«Die meisten Leute denken eh, für mich sei Feierabend»

Luca Sbisa geht einen ungewöhnlichen Weg, um nochmals einen NHL-Vertrag zu erhalten. Ein Besuch beim Schweizer auf Long Island.

Nur hier gibt's derzeit Eis für ihn: Luca Sbisa in der Trainingshalle der New York Islanders. (Bild Kristian Kapp)

Nur hier gibt's derzeit Eis für ihn: Luca Sbisa in der Trainingshalle der New York Islanders. (Bild Kristian Kapp)

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East Meadow gehört nicht zu den bekannteren Orten im Grossraum New York. In dieses Städtchen, von der Glitzerwelt Manhattans zwar nur 50 Kilometer, aber dennoch knapp zwei mühsame Stunden Fahrt kreuz und quer über Long Island entfernt, reisen kaum Touristen. Hier liegt auch das Northwell Health Ice Center, eine mittelgrosse Eishalle – hier trainiert normalerweise das NHL-Team der New York Islanders.

Nicht an diesem Donnerstagmorgen allerdings. Die Mannschaft ist auf einem Road Trip, spielt am Abend weit weg, in Winnipeg in Kanada. Fast niemand ist hier, auch der grosse Islanders-Fanshop neben der Eisfläche wartet vergeblich auf Kundschaft, nur das monotone Surren der auf und ab fahrenden Reinigungsmaschine in der Eingangshalle davor ist zu hören. Doch dann ist einer da, er kommt frisch geduscht aus dem Garderobengang, er hatte zuvor seine Übungen im Rink absolviert: Luca Sbisa, Schweizer Hockeyprofi, arbeitslos, clublos und dennoch irgendwie Teil der Islanders – er ist das Schweizer «Eishockey-Phantom».

Der 29-jährige Verteidiger hatte lange überlegt, ob er überhaupt reden will. Seinem Agenten hatte er eigentlich ausgerichtet, keine Medienanfragen anzunehmen. «Was soll ich überhaupt sagen?», fragt Sbisa nun. Er zeigt darum zunächst stolz mit Bildern und Videos auf seinem Handy, wie Söhnchen Nolan gewachsen ist seit damals, in Las Vegas, und nun mit Eishockeystock im Zimmer alles Runde, das vor ihm liegt, ob Golfball oder Kugeln, wild herumschiesst. «Das ist ganz neu, bislang benutzte er den Stock nur als Hammer», erzählt Sbisa lachend.

Auf dieses «Damals, in Vegas» kommen wir später noch zurück.

Damals, in Las Vegas, 2017: Der Arbeitsweg von Luca Sbisa von Summerlin zur T-Mobile-Arena. (Video: Kristian Kapp)

Doch zunächst spricht Sbisa nur zögerlich über seine sportliche Situation, und ein wenig Verständnis kann dem Zuger entgegengebracht werden, denn diese Situation, sie ist speziell. Sbisa ist vertragslos, doch wenn er über die New York Islanders spricht, redet er dennoch in der Wir-Form.

Die Islanders, letzte Saison noch Sbisas Club, liessen ihn die Vorbereitung im September per Tryout absolvieren, offerierten ihm danach aber keinen Vertrag für die Saison 2019/20. Sie erlauben es dem Schweizer aber, weiter bei ihnen zu trainieren. Und zu warten. Denn Sbisa hofft immer noch, wieder ein «richtiger» Islander zu werden, einer, der auch spielt. «Abgesehen davon mache ich alles mit. Als würde ich dazu gehören», erklärt Sbisa, der aber keinen Lohn erhält, dafür das Risiko trägt und alles selber zahlt: Wohnung, Auto, Lebensunterhalt – er wohnt, wie mehrere Islanders-Spieler auch, mit Ehefrau und Kind in einem Apartment unweit von hier in Garden City. All das sei es ihm wert, sagt Sbisa. Denn er ist zuversichtlich. Immer noch. Doch worauf wartet er?

Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas? Nicht wirklich …

Drehen wir kurz das Rad der Zeit zwei Jahre zurück, denn diese Geschichte beginnt eben damals, im Oktober 2017, als Sbisa für die neu zur NHL gestossenen Vegas Golden Knights spielte und alles in Ordnung war. Nolan war im Juni auf die Welt gekommen, Mutter Lauren und Sbisa waren glücklich. Auch sportlich lief es gut, Sbisa spielte oft im ersten Verteidigungspaar der Golden Knight, kam auf 20 Minuten Eiszeit pro Spiel.

Die Golden Knights mochten ihn, boten schon im November eine frühzeitige Vertragsverlängerung an, für vier Jahre hätte Sbisa unterschreiben können. Aus heutiger Optik eine unfassbare Story. Eine, die nur zu begreifen ist, wenn man sich in Sbisas Lage in jenem Moment versetzt, damals im November 2017: «Natürlich sage ich heute, im Nachhinein: Logisch, hätte ich dieses Angebot annehmen sollen. Aber niemand akzeptiert in meiner damaligen Situation gleich die allererste Offerte.»

