Diesmal geht es nur um Gier

Der frühere ZSC- und SCB-Meistertrainer Kent Ruhnke über den NHL-Lockout und dessen Konsequenzen für den kleinen Mann.

«Die Liga ist gierig und denkt, sie könne die Spielergewerkschaft wie 2005 zerstören»: Kent Ruhnke (hier bei einem Einsatz als Trainer des EHC Biel am 3. April 2010) übt harsche Kritik.

«Die Liga ist gierig und denkt, sie könne die Spielergewerkschaft wie 2005 zerstören»: Kent Ruhnke (hier bei einem Einsatz als Trainer des EHC Biel am 3. April 2010) übt harsche Kritik. Bild: Keystone

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Nicht nur die eingefleischten Eishockeyfans ärgern sich über den Arbeitskampf in der NHL. Auch Gus Prykos, der Inhaber eines Hotdog-Stands in Toronto, ist wütend. Ich treffe ihn auf der anderen Strassenseite des Air Canada Centre, des stets ausverkauften Heims der Maple Leafs. «All diese Millionäre streiten sich darüber, wie sie über drei Milliarden Dollar unter sich aufteilen sollen, und mein Geschäft wird dadurch ruiniert», tobt er. «Ich muss meine Familie ernähren.» Alle würden unter dem Lockout leiden, betont er, «die Bars, die Kellner, die Hotels». Als er mir den Gourmet Hotdog reicht (er schmeckt vorzüglich!), schüttelt er vor Abscheu seinen Kopf. «Wir arbeiten Tag für Tag, wieso können das die Hockeyprofis nicht auch tun?»

Ich habe in den letzten 30 Jahren nicht viele Oktober in Kanada verbracht und ein wenig vergessen, wie sehr dieser Sport mit der kanadischen Kultur verwoben ist. Das ist ein Land, im dem weniger Leute den Text der Nationalhymne auswendig singen können als jenen zum Song «Good Old Hockey Game» von Stompin’ Tom Connors. Wo auf der Rückseite der Fünfdollarnote Eishockey gespielt wird. Wo die meisten Männer dazu stehen, Angst zu haben, mehr Zeit mit ihren Frauen verbringen zu müssen, weil am Fernsehen kein Eishockey läuft. Und ein Land, in dem im frühen Sommer 2013 ein rapider Anstieg der Geburtenraten erwartet wird, weil, na ja ... Was sollte man anderes tun an kalten, dunklen Abenden, wenn man kein Eishockey schauen kann?

Eine gefährliche Denkweise

Aber man darf, bei aller Aufgeregtheit, die Perspektive nicht aus den Augen verlieren. Alle sind schuld. Die Liga ist gierig und denkt, sie könne die Spielergewerkschaft wie 2005 zerstören. Die Spieler wollen keine Wiederholung des letzten Arbeitskampfs, als die NHL die von ihr gewünschte Salärobergrenze durchbrachte. Deshalb können sie es sich nicht leisten zurückzuweichen. Und auch die Fans sind ein bisschen schuld. Denn sie strömten nach dem verlorenen NHL-Winter 2004/05 in Scharen zurück in die Stadien. Als es nach jenem Lockout wieder losging, verzeichneten 25 der 30 Teams einen Zuwachs an Zuschauern.

Der Wert des durchschnittlichen NHL-Teams stieg in den letzten sechs Jahren von 159 auf 240 Millionen Dollar. Gleichzeitig verteuerte sich der Preis für ein Familienpaket mit vier Tickets von 256 auf 329 Dollar pro Spiel. Trotz dieses heftigen Anstiegs sind die meisten Arenen mindestens zu 95 Prozent gefüllt. Dessen sind sich die Verhandlungspartner von NHL und Gewerkschaft sehr wohl bewusst – wieso sollte man den Lockout beenden, wenn es so ausschaut, als könnte zumindest langfristig wieder jeder gewinnen? So wie das letzte Mal. Wieso sollte dies nicht nochmals passieren?

Es gibt nicht viel Ablenkung in den Kleinstädten Kanadas,
wo die Temperatur oft
unter minus 30 fällt.

Es ist eine gefährliche Denkweise. Denn auf beiden Seiten entfernt man sich allmählich vom Spiel. Es ist wie eine Trennung, die nur langsam vorankommt. Ken Dryden, der in der legendären «Summit Series» von 1972 im kanadischen Tor stand, warnt: «Glaubt ja nicht, dass es diesmal keine gravierenden Konsequenzen hat. Diesmal werden sich die Fans und Sponsoren das nicht gefallen lassen. Denn der Unterschied zum letzten Lockout ist, dass es diesmal nicht um etwas Fundamentales geht wie eine Gehaltsobergrenze.» Ich stimme ihm zu. Diesmal geht es nur um Gier. Es ist ein Kampf um etwas mehr unter jenen, die schon viel haben, derweil andere Menschen (vor allem in den USA) inzwischen viel weniger haben. Dieser Arbeitskampf ist viel weniger gut nachvollziehbar und daher auch weniger akzeptabel.

Allerdings gibt es grundsätzliche Unterschiede zwischen den Kanadiern und den Amerikanern. Nichts kann bewirken, dass wir das Eishockey nicht mehr als «unser Spiel» betrachten. Die Kanadier werden der NHL nie allzu lange den Rücken zukehren. Die Amerikaner hingegen schon. Sie haben ihr American Football, Baseball, Basketball. Der durchschnittliche Amerikaner begegnet dem Eishockey im besten Fall indifferent. Doch die NHL ist auf den US-Markt angewiesen. Die Fanbasis konnte dort seit dem letzten Lockout verbreitert werden. Dies zu wiederholen, dürfte schwierig werden.

Natürlich ist es der kleine Mann, der am meisten leidet. Nachdem man ihn mit hohen Ticketpreisen aus den NHL-Stadien vertrieben hat, hat er nun nicht einmal den Trost, am Samstagabend die Spiele am Fernseher verfolgen zu können. Und in den Kleinstädten Kanadas, wo die Temperaturen im Winter oft unter minus 30 Grad fallen, gibt es nicht viel Ablenkung. Viele haben sich nun dem Juniorenhockey zugewandt, das Staatsfernsehen CBC zeigt «NHL-Klassiker» aus der Vergangenheit. Und Zeitungen schicken Reporter nach Russland und in die Schweiz, um aus der Ferne von ihren lokalen Heroen zu berichten.

Kosten Sie die NHL-Cracks aus!

Auch ich werde in zwei Wochen zurück in die Schweiz kommen, und ich erwarte, die NHL-Stars dann noch in Bern, Davos, Zug oder Biel spielen zu sehen. Zwei gute Sitze im Air Canada Centre würden mich 500 Dollar kosten, damit ich die Maple Leafs erlebe, wie sie ein weiteres Mal das Playoff verpassen. Aber 25 oder 30 Franken zu bezahlen, um in der Schweiz Tyler Seguin, Henrik Zetterberg oder Patrick Kane zu sehen, ist ein guter Deal. Ich freue mich schon darauf. Und auch Sie sollten es auskosten. Denn wir werden uns fünf, sechs Jahre gedulden müssen, bis in der NHL der nächste Gesamtarbeitsvertrag ausläuft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2012, 07:11 Uhr

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