Ein Name, fünf Vokale

Dieser Club. Und vielleicht war es nur dieses Wort. Ein doppeltes Wort, verbunden mit einem Bindestrich.

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Es ist wie bei der Liebe, der vielleicht grossen, der unerfüllten zumindest. Weil man sie oder ihn nie angesprochen, den Moment verpasst hat, den richtigen, bleibt die Liebe ewig nur im Kopf. Oder die Stadt, die man immer einmal besuchen wollte und es doch nie tat. Philadelphia beispielsweise – Bruce Springsteen, Tom Hanks, Denzel Washington, dieser Film, dieser Song! – oder ein fernes Land, das mit einer Sehnsucht verbunden ist, Malediven beispielsweise, zusammen mit der Liebe, der grossen, der unerfüllten, nie ist man hingegangen. Und vielleicht denkt man inzwischen, mit der Liebe, der Stadt, dem Land – vielleicht ist es besser so, man trug so lange ein Bild mit sich, man wäre in der Realität doch sicher nur enttäuscht worden.

Bei mir gibt es einen Club, der bereits in jungen Jahren stets in ­meinem Kopf war. Ich wollte wissen, wie er gespielt hat, suchte die ­Resultate, damals noch am anderen Morgen in der Zeitung, klein gedruckt meist.

Dieser Club. Und vielleicht war es nur dieses Wort. Ein doppeltes Wort, verbunden mit einem Bindestrich, einmal fünf, einmal sechs Buchstaben, fünf Vokale. Dieser Klang.

A-m-b-r-i - P-i-o-t- t-a!

Ich las. Ich hörte. Aber ich war nie dort, nie. Fuhr lediglich vorbei, im Zug ins Tessin, der inzwischen auch nicht mehr dort vorbeikommt, auf der A 2, sah die Ausfahrt, es sind ja am obersten Zipfel der Leventina nur zwei Weiler im Niemandsland, die zur politischen Gemeinde Quinto gehören.

Ich sah die sagenumwobene Valascia, die kälteste Halle ausserhalb von Sibirien, sagte mal jemand, während Monaten erreicht hier kein Sonnenstrahl das Tal, aber die Stimmung muss fiebrig sein, mit der Curva Sud, den Choreografien der Gioventù biancoblù, der blau-weissen Gruppe der Jugend­lichen, die den Mythos ihres Clubs beschwören, auch mal Che Guevara huldigen oder sich für Flüchtlinge oder Opfer von Katastrophen einsetzen.

Das alles weiss ich, und alle, die einmal dort waren, schwärmen, weil eben der Club und die Ambiance so anders seien, es gehe um eine Lebensanschauung. Irgendwie ein Anachronismus. Ein Trainer sagte einmal, Ambri erinnere ihn an Asterix und an das kleine Gallierdorf, das sich erfolgreich gegen die Römer zur Wehr setzte. Ich kann nur wenige Spieler in der Geschichte von Ambri-Piotta aufzählen, die vielen Celios, Bathgate, der erste NHL-Star, der Anfang der 70er-Jahre in die Schweiz kam, Petrow, zuletzt Pestoni, aber eigentlich faszinierte mich nur der Name: A-m-b-r-i - P-i-o-t- t-a. Seit mehr als 30 Jahren gehört der Club zur Nationalliga A. Es gab seither schon einige Krisen, aber jetzt droht der Fall nach unten, und vielleicht geht es gar um die Zukunft des Clubs. Die Liebe, Philadelphia, Malediven, Ambri – irgendwann ist es zu spät. Und bleiben besser nur die Träume im Kopf.

P. S. Nur einmal schrie ich als Schüler gegen Ambri. Es war in den 60er-Jahren, der SC Küsnacht, damals in der Nationalliga B, spielte gegen Ambri-­Piotta, an einem Sonntagnachmittag auf der offenen Eisbahn, es schneite seit Stunden, das Eis musste alle fünf Minuten gereinigt werden. Ganz früh schoss Küsnacht ein Tor, es blieb dabei, auch dank Küsnachts Torhüter, der auf die Bande hinter seinem Tor gerne eine Flasche stellte, zur persönlichen ­Stärkung, es war nicht Wasser drin. Mit seinem Stock baute er ständig eine Schneemauer vor sich auf. Doch das ist eine andere Geschichte.

Erstellt: 27.03.2017, 19:59 Uhr

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