Die gute Hand des ewigen Stifts

Mit 30 wagte Philippe Furrer den ersten Transfer. Der Umzug nach Lugano hat sich schon vor dem Final gegen seinen Stammclub Bern gelohnt.

Philippe Furrer ist in seiner neuen Umgebung rundum zufrieden. Foto: Pablo Gianinazzi (Ti-Press)

Philippe Furrer ist in seiner neuen Umgebung rundum zufrieden. Foto: Pablo Gianinazzi (Ti-Press)

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Geschlafen habe er gut nach dem Sieg am Montag, aber nicht sehr viel. «Ich habe nach Spielen oft Mühe einzuschlafen, wegen des Adrenalins.» Und ja, sagt Philippe Furrer, die Begleitumstände hätten nicht dazu beigetragen, dass sich der Hormonspiegel rasch normalisierte. Lange war er nach der Finalqualifikation ein gefragter Mann bei den Medien, für einmal wegen seiner Offensivqualitäten: Eiskalt hatte er per Penalty Luganos wichtigstes Tor im letzten Jahrzehnt erzielt. Ein paar Tage später ist seine Einlage im Stil eines Topskorers für Furrer aber schon weit weg: «Gewonnen hat man im Playoff erst, wenn man den Pokal in die Höhe stemmen kann.»

Er sagt es mit der Gelassenheit von 3 Meistertiteln, der Erfahrung aus 5 WM-Turnieren und der Olympischen Spiele 2010. Wegen dieses Leistungsausweises und seinen Qualitäten als Teamspieler wurde er ins Land der Häuptlinge ­geholt. Er bringt mit seinem schnörkellos-stabilen Spiel und der Härte Qualitäten mit, die man lange vermisste. «Wie alle Neuzugänge konnte ich mit meiner Playoff-Erfahrung helfen und der unerbittlichen Bereitschaft, für den Erfolg zu arbeiten», sagt Furrer bescheiden.

Mit Amerika geliebäugelt

Furrer verblüffte 2015, als er für drei Jahre in Lugano unterschrieb, schliesslich ist er ein Ur-Berner. Er kam mit 7 Jahren zum SCB, debütierte mit 16 in der NLA, erlebte in 14 Jahren viele Höhen und einige Tiefen. Viele dachten, er werde seine Karriere in Bern beenden – auch weil ein Wechsel mit 30 und einer Familie mit einjährigen Zwillingsgirls und einer dreijährigen Tochter eine ­Herausforderung darstellt. «Mich hat genau dies gereizt. Ich wollte erleben, wie es ist, wenn man als gestandener Spieler wechselt.» Lange hatte er mit Nordamerika geliebäugelt, zum letzten Mal nach dem WM-Silbermärchen 2013, seinem Karrierehöhepunkt. «Aber Defensivverteidiger wie mich gibt es dort drüben zuhauf, da hätte ich früher gehen müssen.»

Sein Zuhause war die Allmend, er kannte jeden Winkel, jede Person. Alle kannten ihn, und obwohl er längst ein Leistungsträger war, wurde er das Etikett des «ewigen Stifts» nicht ganz los. «Man wird beim Stammclub immer irgendwie als Rookie wahrgenommen», sagt Furrer. Er hegt keinen Groll – die Bundesstadt und den Bären trägt er im Herzen. Aber: «Ich musste weg, um mich weiterzuent­wickeln.» Erste Kontakte mit Lugano gab es 2014, weil Bern aber ins Playout fiel, erhielt Trainer Fischer eine Absage. «Ich wollte den Club nicht verlassen, als es schlecht lief», sagt Furrer. Das Interesse hielt an, der Transfer war nur auf­geschoben. «Fischer ist ein Hauptgrund dafür, dass ich hier bin.» Der Nationaltrainer ist neben Antti Törmänen einer von zwei Coachs, mit denen Furrer ein enges Verhältnis hatte. «Heute bin ich nicht mehr sicher, ob das gut war: Beide wurden anschliessend entlassen», sagt Furrer mit einem Schmunzeln.

