«Die verrückteste Erfahrung meines Lebens»

ZSC-Stürmer Fredrik Pettersson wurde als Topskorer der Champions Hockey League geehrt. Für die meisten Emotionen beim Schweden sorgte diese Saison aber der Meister-Run mit den Zürchern.

Fredrik Pettersson mit der Trophäe des CHL-Topskorers.

Fredrik Pettersson mit der Trophäe des CHL-Topskorers. Bild: Patrick Hürlimann/Keystone

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In luftiger Höhe durfte Fredrik Pettersson am Mittwoch die Trophäe für den Topskorer der Champions Hockey League (CHL) der Saison 2017/18 entgegennehmen: In Zürich auf dem Dach des Turnier-Sponsors LGT Bank. Der 30-jährige Schwede blickte im Interview danach auch noch einmal zurück auf sein erstes Jahr beim ZSC, das ihm seinen ersten Meistertitel der Profikarriere bescherte.

Was bedeutet Ihnen diese Topskorer-Trophäe der Champions Hockey League?
Einerseits macht sie Freude, da sie dir sagt, du hast etwas Gutes getan. Dass wir in der CHL aber schon im Viertelfinal ausschieden, macht mich nicht happy. Nächste Saison ist es ein Ziel, bis ganz am Ende dabei zu sein.

Was Sie mit dem ZSC dafür gewannen: Ihren ersten nationalen Meistertitel.
Das bedeutet mir alles. Nichts kommt diesem Gefühl nahe. Es war ein langes Jahr auf einem holprigen Weg. Ich hatte so viele Jahre gespielt ohne Titel. Und ich erlebte so viele Saisons mit einem schlechten Ende. Das Gefühl hatte ich allerdings nie vergessen, da ich als Junior viel gewonnen hatte. Und wenn du einmal etwas gewonnen hast, egal auf welchem Level, dann willst du dieses Gefühl noch einmal spüren.

Die Nordamerikaner sprechen bei lange ausbleibendem Erfolg oft vom «Affen auf dem Rücken». Sind Sie Ihren Affen nun losgeworden?
Ehrlich gesagt: Ja. Je näher der Moment kam, in dem du alles gewinnen oder verlieren kannst, desto mehr Emotionen von früher kamen hoch. Ich habe auch schon einen Final verloren, und auch diesen vergisst du nie mehr in deinem Leben.

Es gab noch diese Geschichte: Für das alles entscheidende Spiel 7 gegen Lugano wurden Sie nach einem Check in den Rücken Maxim Lapierres, in der Schlussminute von Spiel 6, gesperrt. Weitere Spielsperren für die Beginn der Saison 2018/19 dürften dazukommen.
Was ich tat, war nicht okay. Ich bin alles andere als glücklich darüber, das ist ausschliesslich mein Fehler. Dazu stehe ich und werde meine Sperre akzeptieren. Das einzige, das ich noch dazu sagen kann: Auf dem Eis geht es sehr schnell und emotional zu und her, du triffst in Sekundenbruchteilen Entscheide. Ich wollte ihn checken, aber nicht auf diese Art und Weise. Das tut mir leid, und ich entschuldige mich dafür. Ich weiss, die Aktion sah überhaupt nicht gut aus.

Das Meister-Spiel zu verpassen …
… das ist überhaupt nicht einfach. Es war die verrückteste Erfahrung meines Lebens, dieses Spiel als Zuschauer verfolgen zu müssen. Ich kann es bis heute nicht richtig beschreiben. Du willst dabei sein, helfen, kannst es aber nicht, und dann ist das Spiel auch noch so eng.

Hatte sich vor diesem Check gegen Lapierre der ganze Final-Frust bei Ihnen aufgestaut? Ihrer Linie mit Shore und Korpikoski war gegen Lugano offensiv kaum etwas gelungen.
Es waren sehr viele Emotionen und Gefühle involviert. Es gibt auch das Spiel hinter dem Spiel, das sich die meisten kaum vorstellen können. Wir hatten unsere Probleme nach sehr guten Viertel- und Halbfinals. Im Final änderte sich vieles. In Spiel 4 zum Beispiel schossen wir drei insgesamt 17 Mal aufs Tor, trafen aber nur ein Mal. Solche Sachen passieren.

Woran lag es? An Luganos Spiel?
Es ist schwierig, für andere zu sprechen. Aber bei mir selbst spürte ich: Der Tank war fast leer, da kam kaum mehr was. Ich war am Ende. Es war ein langes Jahr, ich hatte immer gespielt: Meisterschaft, Nationalteam, Champions League, Olympia, Cup. Ich hatte vielleicht eine Pause in der ganzen Saison. Ich verlor im Final nach zwei Playoff-Serien darum diesen Extra-Gang, in den du sonst hochschalten kannst. Wir reden jetzt ja nur über Lugano, aber auch die Serien gegen Zug und Bern waren eng und sehr hart.

