«Wir haben im Moment etwas gar wenig Hollywood»

Marc Lüthi (57) ist seit 20 Jahren SCB-Geschäftsführer und sagt, er habe noch immer den besten Job der Welt.

Marc Lüthi: 20 Jahre SCB-CEO und «nur vier, fünf Mal etwas gemacht, was nicht meiner Kernkompetenz entspricht». Bild: Raphael Moser.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wurden Sie beim Tatzen-Derby gut unterhalten?
Marc Lüthi: Eishockey im Wankdorf ist für den Zuschauer noch schlimmer als Fussball im Letzigrund. Aber einmal pro Generation ist ein solcher Event okay. Und wenn du gewinnst, ist er sowieso okay.

Das Freiluftspiel wurde wie 2007 von Langnau organisiert – weshalb nicht vom SCB?
Weil wir aus unternehmerischer Sicht mit 13 000 Abonnement-Besitzern auf keine Art und Weise Geld verdienen könnten.

Sie sind kein Freund solcher Anlässe. Bei Konzepten wie Kids Day und Ladies Night winken Sie ab. Weshalb?
Weil für uns jedes Qualifikationsspiel gleich viel wert ist. Punkt. Ladies Night oder Kids Day wird es bei uns nie geben. Zumindest solange ich etwas zu sagen habe.

In Anbetracht der Lücken auf der SCB-Stehrampe könnten neue Reize nicht schaden.
Ja, im Stehplatzbereich gibt es mehr No-Shows als im letzten Jahr. Das werden wir nach der Saison analysieren. Ein Faktor ist mit Sicherheit, dass auf der anderen Strassenseite YB nach 32 Jahren wieder Erfolg hat.

Mögen Sie YB den Erfolg gönnen?
YB hat sich den Erfolg dank guter Arbeit im sportlichen Bereich verdient. Was ich schade finde: Im Fussball gibt es hinter YB und Basel keine Konkurrenz. Die Super League ist langweilig. YB wird vor Ostern Meister sein.

«Ladies Night oder Kids Day wird es bei uns nie geben. Zumindest solange ich etwas zu sagen habe.»

Demnach fast gleichzeitig mit dem SCB.
Ja.

Der SCB wird also Meister?
Ich hoffe, wir werden das letzte Spiel der Saison gewinnen.

Bern spielt konstant in den Top 2 der Tabelle. Trotzdem gibt es Kritik. Es fehle an Attraktivität.
Wir haben eine Mannschaft, die funktioniert. Einen Trainer, der funktioniert. Und ja, wir haben im Moment gar wenig Hollywood – auch für meinen Geschmack. Aber künstlich Hollywood erzeugen? Das wäre fatal. Es gibt genügend andere Teams, die im Seich sind. Mit dem Gemotze kann ich leben.

Namhafte Konkurrenten bekunden Mühe.
Lugano und Zürich werden einen grossen Schritt nach vorne machen. Aber Davos im Playoff? Das würde an ein Wunder grenzen.

In finanzieller Hinsicht sorgen Clubs wie Zug und Lausanne für eine Änderung in der Hierarchie. Wann schlägt der SCB zurück?
Den Meistertitel kannst du nicht kaufen. Wir leben seit 20 Jahren von der Devise, nicht mehr auszugeben als wir einnehmen. Das wird so bleiben. Aber wir müssen innovativer werden und neue Wege finden, damit wir eine kompetitive Mannschaft finanzieren können.

Mit dem Gastronomie-Modell stösst der SCB an Grenzen.
Im Moment lassen sich in diesem Bereich keine zusätzlichen Millionen generieren. Wir suchen nach anderen Geschäftszweigen.

Zum Beispiel?
Es ist zu früh, darüber in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Ich habe übrigens kein Problem mit Mäzenen. Es ist schön, investieren Leute private Gelder in den Sport. Aber ich staune, wenn ein Spieler von Club A mit Unterstützung eines Mäzens zu Club B mit Unterstützung eines Mäzens wechselt. Und Club A nicht dafür bekannt ist, finanzielle Probleme zu haben.

Es heisst, der Mäzen von Club B investiere nicht in die erste Mannschaft.
Schönes Wetter heute! (lacht)

Die Clubs profitieren auch vom Zustupf aus dem lukrativen TV-Vertrag. Was, wenn diese Einnahmen viel kleiner werden?
Dann wird man sehen, wer vernünftig gearbeitet hat. Es gibt von Mäzenen alimentierte Clubs, die sehr vernünftig arbeiten. Ich denke an den ZSC, an Zug. Sorgen mache ich mir wegen Lausanne. Die Investoren müssen den Beweis noch erbringen, dass sie seriös arbeiten.

