Die Las-Vegas-Connection

Die Eishockey-Freundschaft zwischen Servettes McSorley und Lausanne-Besitzer Stickney hat Kloten einen Präsidenten und fast die Existenz gekostet.

Starker Mann in Genf und Strippenzieher in der ganzen Liga: Servette-Trainer Chris McSorley. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Starker Mann in Genf und Strippenzieher in der ganzen Liga: Servette-Trainer Chris McSorley. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Diese Geschichte beginnt vor zwei Jahrzehnten in Las Vegas. Sie führt 2015 und 2016 zum Verkauf der Kloten Flyers und startet nun aufs Neue in Lausanne. Es ist eine Geschichte um Eishockey, Freundschaft, Business und Verrat. Sie bewirkte, dass Kloten sich wieder als Dorfclub präsentiert. Und Lausanne hat sie offenbar nicht geschadet: Der LHC reist heute als Leader zum ZSC.

Die eine Hauptfigur tritt nur selten in Erscheinung. Ken Stickney heisst sie: Amerikaner, Mitte fünfzig und wohnhaft in Manhattan Beach, einem der teuersten Flecken Kaliforniens. Dem Vernehmen nach ist er Milliardär, sicher ist er Präsident von Avenir Sports. Einer Firma mit dem Zweck, profitable Sportunternehmen zu betreiben. Jener Firma auch, welche die Kloten Flyers im Frühling 2015 übernimmt.

Was lange kaum auffällt: Stickney ist auch Präsident der Flyers. Anwesend ist er kaum, aber einen öffentlichkeitswirksamen Moment hat er dennoch. Zwei Wochen vor dem Playoff-Start 2016 ­demissioniert er per sofort. Er hat ­gerade den LHC gekauft. Ein Clubpräsident erwirbt mitten in der Saison einen Konkurrenten und tritt ab: Das ist nicht nur im Schweizer Sport ein unerhörter Vorgang. Aus Kloten heisst es damals, nichts ändere sich am Engagement von Avenir. «Es ist nur ein Wechsel auf dem Präsidentenstuhl», glaubt CEO Matthias Berner.

Einen Monat später ist klar: Er täuschte sich gründlich.

Attraktiver dank Stadionprojekt

Die andere Hauptfigur heisst Chris McSorley und tritt so gerne wie oft in ­Erscheinung. Als Trainer, Sportchef und starker Mann bei Servette Genf. Als Teambesitzer auch. Ab 2004 war McSorley Teilhaber, jüngst allerdings soll er seine Anteile an Präsident Hugh Quennec übergeben haben. Im Tausch gegen einen unkündbaren Arbeitsvertrag über mindestens zehn Jahre.

McSorley kennt Stickney seit Mitte der 1990er. «Er ist ein Freund», sagt der Kanadier über jenen Mann, der bei Las Vegas Thunder in der IHL Clubbesitzer war, als McSorley dort coachte. Der ­Kontakt ist nie abgerissen.

Die Flyers bekommen das zu spüren. Nachdem Stickney Lausanne übernommen hat, findet McSorley gegenüber «Le Matin» bemerkenswerte Worte. Über seine Rolle als Einflüsterer beim Avenir-Einstieg in Kloten 2015: «Als ich hörte, dass die Flyers zum Verkauf standen, habe ich Ken viel Gutes über sie erzählt.» Die Lausanne-Übernahme zehn Monate ­später schockiert ihn sowieso nicht: «Ich wusste um Kens Absicht – ich war nur überrascht, dass er es schaffte.»

Der Verkauf der Flyers

Ein Geheimnis um ihre Verbindung machen die zwei nie. Vor dem Besitzerwechsel bei Lausanne besuchen sie ­gemeinsam den Cup-Final – in Lausanne. Und da Stickney schon im Lande ist, reisen sie auch noch nach Siders, um sich die dortige Eishalle anzusehen. Aus Gründen, die bald offenbar werden.

Denn einen Tag nach Klotens Playoff-Out verkündet Avenir, die Flyers entgegen ­aller Versprechen nun doch verkaufen zu wollen. Und zwei Tage später bringt der «SonntagsBlick» eine Walliser Investorengruppe ins Spiel, welche für eine Million Franken als Käufer bereitstehe – um den Club nach ­Siders zu zügeln.