Sbisas Glück fand noch im selben November ein jähes Ende, das Verletzungspech war beispiellos, kaum gab er seine Comebacks nach wochenlangen Pausen, passierte wieder etwas, vier Mal ging das so hin und her. Als die Saison zu Ende war, die Golden Knights erst im Playoff-Final von Washington gestoppt worden waren, war Sbisa plötzlich vereinslos – es gab kein neues Angebot mehr. Irgendwie versteht das auch Sbisa selber: «Wer gibt schon einem Spieler einen neuen Vertrag, der zuvor viermal hintereinander verletzt war?»

Die Situation in Vegas hatte sich ebenfalls verändert, die Golden Knights waren nach nur einem Jahr in der Liga plötzlich eine der begehrtesten Destinationen für die besten vertragslosen Spieler: Erfolgreiche Mannschaft, die besten Fans der Liga (das sagt ein Grossteil der gegnerischen Spieler), ein guter Ort zum Leben und verhältnismässig tiefe Steuern – welch ein Mix!

81 Mal überzählig bei den Islanders

Nach langer Suche im Sommer 2018 kam Sbisa bei den New York Islanders unter, diese setzten ihn letzte Saison indes nur in 9 von 90 Saisonspielen ein – ansonsten war der Schweizer stets überzählig. Eine Vertragsverlängerung gab es nun, im Sommer 2019, unter diesen Umständen selbstredend nicht. Doch nicht so schnell, hakt Sbisa ein. So selbstverständlich sei das nicht gewesen – denn einfach so habe er sich nicht entschlossen, dennoch bei den Islanders zu bleiben, ihr Angebot, Gast sein zu dürfen, anzunehmen.

«Wenn ich nicht eine reelle Chance sehen würde, bald wieder spielen zu können, wäre ich nicht hier», sagt Sbisa. Ins Detail könne er nicht gehen, aber die Gespräche mit diversen Entscheidungsträgern der Islanders hätten ihm diese Zuversicht verliehen. «Sie bitten mich um Geduld. Es muss nun einfach noch etwas für mich positives passieren.» Das wäre zum Beispiel ein Transfer zu einem anderen Club eines Islanders-Verteidigers, der Platz für Sbisa machen würde. Oder, so pervers das auch tönen mag, ein langfristiger Ausfall eines Abwehrspielers. Das hoffe er nun aber wirklich nicht, betont Sbisa.

Plötzlich doch die Schweiz?

Doch was, wenn das Glück nicht mehr anklopft beim Schweizer? Wenn das Angebot der Islanders ausbleibt? Eine erste persönliche Deadline hat er sich für Ende Oktober gesetzt. «Dann schaue ich die Situation mit meiner Ehefrau und meinem Agenten an, wie es weitergehen soll.» Ergibt sich gar nichts, könnte wider Erwarten und der öffentlichen Meinung eine Rückkehr in die Heimat doch noch Thema werden.

Nein, das schliesse er nicht mehr aus, auch wenn in der Schweiz ein Konsens herrsche, dass er nie mehr dort spielen würde: «Selbst meine Eltern riefen kürzlich an, sagten: ‹Hier meinen alle, du hörest jetzt auf mit dem Eishockey›», erzählt Sbisa. Und trotzig fügt er an, dass eh die meisten Leute glauben würden, «dass für mich in der NHL Feierabend ist.»

«Dann sagte ich mir: ‹Ich gebe auf, ich gehe heim›»

Das Gegenteil will er nun beweisen. Er sagt: «Ich weiss dass, ich in dieser Liga spielen kann.» Und auch: «Ich habe noch genug im Tank für die NHL.» Sein Körper habe sich letzte Saison erholen können, nach den vielen Verletzungen in seiner Karriere sei dies vonnöten gewesen. Nun fühle er sich physisch besser denn je. Doch was hat diese Saison 2018/19 mental mit Sbisa angestellt? 81 Mal überzählig – kann sowas an einem Spieler spurlos vorbei gehen?

Sbisa beschreibt seinen persönlichen Teufelskreis so: «Wenn du nie spielst, beginnst du zu überlegen, dich zu fragen: ‘‹Bin ich nicht gut genug?› Und sobald du beginnst, nachzudenken, geht es nur noch bergab.» Ja, er habe diese Tiefpunkte erlebt: «Dann sagte ich mir: ‹Ich gebe auf, ich gehe heim.› Doch dann wachte ich am nächsten Morgen auf und sagte mir: ‹Hör auf mit diesen Gedanken!› Das war eine Challenge.»

Zwei Dinge helfen Sbisa. Es geht ihm nicht mehr ums Geld, er hat finanziell ausgesorgt, gut 20 Millionen Dollar brutto hat er seit 2008 in der NHL verdient. Und er habe in diesen elf Jahren so vieles durchgemacht, alles gesehen, alles erlebt, sagt Sbisa. «Ich habe darum das Gefühl, dass mir eigentlich nichts mehr passieren kann. Natürlich stimmt das so nicht. Aber dennoch: Ich habe nichts mehr zu verlieren, kann nur noch gewinnen.»


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 18.10.2019, 09:16 Uhr

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