Durchbruch in der Wahlheimat

Vincent Praplan ist Klotens treffsicherster Stürmer. Das Überschreiten von Grenzen ist bei ihm nicht erst Programm, seit er mit 14 das Wallis verliess.

Nebenwirkung Zürichdeutsch: Vincent Praplan vor der Swiss-Arena, im sechsten Jahr sein sportliches Zuhause. Foto: Reto Oeschger

Nebenwirkung Zürichdeutsch: Vincent Praplan vor der Swiss-Arena, im sechsten Jahr sein sportliches Zuhause. Foto: Reto Oeschger

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Die beiden Einbrecher waren vielleicht acht, neun Jahre alt, schätzt Vincent Praplan. Sie schoben eine Plastikabdeckung beiseite, warfen ihre Utensilien ins verschlossene Gebäude und kletterten durch eine Luke hinterher. Licht brannte längst keines mehr, doch wen störte das? Während die beiden also ­taten, wofür sie ­gekommen waren, erschien plötzlich ein Mann. «Wenn ihr das noch einmal macht, rufe ich die Polizei!», drohte er. Praplan kennt die Szene gut: Er war selbst einer der Einbrecher.

Wenn Klotens bester Torschütze von seinen Anfängen erzählt, klingt es wie aus einem Abenteuerroman. Schauplatz der Handlung ist die Eishalle Graben in Siders, die Kinder sind Praplan und der gleichaltrige Marwan El Assaoui, der heute für den Walliser Erstligisten stürmt. Sie lieben den Sport, verbringen jede freie Minute mit Puck und Stock. Dass der Graben nachts geschlossen wird, kann kein Hindernis sein, im ­Gegenteil. «Das frisch gemachte Eis war super», erinnert sich Praplan. Und auch der Eismeister gewöhnt sich an die nächtlichen Störenfriede: «Wenn es Lärm gab vom Eis her, wusste er, dass wir es sind.» Die Polizei holt er nie.

Erneut im Nationalteam

Über Jahre ging das so, erzählt Praplan. Die Szene zeigt, dass er für seine Passion schon früh über Grenzen ging. «Von klein an wollte ich Eishockeyspieler werden», erinnert sich der 21-Jährige, «etwas anderes habe ich mir nie überlegt.»

Das wird er so bald wohl auch nicht müssen. Praplan hat sich als feste Grösse in Klotens erstem Sturm etabliert, hat seine Torausbeute gegenüber der Vorsaison vervierfacht, ist mit 16 Treffern nicht nur bester Klotener, sondern auch unter den fünf besten Schweizern der ganzen Liga. Nächste Woche rückt er in die Nationalmannschaft ein, nach dem Deutschland-Cup im November schon zum zweiten Mal in dieser Saison.

Wortsuche auf Französisch

Es ist eine zwiespältige Situation: Die Flyers sind auch im sechsten Saison­monat noch immer auf der Suche nach Konstanz, kämpfen verzweifelt um den Anschluss an die Playoff-Ränge. Und ­zugleich hat der jüngste Stammstürmer im Team allen Grund, sich über den ­persönlichen Durchbruch zu freuen.

«Ja, das ist schon eigenartig», sagt Praplan. Er sagt es in breitem Zürcher ­Dialekt, und auch das zeugt von seiner Liebe zum Sport. Denn Praplans Muttersprache ist Französisch – mit Deutsch kam er erst in Berührung, als er mit 13 von Siders zum Kantonsrivalen nach Visp wechselte. Der Transfer erfolgte auf Wunsch von Roland Habisreutinger: ­Klotens damaliger Sportchef wollte das Talent zu den Flyers lotsen, doch sollte es sich erst in vertrauter Umgebung an die fremde Sprache gewöhnen.

Im Jahr darauf tat Praplan den Schritt ins Unterland. Er zog zu einer Gastfamilie auf den Balsberg, machte das KV bei einer Versicherung im Ort, wurde Mitglied der Klotener Eishockeyfamilie und eignete sich deren Sprache an. Von ­einem französischen Akzent ist nichts geblieben, «aber wenn ich heute bei meiner ­Familie im Wallis bin, fällt mir manchmal nur das deutsche Wort für etwas ein», ­beschreibt Praplan seine Entwicklung.

Auch sportlich ging es schnell voran. Mit 18 war der trickreiche Flügel Top­skorer der Elite-Junioren-Meisterschaft, und weil er hierzulande nichts mehr zu beweisen hatte, zog er für seine letzte ­Juniorensaison zu North Bay in die OHL. Fürsprecher dieser nächsten Grenzüberschreitung war ein gewisser Sean Simpson. Der heutige Flyers-Coach war damals Schweizer ­Nationaltrainer und empfahl den jungen Stürmer gegenüber den kanadischen Clubbossen wärmstens. Nach einem Jahr, in dem Praplan North Bays zweitbester Skorer war und im NHL-Draft dennoch übergangen wurde, kehrte er 2014 nach Kloten zurück.

Die NHL blieb das Ziel, doch der Weg dorthin sollte nun über die Wahlheimat führen.

«Es geht nicht um Talent»

Sein erstes Jahr zurück in Kloten verlief dann aber nicht nach Wunsch. Die ­spielerische Brillanz des Unterwallisers blitzte gelegentlich auf, blieb aber meist brotlos. Praplan hatte Mühe mit dem Körperspiel im Erwachsenenhockey, wirkte oft wie ein Einzelkämpfer. «Ich konnte nicht mehr wie bei den Junioren einfach durchdribbeln», musste er erkennen. 8 Skorerpunkte aus 52 Spielen waren die enttäuschende Ausbeute dieser ersten Profisaison und eine Erkenntnis: «Es geht nicht um Talent – es geht darum, dass man hart arbeitet und mehr macht als die anderen.»

Das hat er offenbar getan – und damit auch seinen Coach überzeugt. «Junge Spieler brauchen eine Chance», sagt Simpson, «aber sie müssen sie auch nutzen.» Einen Schleichweg zu mehr Eiszeit wie damals im nächtlichen Graben gibt es für Profi Praplan heute nicht mehr.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.02.2016, 21:54 Uhr

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