«Das Gefühl ist magisch, auf so viele Arten»

ZSC-Stürmer Fredrik Pettersson schöpft nach einer verpatzten Saison wieder Vertrauen. Und ist als Jungvater im emotionalen Hoch.

Der Meisterschütze des Hallenstadions – «ich treffe den Puck aus allen Situationen», sagt Fredrik Pettersson selbst. Foto: Sabina Bobst

Der Meisterschütze des Hallenstadions – «ich treffe den Puck aus allen Situationen», sagt Fredrik Pettersson selbst. Foto: Sabina Bobst

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Fredrik Pettersson hat einen furchtbaren Sommer hinter sich – und einen wunderbaren. Furchtbar, weil er seine Verletzung aus dem Hockeywinter mitschleppte und nicht einmal dem Golf, seiner zweiten Leidenschaft, frönen konnte. Und weil die verpatzte ZSC-Saison an ihm, dem Ehrgeizigen, nagte. Wunderbar, weil er am 3. Juli in seiner Heimatstadt Göteborg Vater einer Tochter wurde. Und wenn er, der oft so ernst wirkt, über dieses freudige Ereignis spricht, kann er gar nicht anders, als über das ganze Gesicht zu strahlen.

«Ich war viel um Kinder herum durch Freunde, die schon Eltern waren», sagt er. «Aber das Gefühl, ein eigenes zu haben, ist magisch. Auf so viele Arten. Es verändert dein Leben komplett. Jeder weiss das, der Kinder hat. Aber das selber zu erfahren, ist unglaublich.»

Zoey, wie die Tochter heisst, wird schon früh ins Eishockey eingeweiht. Die Mutter nahm sie an alle drei Heimspiele mit. Am Dienstag nach dem 4:1 über Fribourg gab es das erste Familienfoto in den Kabinengängen des Hallenstadions, mit den stolzen Eltern und der Tochter im Kinder-Autositz, wie sie in die Kamera lächelt.

Es war auch sonst ein gelungener Abend für Pettersson, der im sechsten Saisonspiel seine ersten zwei Tore erzielte. «Natürlich tut es gut, Tore zu schiessen», sagt der 32-Jährige. «Aber es ist nicht das Wichtigste. Sondern, dass wir Spiele gewinnen, ein gutes Gefühl im Team haben.» Ja, das ist wichtig. Doch einer wie Pettersson muss damit leben, an seinen Toren gemessen zu werden. Und damit hatte er lange auch kein Problem. In seinen ersten drei ganzen NLA-Saisons traf er in Lugano und Zürich inklusive Playoff 35-, 28- und 33-mal. Das ergibt 96 Tore und in dieser Zeit den Bestwert der Liga.

Er wollte nicht, dass andere glauben würden, er brauche die Verletzung als Entschuldigung. Darum erzählte er keinem davon.

Als Sven Leuenberger im Sommer 2017 den energiegeladenen Flügel verpflichtete, war er eigentlich auf der Suche nach einem Mittelstürmer gewesen. Doch den Reizen Petterssons konnte er schlicht nicht widerstehen. Und in seiner ersten ZSC-Saison wirkte dieser oft wie der einsame Kämpfer bei den Zürchern. Ohne seine Tore hätten sie das Playoff verpasst und da nicht zu einem wundersamen Sturmlauf zum Titel aufbrechen können.

Doch im vergangenen Winter wurde auch der Schwede von der allgemeinen Verunsicherung angesteckt. Er traf kaum mehr, schoss auch nicht mehr so häufig, lief dem Puck und dem Gegner oft hinterher. Magere 12 Tore waren das Resultat. Mit dem Pettersson des Vorjahres hätten die Lions das Playoff geschafft.

Was dieser Sportchef Leuenberger erst nach der Saison beim Abschlussgespräch mitteilte: dass er sich schon länger mit einer Verletzung geplagt hatte. Was es genau sei, wolle er bitte nicht in der Zeitung lesen, sagt er. Jedenfalls kam er um eine Operation herum. Doch eben: Aufs Golfen musste er im Sommer gänzlich verzichten.

Kollegen wie Chris Baltisberger war aufgefallen, dass etwas nicht stimmte, er das Krafttraining umstellte. Doch Pettersson wollte nicht, dass andere glauben würden, er wolle seine Blessur als Entschuldigung gebrauchen. Deshalb schwieg er lieber.

Plötzlich war der schussfreudigste Spieler der gesamten Liga nur noch die Nummer 3 – im Team.

Wie sehr ihn seine Blessur beeinträchtigte, darüber möchte er auch jetzt nicht reden. Baltisberger sagt dazu: «Wenn du die Schussbewegung so perfektioniert hast wie er, können kleine Dinge einen grossen Unterschied machen. Und dann leidet auch das Vertrauen.» In der Tat. War Pettersson 2017/18 mit 215 Torschüssen noch der schussfreudigste Spieler der Liga gewesen, war er im Jahr darauf mit 108 Schüssen nur noch die Nummer 3 bei den ZSC Lions.

Jedenfalls fühle er sich nun wieder besser, sagt Pettersson. Und allmählich scheint er sein Vertrauen wiederzufinden. Die sieben Torschüsse gegen Fribourg waren sein Höchstwert in dieser Saison. Doch er betont: «Inzwischen gibt es kein Team mehr, das nicht versucht, mich aus dem Spiel zu nehmen. Ich bekomme nicht mehr so viele Schusschancen wie früher. Also muss ich noch besser darin werden, die zu nutzen, die ich kriege.» Zu diesen kommt er bisher vor allem im Powerplay, das exzellent funktioniert, den Zürchern schon sechs Tore beschert hat.

«Jeder studiert Videos»

Petterson sagt dazu: «Es gibt immer ein neues Spiel, einen neuen Gegner, ein anderes Boxplay gegen uns. Jeder studiert Videos und weiss, woher die Schüsse kommen.» Daher gelte es, sich laufend anzupassen. Das Gute sei: Die Zürcher hätten in dieser Saison viele Schussoptionen. «Auch Noreau oder Roe schiessen exzellent. Und alle Passlinien können die Gegner nicht zustellen.»

Wie er die Pucks am Dienstag bei seinen beiden Toren von halblinks ins Lattenkreuz wuchtete, erinnerte jedenfalls schon wieder stark an den Pettersson von früher. «Sein Direktschuss ist eindrücklich», sagt sein Sturmpartner Baltisberger. «Er kann aus jedem Winkel direkt schiessen. Und die Flugbahn steigt bei seinen Schüssen stark an.»

Eine Frage des Timings, sagt der Gerühmte: «Ich habe nicht die gleiche Power wie ein grosser Spieler. Aber ich treffe den Puck aus allen Situationen. Der Schuss muss nicht möglichst hart sein, aber du musst sofort schiessen und möglichst präzise.»

Wenn ihm das gelingt, wird es laut im Hallenstadion wie am Dienstag. Tochter Zoey stört das nicht. Sie pflegt den Grossteil der Spiele ihres Vaters ohnehin noch zu verschlafen.


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Erstellt: 27.09.2019, 17:33 Uhr

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