Die Harlem Globetrotters des Schweizer Eishockeys

Drei Runden sind gespielt: 12 Feststellungen zum Saisonstart der National League.

Illustration Kornel Stalder.

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Es folgen die 12 von uns ausgewählten Punkte nach drei Runden National-League-Eishockey. Haben wir etwas vergessen, das dafür Ihnen, werte Leserin und werter Leser, aufgefallen ist? Dann schreiben Sie es in die Kommentarspalte unter dem Artikel!

1. Spektakel vorne, Spektakel hinten

Meisterfavorit Nummer 1 sind sie, die Zuger. Bislang tritt der EVZ indes trotz zweier Siege in drei Spielen nicht wirklich meisterlich auf – sondern eher wie die Eishockeyversion der Harlem Globetrotters. Ihre vielen technisch brillanten Stürmer zaubern im Powerplay Tor um Tor aufs Eis, doch wenn es ums mühsame Verteidigen bei numerischem Gleichstand geht, scheint noch nicht bei allen Zugern die grosse Lust vorhanden zu sein. Da spielt es dann auch keine Rolle, ob Leonardo Genoni oder Hans Mustermann im Tor steht. Eine Message, die Trainer Dan Tangnes noch zu seinem Team durchbringen muss.

Defensiver «Meltdown» des EV Zug: Lausannes Tyler Moy trifft ungestört vor Leonardo Genoni. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Fast so spektakulär wie das EVZ-Powerplay: Die Harlem Globetrotters in (ungestörter) Action. (Video: YouTube)

2. Himmel und Hölle mit Maxim Noreau

Nicht nur der EVZ sorgt für Spektakel auf dem ganzen Eis. Dies gilt, und das ist nichts Neues, auch für Maxim Noreau. Der schussgewaltige ZSC-Verteidiger traf zwar bereits im Startspiel gegen Davos zwei Mal aus der Distanz, der Kanadier stand aber auch bei bereits sieben der bislang elf ZSC-Gegentore auf dem Eis. Auch wenn fairerweise erwähnt werden muss, dass auch Powerplay-Tore und Empty Netter darunter sind, sah Noreau in der Defensive nicht immer vorteilhaft aus. Als (statistisches) Gegenstück dazu Marc Wieser: Der Davoser Flügelstürmer stand bei fünf der sechs bisherigen HCD-Tore auf dem Eis, war an drei davon direkt beteiligt.

Auf und Ab: Maxim Noreau als Scharfschütze, aber auch als Direktbeteiligter bei Gegentoren. (Videos: MySports)


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3. Zu viel des Einsatzes

Bleiben wir beim ZSC. Roman Wick steckt im Vertragsjahr. Und langjährige Beobachter der Lions wissen, was das heisst. Der brillante Flügelstürmer bemüht sich noch ein Mü mehr als sonst. Momentan ist er allerdings fast schon zu eifrig bei der Sache. Gleich zwei Mal hintereinander, in Zug und in Genf, kassierte Wick, alles andere als ein unfairer Zeitgenosse, in der Schlussphase eine 4-Minuten-Strafe, weil er einem Gegner den Stock ins Gesicht schlug.

Ein rares «Kunststück»: Roman Wick kassiert in zwei Spielen hintereinander in der Schlussphase je eine 4-Minuten-Strafe wegen zwei fast identischen Vergehen. (Videos MySports)

4. Die Konsternation des neuen Trainers

Er kam, um Struktur ins Spiel Luganos zu bringen, weg vom «Run n’ Gun»-Hockey, diesem wilden Transitionsspiel, das in der Schweiz nicht selten zu beobachten sei: Sami Kapanen, der neue Trainer des HC Lugano. Nach nur zwei Spielen und zwei Heimniederlagen (2:5 gegen Lausanne, 2:3 gegen Davos) dürfte der Finne indes konsterniert feststellen, welch harte Aufgabe auf ihn da wartet und wie froh er doch um viele eigenen Torchancen dank «Run n’ Gun» wäre … Mit gegnerischem Tempo und Forechecking bekundet Lugano viel Mühe. Und dass er auch den Spruch «Elvis has left the building» immer wieder zu hören bekommen dürfte, hilft auch nicht wirklich. Der nach Nordamerika abgewanderte Goalie Elvis Merzlikins ist kaum zu ersetzen.

Die einen laufen, die anderen staunen: Luganos Mühe mit dem Tempo und dem Forechecking der 4. Linie des HC Davos. (Video MySports)

5. Da kann der SCB nur lachen

Über all die Sorgen der anderen (vermeintlichen) Spitzenteams kann der SC Bern nur lachen. Gaetan Haas ist weg, Tristan Scherwey schiesst derzeit sogar Gamewinner für Ottawa im NHL-Camp, Leonardo Genoni wundert sich in Zug über zuletzt in drei Jahren nicht mehr erlebte defensive Sorglosigkeit – dennoch hat der SCB seine ersten beiden Pflichtaufgaben gegen die Lakers (6:3) und Ambri (4:1) mehr oder weniger souverän erledigt. Vielleicht ist damit teilweise auch das erklärt, was SCB-Manager Marc Lüthi als «charakterstärkstes Team» umschrieb.