Das grösste Mysterium

Lugano war die grösstmögliche Herausforderung: Dem einstigen Schweizer Vorzeigeverein haftete seit 2007 das ­Verlierer-Image an. Eine unerklärliche Misserfolgsserie, auch für Furrer: «Ich fragte mich, wie ein Team, das auf dem Papier so gut ist, nichts gewinnt.» Dem wohl grössten Mysterium im hiesigen Eishockey kam er bald auf die Schliche. Er war gewohnt, dass eine Gruppe den Kern bildete, in Bern Deutschschweizer, im Idealfall Berner, der Identifikationsfaktor mit dem Club war hoch. «Hier ­haben wir sechs Ansprechgruppen; das macht es für jede Führungsperson schwierig», erklärt er. Seit Sheddens ­Ankunft, so insinuieren die Resultate, sprechen alle – Tessiner, Italiener, Deutschschweizer, Romands, Schweden und Nordamerikaner – die gleiche Sprache. Furrer bestätigt: «Sheddens System ist noch besser als das von Fischer. Ich bin froh, dass er noch zwei Jahre bleibt.»

Auf dem Eis stimmt es, privat auch. Die ältere Tochter besucht den Kindergarten auf Italienisch, Furrer nimmt mit seiner Frau und Damien Brunner Privatstunden, einzig das Betriebsökonomie-Studium des passionierten Architekten ist ins Stocken geraten. Dennoch ist er rundum zufrieden: «Es war ein fantastischer Entscheid, und die Erfahrung hat uns als Familie noch mehr zusammengeschweisst. Auch der Zeitpunkt passt, wenn die Kinder eingeschult werden, wollen wir sesshaft sein.» Die mittelfristige Zukunft liegt in Murten, dort baut die Familie Furrer ein Haus.

Ab Morgen bestreitet er seinen sechsten Final. Spielen wird er wie immer: hart, einfach, ähnlich wie einst Vorbild Martin Steinegger. Provokationen sind nicht Furrers Ding: «Für Trashtalk oder Ähnliches würde mir die nötige Energie fehlen.» Vor 12 Jahren, beim letzten Final der zwei Teams, war er kein Faktor, wegen einer Hüftoperation hatte er die ganze Saison verpasst. Die Erinnerungen sind aber präsent, an den Flug zum letzten Spiel von Belp nach Agno, an die endlose Wartezeit, an das entscheidende Tor («Marc Weber auf Pass von Dominic Meier»), die Heimfahrt und den Empfang auf dem Bundesplatz. «Es war wunderbar.» Nun hofft er auf eine Duplizität der Ereignisse, mit einem Unterschied: «Auch die Piazza Riforma eignet sich bestens zum Feiern.» Für Philippe Furrer wäre der Festakt die Krönung eines Traumjahres.

Erstellt: 01.04.2016, 00:41 Uhr

Playoff-Final

Der TA-Tipp

Zum neunten Mal seit Einführung des ­Playoffs kommt es ab morgen (20.15 Uhr, Resega) zum Klassiker zwischen Lugano und Bern; der SCB hat sechs Serien gewonnen. Noch nie hatte am Schluss der Regular Season weniger auf diese Affiche hingedeutet: Für beide Teams ist nach enttäuschenden Qualifikationen inklusive Trainerwechseln schon der Halbfinal ein Erfolg. Für Bern spricht das Selbstvertrauen nach den Siegen gegen den ZSC und Davos, Lugano hat aber in den Direktbegegnungen 8:4 Punkte gewonnen. Doug Shedden kann dank den Schweden, Brunner, Hofmann und Bertaggia auf eine etwas stärkere Offensive zählen als Lars Leuenberger, dem im Final Luca Hischier (Schlüsselbeinbruch) nicht mehr zur Verfügung steht. Im Goalievergleich steht Merzlikins leicht besser da als Stepanek. Spannung verspricht auch das Duell der Provokateure Lapierre und Rüfenacht. (mke)
TA-Tipp: Lugano - Bern 4:2

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