Und einen Eindruck wurde man auch nicht los: Gegen Lugano, Ihren ehemaligen Verein, setzten Sie sich zu sehr unter Druck, wirkten verkrampft.
Ich würde lügen, wenn ich das verneine. Ich habe sehr hohe Erwartungen an mich. Und jeder erwartet von mir, dass ich Tore schiesse, das ist Teil meiner Rolle. Wenn wir die ganze Saison anschauen, gab es kaum eine Phase, in der ich oder meine Linie nicht mehr trafen – ausser im Final. Was den Druck angeht: Diese Serie gegen Lugano war für mich der verrückteste Final, den ich mir hätte vorstellen können. Ich hatte so gute Jahre dort. Gegen Lugano einen Final zu spielen, war sehr hart, auf viele, viele Arten und Weisen.

Die Saison des ZSC glich einer Achterbahnfahrt. Blieben Sie wirklich immer zuversichtlich, dass am Ende alles gut herauskommen würde?
Auch hier kann ich nur meine Sichtweise darlegen. Ich kam ja als einer der Letzten in diese Mannschaft. Ich glaube nicht, dass wir zu Saisonbeginn überhaupt die Identität unserer Mannschaft kannten. Wir brauchten sehr lange, um zu verstehen: Auch wenn man sich in Zürich gewohnt war, Titel zu holen – wir waren kein Top-Team mehr. Wir wurden Siebte in der Qualifikation. Aber erst in den letzten 15 Spielen wurde das jedem wirklich klar: Wir können nicht wie ein Nummer-1-Team spielen. Diese Phase machte uns am Ende aber stärker und hielt uns als Gruppe zusammen. Doch etwas war immer da, das ich spürte.

Und zwar?
Wenn wir unser Top-Level erreichten, war er sehr hoch. Das war in der National League, aber auch in der Champions League der Fall. Spiele gegen Bern zum Beispiel. Oder Frölunda. Wir schafften es schon früh in der Saison, das Level dieser Top-Teams mindestens zu erreichen.

Aber meistens spielte der ZSC eben nicht auf diesem Level …
Ja, wir hatten viele Meetings während der Saison, wenn wir darüber sprachen und einander auch helfen mussten. Aber auch hart miteinander umgehen mussten, um für Weckrufe zu sorgen. Aber was uns den Erfolg bescherte, war der Zusammenhalt der Mannschaft. Wir haben wirklich viele grossartige Jungs in diesem Team, die füreinander arbeiten. Und wir hatten stets einen fröhlichen, positiven Vibe.

Teil der Saison war die Entlassung des schwedischen Coaching-Duos Wallson/Johansson Ende 2017. Wie war das für Sie als einer von drei schwedischen Spielern im Team?
Natürlich war das speziell. Das Ganze fühlte sich nie gut an. Und es ist immer so einfach, einem Coach oder einem einzelnen Spieler die Schuld zuzuschieben. Wenn Trainer gefeuert werden, ist das auch ein Zeichen, dass die ganze Gruppe versagt hat.

Sie hatten in dieser Saison viele Diskussionen mit Sportchef Sven Leuenberger. Zum Beispiel über Frustfouls …
Sven ist sehr ehrlich und direkt. So wie ich auch. Und ja, Strafen waren vor allem am Anfang der Saison ein Problem für mich – auch weil ich sehr emotional spiele.

Sie hingegen monierten, dass Schweizer weniger offen seien für Kritik, sie eher persönlich nehmen würden.
Das hat mit verschiedenen Mentalitäten zu tun. In Schweden sind wir vielleicht etwas offener, direkter. Ich zum Beispiel höre gerne verschiedene Meinungen, weil diese dich zum Nachdenken anregen. Du hast nicht immer das richtige Bild über dich selbst. Es gibt viele Leute um dich herum, die mehr wissen als du selbst. Wenn Sie zum Beispiel mir helfen könnten, mir damit aber gleichzeitig weh tun würden: Wie soll ich dann von Ihnen lernen, wenn Sie mir nichts sagen? Das ist nicht nur im Sport so: Du musst die Dinge offen ansprechen können, auch wenn sie im ersten Moment weh tun können oder negativ sein könnten.

Sie haben Ihren Vertrag in Zürich um drei Jahre bis 2021 verlängert. Es wäre das erste Mal ausserhalb Ihres Stammclubs Frölunda, dass Sie vier Jahre am selben Ort gespielt hätten. Was gab den Ausschlag?
Ich hatte in Zürich ein grossartiges Gefühl von Anfang an. Auch dann, als wir lange nicht gut spielten. Ich lernte schnell, dass diese Organisation wirklich gewinnen will. Und das ist auch mein Ziel.

Gibt es Ausstiegsklauseln?
Nein. Keine Klauseln.

Erstellt: 02.05.2018, 18:42 Uhr

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