«Ich bin sicher, die Hälfte der Liga gibt zu, Angebote gemacht zu haben – und die andere Hälfte lügt.»Chris McSorley

Das kommt in Kloten gar nicht gut an. Nicht genug, dass der Club irgendwie auf neue Beine gestellt werden muss. Man hat auch noch der neuartigen Drohung eines Umzugs entgegenzutreten und die Spieler zu überzeugen, Kloten trotz ungewisser Zukunft die Treue zu halten. Die Abwerbeversuche aus der Westschweiz sind zahlreich. Ein Nationalspieler erzählt, Servette habe ihm gleichen Lohn wie in Kloten plus ­Wohnung geboten. McSorley bestreitet das gar nicht: «Ich bin sicher, die Hälfte der Liga gibt zu, Angebote gemacht zu haben – und die andere Hälfte lügt.»

Dass der Kanadier über Klotener Löhne Bescheid weiss, ist nicht ab­wegig: Sein guter Freund in Lausanne kennt sie ja auf den Franken genau.

Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig. «Ich habe die Lohnliste sicher nie gesehen», betont Sacha Weibel, «aber die brauche ich auch nicht – die Löhne der 150 besten Spieler kennen sowieso alle.»

Undurchsichtige Beziehungen

Weibel ist Geschäftsführer des LHC, und er zeichnet ein ganz anderes Bild von Stickney. Seit einem Jahr ­kennen sich die beiden – McSorley fragt Weibel damals, ob der sich nicht mit Stickney über die Zukunft der Liga unterhalten wolle. Es sind offenbar beiderseits fruchtbare Gespräche.

Denn Lausanne steht vor dem Bau einer öffentlich finanzierten 200-Millionen-Franken-Arena, die 2019 eingeweiht werden soll. Und Stickney hat genau auf diesem Gebiet jede Menge Know-how: Sieben Stadien hat er in Nordamerika ­eröffnet, von Eishockey bis Baseball. Der LHC ist stark ins ­Projekt involviert, Stickney schon darum ein Gewinn. Alle zwei Tage hätten sie Kontakt, sagt Weibel, fast immer gehe es ums Stadion.

Gut möglich, dass es wirklich so einfach ist. Denn in Kloten haben sie sich immer gefragt, warum Avenir den Club überhaupt kaufte. Dabei sagt Stickney schon bei der medialen Begrüssung im April 2015: «In der NLA gibt es zwölf Teams, und praktisch nie steht eines zum Verkauf – die Liste der Kandidaten war also relativ kurz.»

Es ist wohl schlicht so, dass die Nordamerikaner ihr Portfolio um einen Schweizer Club erweitern wollten. Sie kaufen die Flyers, weil es gerade nichts anderes gibt. Und als später unverhofft ein Kandidat erscheint, der dank Stadion und Catering tatsächlich Profit verspricht, passen sie kurzerhand ihr Portfolio an.

Immer mehr Avenir-Leute

Es erstaunt darum nicht, dass sich Stickney – anders als Avenir in Kloten – bisher aus dem Tagesgeschäft heraushält. VR, ­Geschäftsführung, Sport und Budget bleiben unangetastet. Das grosse Ziel ist die neue Arena. Und für Weibel hinkt der Vergleich mit Kloten ohnehin. «Es ist ja die Privatperson Stickney, die den Club gekauft hat, nicht Avenir.»

Das mag sein. Doch Stickney ist längst nicht die einzige Verbindung zu den ­früheren Flyers-Besitzern. Im VR der Holding sitzt neben Stickney auch der Zürcher Jurist Reto Arpagaus, der für Avenir schon bei Kloten VR war. Und auch Bob Strumm (69) ist wieder da. Wie in Kloten fungiert er als Nordamerika-Scout. «Er ist eine grosse Hilfe für Sportchef Jan Alston», ist ­Weibel überzeugt.

Was Strumm ebenfalls auszeichnet: Er war vor 20 Jahren General ­Manager in Las Vegas. «Mein Mentor», um es mit Chris McSorley zu sagen.

Ein Kreis schliesst sich, Avenir zeigt immer mehr Präsenz. Zu Ende ist diese ­Geschichte noch lange nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2016, 23:57 Uhr

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