Drei Ohrfeigen in 40 Sekunden

Die ZSC Lions geben in Langnau einen 2:0-Vorsprung preis und verlieren 2:3 – alle Tore der Emmentaler fallen in der 39. Minute.

Da waren die Zürcher noch am Drücker: ZSC-Spieler Pius Suter nimmt es mit der gesamten Langnau-Defensive auf. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

Da waren die Zürcher noch am Drücker: ZSC-Spieler Pius Suter nimmt es mit der gesamten Langnau-Defensive auf. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

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Wer hat, dem wird gegeben. Als Emanuel Peter nach Spielschluss vor die Tigers-Garderobe tritt, überreicht ihm ein ­Betreuer ein Hufeisen. Mit besten Wünschen einer Inhaberin eines Sitzplatz­tickets und verbunden mit der Auflage, es in der Garderobe zu platzieren. Es solle Glück bringen, lautete die logische Mitteilung. Peter nahm es an, schaute aber leicht verwundert. Glück, das war dem Ersatzcaptain klar, hatte Langnau an diesem Abend schon gehabt.

Dass die Einheimischen jubeln konnten, lag an ihrem nie erlahmenden Kampfgeist, mit dem sie auch den abschliessenden Ansturm überstanden. Vor allem aber an den ZSC Lions, die ein Spiel aus der Hand gaben, das sie nie aus der Hand hätten geben dürfen. Fast zwei Drittel lang hatten die Zürcher die Partie im Griff, und das 2:0 nach Toren durch Schäppi (4.) und Chris Baltisberger (9.) war zu magerer Lohn. Mit Ausnahme eines Penaltys – Gagnon scheiterte an Schlegel – hatte das Team von Heinz Ehlers kaum eine Torchance, und Pestoni (32.) und Künzle (38.) verpassten solo mit Kontern die Entscheidung. Auch, dass Kenins nach einem Stockstich gegen Koistinen einen Restausschluss kassiert hatte, fiel kaum ins Gewicht.

Das Auslassen bester Chancen stiess Hans Wallson sauer auf: «Es war generell kein gutes Spiel von uns, aber wir hatten dennoch eine Vielzahl von Möglich­keiten, die Partie zu entscheiden.»

Der emotionalste Dreier

Und dann, ja dann, kam diese 39. Minute, von der die Emmentaler Match­besucher noch ihren Enkelkindern erzählen werden. Die Chronologie der verrücktesten Minute in diesem Jahrtausend zu Ilfis: Unmittelbar nach Künzles verpasstem Matchpuck trifft Erkinjuntti im Gegenzug von der blauen Linie aus zum 1:2 (38:13). Im nächsten Angriff gelingt Gagnon der Ausgleich (38:27). Und als sich viele Fans noch im Freudentaumel befinden, winkt Schlegel den Puck zur Langnauer Führung ins eigene Tor (38:53). Zugeschrieben wird der Treffer Elo. Es war nicht der schnellste Dreier in der NLA-Geschichte, der gelang Servette 2015 in 17 Sekunden, aber vielleicht der Emotionalste, seit Zug in der Lockout-Saison 1994/95 in den letzten 30 Sekunden in Rapperswil ein 3:6 egalisierte.

Die Zürcher werden in dieser Phase zu Statisten degradiert, und Wallsons Zorn wird immer grösser. Er hat sich auch nach Spielende noch nicht gelegt: «So etwas habe ich überhaupt noch nie gesehen.» Wenig später erlöste die ­Sirene die Lions, allerdings wartete danach eine Kabinenpredigt. Es ist davon auszugehen, dass die Tonalität etwas lauter war als normal, auch wenn sich der Schwede nach Spielschluss wieder im Griff hatte: «Was ich gesagt habe, bleibt in der Garderobe. Aber ja, mein Herz schlug heftiger als gewöhnlich.»

Die Lions als Vorbild

Die Lions waren auf dem besten Weg, den Aufwärtstrend der letzten Woche zu bestätigen und zum ersten Mal in dieser Spielzeit gegen die Tigers standes­gemäss zu gewinnen. Diesmal kamen sie aber nicht mit einem dunkelblauen Auge davon, im Gegensatz zu den beiden Partien im September. Dort hatte der ZSC fünf Punkte eingespielt, obwohl er nur während 11 Minuten und 23 Sekunden führte. Den SCL Tigers blieben trotz mehr als siebenmal so langer Führung (82:34 Minuten) nur ein Punkt. Seit gestern wissen nun auch sie, was in diesem Duell Effizienz heisst.

Lange aufhalten kann sich der ZSC mit der Niederlage nicht. Morgen gastiert Lugano im Hallenstadion, jenes Lugano, das den Zürchern im Playoff-Viertelfinal die bittersten Niederlagen des Jahres zufügte. Zumindest bis gestern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2017, 23:52 Uhr

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