Die jungen Bullen fordern die alten Stiere

Wenn die Zuger den Mut haben, ihr frenetisches Eishockey durchzuziehen, werden sie den Playoff-Final gegen Bern gewinnen.

Im Cup-Halbfinal konnten die Berner die aufstrebenden Zuger nicht bezwingen – und nun im Playoff-Final? Foto: Marcel Bieri (Keystone)

Im Cup-Halbfinal konnten die Berner die aufstrebenden Zuger nicht bezwingen – und nun im Playoff-Final? Foto: Marcel Bieri (Keystone)

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Wenn sich die Hockeygötter um Gerechtigkeit scheren würden, würde der EHC Biel ab heute gegen den EV Zug um seinen ersten Meistertitel seit 36 Jahren spielen. (Quizfrage: Wer war der Trainer jenes Teams?) Und ich bin überzeugt, dass es so gekommen wäre, wenn Michael Hügli in der Startminute von Spiel 6 die Bieler in Führung gebracht hätte. Aber nein, Leonardo Genoni streckte sich wie der Wal am Strand im Spielfilm «Free Willy», riss sein Bein in die Höhe und lenkte den Puck zur Seite. Es war ein Moment, in dem sich Inspiration und Glück vermählten. Und so kommt es, dass der EVZ heute zum Auftakt der Final­serie in die Berner Postfinance-Arena reisen muss.

Ich erwarte einen Klassiker – zwischen den hyperkinetischen, ambitionierten Zugern und den grauhaarigen, kampferprobten Berner Routiniers. Diese wissen, was vom EVZ zu erwarten ist, und doch bin ich nicht sicher, ob sie bereit sind für den Ansturm, der auf sie zukommen wird. Wir wissen genau, wie Kari Jalonen sein Team spielen lässt. Das verändert sich nie gross. Deshalb glaube ich, dass viel davon abhängt, wie sein Gegenspieler Dan Tangnes diese Serie angeht. Ist er so furchtlos, dass er seine Spieler komplett von der Leine, die müden Berner ­während 60 Minuten schonungslos attackieren lässt?Das jedenfalls würde ich tun.

Zug darf den Berner Kreativspielern wie Arcobello, Ebbett oder Untersander keine Zeit geben, mit dem Puck etwas anzustellen – vor allem nicht im Powerplay. Jeder puck­führende SCB-Spieler sollte unter Druck gesetzt und gecheckt werden. Die Zuger müssen dafür sorgen, dass es sich für die Berner anfühlt, als würden sie durch Treibsand fahren. Ermüde sie, frustriere sie, rase ihnen um die Ohren! Das muss das Rezept der Zuger sein. Wenn sie so spielen, gewinnen sie.

Und nun zum SCB. Er hat es mit dem Rücken zur Wand doch noch geschafft, zu seinen Wurzeln zurückzufinden. In meiner letzten Kolumne fragte ich: «Wo ist Tristan Scherwey?» Er ist meinem Aufruf gefolgt. Zuletzt sahen wir wieder den guten alten Scherwey, der die Gegner nervt, etwas Bösartigkeit hineinbringt, sein Team antreibt mit seinem Speed und seiner aggressiven Spielweise. Der arme Mike Künzle weiss wohl jetzt noch nicht, wie ihm geschehen ist, als er in Spiel 6 nach einem Check Scherweys zerknüllt in einer Ecke landete. Wenn Scherwey so spielt, ist er der effektivste Spieler der Liga. Dann treibt er seine Gegner zu schlechten Entscheidungen. Wenn er hingegen denkt, er sei ein Kreativspieler oder ein Goalgetter, ist er wirkungslos. Und dann skort er auch nicht.

Nun muss auch Thomas Rüfenacht noch sein zermürbendes Körperspiel wieder entdecken. Wenn ich Coach Jalonen wäre, würde ich ihn anweisen, von Beginn weg Johann Morant unter die Haut zu gehen, mit ihm eine Fehde zu eröffnen, die die ganze Serie andauert. So kann er gleich den Tarif durchgeben und den Zuger Anstifter beschäftigen. Es wird schon viel aussagen, was heute in den ersten paar Einsätzen geschieht. Die Zuger werden versuchen, ihre Intensität ab dem Puckeinwurf durchzusetzen – die Berner werden dagegenhalten wollen. Die Serie wird in den Zweikämpfen entschieden und in den Köpfen: Wer ist bereit, den Preis zu zahlen? Die Zuger werden zu rasant spielen, als dass sie nervös werden könnten. Die Berner werden versuchen, mit Härte zu antworten. Ich erwarte kein Abtasten, sondern einen erbitterten Kampf von der ersten Sekunde an.

Als ich 1999 in mein erstes Playoff mit den ZSC Lions stieg, dachte ich, ich sei ziemlich gut und könne das Team zum Titel managen. War für ein Fehler! Wir scheiterten jämmerlich im Viertelfinal. Die beiden Finalcoaches müssen sich bewusst sein, dass sie am besten ­beraten sind, ihren Spielern den «Schlachtplan» zu erklären und ihnen dann die Bühne zu überlassen. Das ist die Ironie des Coachings – oft bist du der bessere Coach, wenn du weniger coachst.

Das sollte vor allem Dan Tangnes beherzigen, der erstmals in einem Final steht. Er hat ein junges, aggressives Team, das es liebt, zu laufen und Puckverluste zu provozieren. Die Zuger sollten nicht gross nachdenken, sondern vor allem tun. Der SCB spielt ein überlegteres Eishockey. Coach Jalonen wird seine vierte Linie öfter aufs Eis schicken müssen, aber aus welchen Gründen auch immer widerstrebt ihm das. Und seine Strategie, sich in die neutrale Zone zurückzuziehen, um einen Vorsprung zu verteidigen, wird gegen die Zuger schon gar nicht aufgehen. Wenn der SCB die rote Linie preisgibt, spielt das dem EVZ in die Karten – mehr noch als den Genfern im Viertelfinal. Was ist also mein Ratschlag an die beiden Coaches? Macht den Spielern klar, wo eure Prioritäten liegen, und tretet zur Seite!

Dies könnten für eine Weile die letzten Tage des alternden SCB an der Sonne sein. Das Transfer-Playoff hat der jüngere EVZ mit den Zuzügen von Genoni und Hofmann ja bereits gewonnen. Und ich habe das Gefühl, die Zuger sind jung und erfahren genug, um einen kleinen Vorteil zu haben in diesem Duell. Aber eben, wenn uns die letzten Wochen etwas gelehrt haben, dann dies: Schreibe den SCB nie ab!

Für mich ist es die reizvollste Finalaffiche, die möglich war. Die beiden Teams haben unterschiedliche Stärken und kontrastierende Spielstile. Es ist wie bei den Rindviechern, die jungen Zuger Bullen gegen die alten Berner Stiere, und beide wollen die Herrschaft über die Herde.

Der SCB hat ein bisschen mehr Talent, aber er muss sich auf ein frenetisches, druckvolles Spiel einstellen, das er so noch nie erlebt hat. Es wird wehtun. Die Zuger müssen ihre Nerven behalten und die Berner aus der Balance bringen – Abend für Abend, für die sieben Spiele, die es wohl brauchen wird, um die Meisterschaft zu gewinnen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.04.2019, 22:34 Uhr

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