerikanische Fachmagazin «Athletic» satirisch jenen Club gekürt, dessen Fans sich wegen ihrer Lieblinge am elendsten fühlen müssen.

Dabei ging es explizit nicht um besonders sieglose Habenichtse in der Qualifikation, denn das wäre ja zu einfach. Nein, diesen inoffiziellen «Titel» machten am Ende St. Louis und San Jose aus – die Blues setzten sich knapp durch. Die beiden Halbfinalisten schafften es in die Endausmarchung, weil sie seit Jahren nicht per se erfolglos waren. Im Gegenteil: Die beiden Teams schürten regelmässig mit guten Regular Seasons Hoffnungen, die sie im Playoff nie erfüllen konnten und dabei oft auf entweder spektakuläre oder dann auf penible Art und Weise scheiterten.

Der Weg in den Final

Hoffnungen schüren in der Regular Season? Nein, das galt für die Blues 2018/19 für lange Zeit ausnahmsweise nicht. Kurz nach Silvester, am 2. Januar, hatte St. Louis gar den Tiefpunkt erreicht. Die Blues lagen auf dem 31. und damit letzten Platz der Gesamttabelle der NHL. Noch nie hat es ein Team von so weit hinten noch in den Playoff-Final geschafft.

Am Ursprung des Umschwungs stehen zwei wenig spektakuläre Namen: Interims-Headcoach Craig Berube, der allerdings bereits Ende November 2018 vom Assistenten zum Chef an der Bande befördert wurde.

Noch bemerkenswerter ist indes Jordan Binningtons Einfluss. Der 25-jährige Goalie war vor der Saison je nach Sichtweise die Nummer 3 oder gar 4 in der Hierarchie, noch vor zwei Jahren wollten ihn die Blues in die drittklassige ECHL abschieben, doch Binnington verweigerte die extreme Demotion.

Und nun kam mit ihm der Erfolg. Zuvor nur mit einem einzigen Teileinsatz in der NHL, wurde er in hoffnungsloser Situation zur Nummer 1 der Blues, gewann 24 seiner 32 Spiele, kassierte weniger als zwei Tore im Schnitt und führte sein Team sensationell doch noch ins Playoff – auch dort überzeugt Binnington bislang.

Nun kommt die wahre Meisterprüfung: Im Final warten Boston und mit dem Finnen Tuukka Rask der alle anderen überragende Goalie des Playoff 2019.

Die erste «fair und hart erarbeitete» Finalteilnahme

Die St. Louis Blues schafften gleich zu Beginn ihrer Existenz Besonderes: In den ersten drei Saisons standen sie auch gleich dreimal im Final (1968, 1969, 1970). Allerdings muss da ein grosses Aber nachgeschoben werden. 1967 war das Jahr der ersten grossen Expansion der NHL. Gleich sechs Teams kamen zu den «Original Six» (Montreal, Toronto, New York Rangers, Detroit, Chicago, Boston) hinzu und verdoppelten damit die Anzahl NHL-Teams auf 12: die California Seals, die Los Angeles Kings, die Minnesota North Stars, die Philadelphia Flyers, die Pittsburgh Penguins und eben die St. Louis Blues.

Die Liga half den neuen Teams allerdings kräftig: Die Original Six bildeten die Ost-Gruppe, während die sechs neuen Teams als West-Gruppe eingeteilt wurden. Somit war klar, dass stets einer der sechs Neulinge im Final stehen würde. Die Stärkeverhältnisse blieben vorerst gewahrt: St. Louis verlor alle seine drei Finals mit 0:4 Siegen.

So gesehen ist die vierte Finalteilnahme der Blues 2019 die erste «fair und hart erarbeitete» – auch wenn einige Blues-Fans dieser Sichtweise sicher widersprechen werden …

Nach den drei Finalteilnahmen gleich zu Beginn folgten auch diverse harte Jahre für die St. Louis Blues. Als Tiefpunkt steht die Saison 1982/83. Ein Verkauf der Franchise wurde angestrebt, der Umzug in die kanadische Kleinstadt Saskatoon scheiterte am Veto der Liga. Der daraus entfachte «Kleinkrieg» zwischen NHL und Teambesitzer gipfelte mit dem absurden Boykott der Blues des Drafts 1983. Ein NHL-Club, der freiwillig auf den Draft verzichtet? So etwas gab es vorher und nachher nie mehr.

Schon wieder ein 0:4?

Und nun der Final 2019 gegen Boston. Ein erstes Ziel der Blues ist also klar: Endlich ein gewonnenes Finalspiel. Allerdings sind die Bruins klar favorisiert, nicht nur des Superstar-Goalies Rask wegen. Auch in Defensive und Offensive ist Boston äusserst breit besetzt und hat sich bislang im Playoff 2019 als klar stärkste Equipe behauptet.

Übrigens: Bezwinger der St. Louis Blues in ihrem bislang letzten Final 1970 waren … die Boston Bruins.

Erstellt: 22.05.2019, 20:18 Uhr

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