Tristan Scherwey profitiert im Ottawa-Dress von einem groben Schnitzer des Toronto-Stars Mitch Marner – auch seinem SCB läuft es in der Heimat rund. (Quelle: Ottawa Senators/Twitter)

6. Sven Helfenstein, der Sprüchelieferant

Apropos Genoni. Dass es nicht nur Goalies hilft, Vergangenes so schnell als möglich abzuhaken, sondern auch TV-Experten, zeigt die Episode vom Dienstagabend bei «MySports»: Ex-Spieler und Agent Sven Helfenstein («Helpstone Sport Consulting»), beim Sportsender nebst Fachmann auch Stimmungskanone, die nie um Sprüche verlegen ist, sagte zu den vielen Zuger Gegentoren dies: «Wie gut Genoni wirklich ist, sieht man vielleicht jetzt bei einem Team, das defensiv nicht so gut ist wie der SCB. Das könnte zur Challenge für ihn werden.» Dass Genoni neun Jahre lang beim HC Davos mehrheitlich brillierte und dabei nicht immer nur erstklassige Abwehrarbeit vor sich sah, wurde hier gekonnt ausgeklammert – hätte ja bloss den guten Spruch torpediert.

7. Lausanne, die Kopie des SCB

Und gleich nochmals Bern – zumindest indirekt. Ohne Punktverlust steht ausser dem Meister nur Lausanne da. Und das nach zwei Auswärtsspielen in Lugano und Zug. Die Mannschaft von Ville Peltonen, zuvor Assistent von SCB-Coach Kari Jalonen, überzeugt weniger durch Brillanz als durch Systemtreue, Organisation und das beste Powerplay der Liga. Und wenn auch die Defensive mal patzt, wie hin und wieder in Zug beim 6:5-Sieg auch vorgekommen, dann hilft die Breite in der Offensive. Wie wird das erst, wenn die aufgerüsteten Waadtländer am Dienstag ihr neues Stadion einweihen?

8. Ambri, das unter Verlustschmerz leidet

Unerhörtes geschah jüngst bei den Leventinern: Ambri qualifizierte sich für die Champions League, erhielt eine Einladung für den Spengler-Cup – und begann tatsächlich mit dem Bau eines neuen Stadions. Beim Saisonstart aber blieb auch der andere Tessiner Club punktelos, findet sich nach drei Spielen auf dem letzten Rang wieder, schoss erst vier Tore. Das sind nur zwei mehr als Ambris letztjähriger Topskorer Dominik Kubalik am Dienstag in seinem allerersten Match für die Chicago Blackhawks erzielte. Derweil kommen Kubaliks letztjährige Sturmpartner Dominic Zwerger und Marco Müller zusammen auf einen einzigen Assist. Nicht nur ihnen fehlt der Tscheche schmerzhaft.

Dominik Kubalik als Torschütze im Testspiel für Chicago. (Video: Twitter)

9. Servette, die Spürnase für Ausländer

Bisher war nicht zu merken, dass Servette im Sommer zwei Schweizer Center verloren, dass mit Tanner Richard ein weiterer ausfiel, Captain und Nationalstürmer Noah Rod gesperrt war. Ihre zwei Siege aus drei Spielen verdanken die Genfer nicht zuletzt ihren Ausländern: Fünf ihrer sechs besten Skorer haben keinen Schweizer Pass – einer davon allerdings eine Schweizer Lizenz. Deniss Smirnovs, ein 20-jähriger Lette, wurde einst in Servettes Juniorenabteilung gelockt und profitiert nun eindrücklich davon, dass sein Club so viele Abgänge und Verletzte beklagt. Als Center des ersten Blocks sammelte er drei Skorerpunkte in drei Spielen.

Dieses Gesicht gilt es zu merken: Dennis Smirnovs, die Neuentdeckung bei Servette. (Bild Salvatore Di Nolfi/Keystone)

10. Rapperswil-Jona, Defensivkünstler vom Obersee

Aufgerüstet haben die Lakers nur ein bisschen dieses Jahr: Roman Cervenka soll dem Sturm mehr Glanz verleihen, der neue Captain Andrew Rowe mehr Durchschlagskraft. Ihren Erfolg verdankt die Überraschungsmannschaft der ersten Woche allerdings dem Spiel ohne Puck: In drei Meisterschaftspartien blieb sie zweimal ebenso ohne Gegentor wie zuvor beim Cup-Match in Kloten. Goalie Melvin Nyffeler ist mittlerweile seit 132:48 Spielminuten unbezwungen. Nicht schlecht für ein Team, das im Vorjahr die meisten Tore der Liga kassierte und über einen Monat auf seinen zweiten Sieg warten musste.

Für Lakers-Fans zum Geniessen: 12 der 52 Paraden Melvin Nyffelers bei den beiden Shutouts gegen Ambri und Biel. (Videos Swiss Ice Hockey)

11. Fribourg, Torjubel dringend gesucht

Gleich vier neue Ausländer sollten bei Gottéron die Offensive ankurbeln. Trotzdem haben die Freiburger mit drei Treffern aus zwei Spielen den bisher unproduktivsten Angriff der Liga. Und nun fällt auch noch Captain und Torgarant Julien Sprunger mit einer Knieverletzung monatelang aus. Besser wird die Torausbeute vorerst nicht: Gottéron hat dieses Wochenende spielfrei.

Knie an Knie: Hier, bei diesem Zusammenstoss mit Robbie Earl, verletzt sich Julien Sprunger. (Video Twitter/MySports)

12. Biel und die defensive Wunder-Quote

Der EHC Biel mag als Leader zwar zuletzt eine unerwartete 0:1-Overtime-Heimniederlage gegen Rapperswil-Jona kassiert haben, das ändert nichts an einer beeindruckenden Zahl – im Gegenteil: In bislang acht Ernstkämpfen (4 Spiele CHL, 1 Spiel Cup, 3 Spiele National League) hat die Mannschaft von Antti Törmänen erst neun Gegentore kassiert. (kk/phm/sg)

Erstellt: 19.09.2019, 14:46 Uhr

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