Bereitet Ihnen auch Sorgen, dass Bern auf dem Transfer- markt Absagen kassiert?
Einige Spieler hatten wir in der Planung. Sie wollten nicht, Business. Wichtig ist, Abgänge möglichst gleichwertig zu ersetzen…

…wie Schlegel für Genoni?
Schlegel ist ein sehr guter Goalie.

Der Wechsel von Genoni zu Schlegel setzt im Budget mehrere 100 000 Franken frei.
Auch bei uns ist genügend Geld vorhanden, damit wir uns jene Stars leisten können, die wir wollen. Geht die Welt nicht unter, werden wir auch nächste Saison eine kompetitive Mannschaft stellen.

Aber es scheint, als habe der SCB an Attraktivität eingebüsst.
Es gibt genau einen Spieler, den wir unbedingt verpflichten wollten und der uns abgesagt hat.

Enzo Corvi?
Das spielt keine Rolle.

«Wir wurden in den letzten drei Saisons zweimal Meister. Da muss kein Spieler Tribünen wischen.»

Vor vier, fünf Jahren gab es ebenfalls viele Absagen. Danach winkten Sie eine Erhöhung des Budgets um eine Million Franken durch.
Ich mache mir keine Sorgen.

Damals sagte ein Schweizer Nationalspieler, er wolle doch nicht an einen Ort wechseln, wo der CEO die Mannschaft zum Straftraining oder zum Tribünenwischen verdonnere.
Wer war das?

Das spielt keine Rolle. Zuletzt hielten Sie sich mit solchen Aktionen zurück. Wird Marc Lüthi altersmilde?
Wir wurden in den letzten drei Saisons zweimal Meister. Da muss kein Spieler Tribünen wischen. Aber ich garantiere nicht, dass so etwas nie mehr passiert.

Sie neigen dazu, Ihre Kompetenzen zu überschreiten.
Meine Kompetenzen überschreiten?

Mit solchen Massnahmen wird die Autorität der sportlichen Führung untergraben.
Quatsch. Manchmal braucht es Impulse. Beim Straftraining nach dem Spiel in Rapperswil ging es um Teamwork. Die Jungs liefen drei Runden, dann sprach ich über Teamwork, dann liefen sie wieder. Die Feldspieler vorab, die Goalies, die armen Sieche in der Ausrüstung, hinterher. Irgendwann begriffen alle, um was es geht, sie kamen gleichzeitig ins Ziel. Danach durften sie duschen gehen. Das ist übrigens sechs Jahre her.

Im Meisterjahr 2016 haben Sie bei einem Wutanfall in Biel in der Garderobe Marc Reichert mit einer Flasche beworfen.
Es war eher ein Fass. (lacht) Ich habe in meinen 20 Jahren beim SCB nur vier, fünf Mal etwas gemacht, was nicht meiner Kernkompetenz entspricht.

Und was reizt Sie nach 20 Jahren SCB-Geschäftsführung noch an diesem Job?
Die Kombination von Unternehmensführung und Showbusiness. Ich habe den besten Job der Welt. Zurzeit ist meine grösste Herausforderung, andere Finanzierungsmodelle zu finden, damit wir mit den von Mäzenen alimentierten Konkurrenten mithalten können.

Wissen Sie eigentlich, dass Ihr Trainer Kari Jalonen vor einem Rekord steht?
Nächste Saison wird er länger im Amt sein als jeder seiner Vorgänger aus meiner SCB-Zeit.

Er würde.
Er wird. Es spricht nullkommanichts dagegen.

Einige Leute sagen: Jalonen hat beim SCB zu viel Einfluss.
Bullshit! Spieler spielen, Trainer trainieren, Manager managen. Kari nimmt seinen Job ernst, er arbeitet mehr als jeder seiner Vorgänger. Es gibt nullkommanichts, was man ihm vorwerfen könnte.

Einige Leute sagen auch: Solange Lüthi beim SCB ist, kann gar keine andere Person zu viel Einfluss haben.
Ebenfalls Bullshit! Und dummes Geschwätz! Aber dummes Geschwätz ist mir lieber als gar kein Geschwätz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2019, 08:27 Uhr

Artikel zum Thema

Die Zürcher Siegesserie ist gerissen

Video Der ZSC unterliegt beim SC Bern 0:3. Die Lions konnten über weite Strecken gut mithalten – doch sie vergaben ihre Chancen. Mehr...

Ambri gewinnt Tessiner Derby, Rapperswil verliert gegen Bern

Ambri-Piotta schlägt Lugano dank einem Blitzstart 4:3. Die Rapperswil-Jona Lakers müssen sich Bern 1:2 geschlagen geben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Hi Fisch! Vor Hawaii lebt dieser Haifisch Namens Deep Blue. Wer mutig ist und lange die Luft anhalten kann, darf ihn unter Wasser streicheln (15. Januar 2019).
(Bild: JuanSharks) Mehr...