Ein Stadion zum Überleben

Das Projekt für eine Eishockey- und Sportarena in Altstetten ist für Zürich eine Chance, die so bald nicht wieder kommt.

169 Millionen Franken soll das Stadion kosten; die Stadt hätte aber nur einen kleinen Teil davon zu zahlen. Visualisierung: PD

169 Millionen Franken soll das Stadion kosten; die Stadt hätte aber nur einen kleinen Teil davon zu zahlen. Visualisierung: PD

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Im Sport spricht man oft von Chancen. Wer seine Chancen verpasst, geht als Verlierer vom Platz. Und im nächsten Spiel kann er es besser machen. Bei der Vorlage über den Bau einer neuen Eishockey- und Sportarena ist es etwas komplizierter. Das Bauvorhaben, über welches das Zürcher Stimmvolk am 25. September befindet, ist eine Chance. Aber: Verpasst man sie, kommt die nächste so bald nicht wieder.

Stadionprojekte haben es in Zürich schwer. Das letzte für ein Fussball­stadion scheiterte vor drei Jahren knapp an der Urne. Nun geht es um die Eishockeyarena. Sagt das Volk Ja, wird ab 2022 in Altstetten Eishockey gespielt. Der Bau fand im Stadtparlament eine breite Mehrheit – 93:13 Stimmen. Nur die AL stellte sich klar dagegen, die Grünen mehrheitlich. Die SP sprach sich dafür aus, nachdem sie den Initianten Kompromisse abgerungen hatte.

Der Zeitpunkt stimmt

Das Bauvorhaben ist seriös aufgegleist, transparent, namhaft privat finanziert, gut an den öffentlichen Verkehr angeschlossen. Und: Der Zeitpunkt stimmt. Die Zweckehe zwischen den ZSC Lions und dem Hallenstadion wird voraussichtlich 2022 aufgelöst – bis dahin könnte man sich noch arrangieren.

Grundsätzlich stehen zwei Fragen im Raum. Erstens: Sind die ZSC Lions mit ihrer breiten Nachwuchsbewegung und insgesamt 1250 Spielerinnen und Spielern in 65 Teams jährlich 2 Millionen Franken Zuschüsse wert? Zweitens: Was wären die Konsequenzen, sollte auch dieses Stadion scheitern?

Zur ersten Frage: Die 2 Millionen sind der jährliche Betriebsbeitrag, mit dem die Stadt den Hockeyclub im neuen Heim unterstützen würde. Zudem spielt die Stadt für ein Darlehen von 120 Millionen Franken die Bank. Als Sicherheit hat sie das Stadion. Das Grundstück Untere Islern wird von der Stadt zur Verfügung gestellt – für den Vorzugszins von 35'000 Franken pro Jahr. Für Altlastensanierung und Erschliessung fallen zudem Kosten von 4,7 Millionen Franken an.

Viel Stadion für relativ wenig Geld

Abgesehen von dieser einmaligen Investition, kostet die Stadt der 169 Millionen teure Bau aber nichts. Die Investoren Walter Frey, Peter Spuhler und Swiss Life steuern je 12 Millionen Franken bei. Das städtische Darlehen wird verzinst und amortisiert. Die Stadt baut dem ZSC also kein Stadion. Sie bietet ihm Hand und unterstützt ihn beim Betrieb. Die Lions akzeptieren dafür Einschränkungen (keine Konzerte), um das Hallenstadion nicht zu konkurrenzieren. Für relativ wenig Geld bekommt Zürich viel Stadion.

Die Einwände der AL setzen gleichwohl bei der Finanzierung an («gross­zügiges Subventionspäckli»). Die Grünen stört, dass dadurch 122 Familiengärten verschwinden respektive ins Dunkelhölzli gezügelt würden. Die Überbauung von Grünflächen ist ein wunder Punkt. Land ist knapp in Zürich – von den geprüften 15 Stand­orten auf Stadtgebiet erwies sich der an der Vulkanstrasse als der geeignetste. Und es ist ökologisch auch nicht sinnvoll, wenn wie heute viele ZSC-Junioren von ihren Eltern täglich im ganzen Kanton herumchauffiert werden, weil es in der Stadt am Trainingseis fehlt.

Mäzen Frey zahlt jährlich 3 bis 4 Millionen

Zur zweiten Frage: Was wären die Konsequenzen, würde das Stadion abgelehnt? Es gäbe die ZSC Lions in der heutigen Form wohl bald nicht mehr. Der Club ist zu einer Erfolgsgeschichte geworden, die selbstverständlich scheint. Sie ist es aber nicht. Der alte ZSC kurvte stets nahe am Konkurs. Die Fusion mit den GC-Eishockeyanern war 1997 nötig, um das Überleben des Clubs zu sichern. Gleichzeitig erhielt er eine neue Philosophie, wurde er von unten aufgebaut, auf einem breiten Nachwuchs. Bis das Früchte trug, brauchte es über zehn Jahre und Investitionen.

Heute funktioniert das Konzept. Im NLA-Team sind 13 Spieler, die schon im Nachwuchs gespielt haben. Der Club beschäftigt allein für die Jungen elf Profitrainer. Das Problem ist, dass Präsident und Mäzen Frey jährlich ein strukturelles Defizit von 3 bis 4 Millionen Franken decken muss, weil die ZSC Lions im Korsett des Hallen­stadions gefangen sind, sie gegenüber ihren Konkurrenten einen erheblichen Wettbewerbsnachteil haben.

Der Breitensport würde leiden

Dies, weil sie in der Halle nur Gäste sind. Ihnen entgehen dadurch Einnahmen, weil sie beispielsweise kaum am Catering beteiligt sind. Und es entstehen Mehrkosten, weil sie zusätzlich eine Heimbasis anderswo unterhalten müssen. Zudem leiden sie im Hallenstadion unter akuten Terminproblemen. Das Argument, die Mehrzweckarena sei 2004 ja für sie umgebaut worden, greift nicht. In der Abstimmungszeitung wurden sie damals als Grund Nummer 6 für die Erneuerung angeführt. Das Hallenstadion ist heute eine florierende Arena – die weltweit am besten ausgelastete im Segment 10'000 bis 15'000 Plätze. Den Abgang des Hockeyclubs könnte es verschmerzen.

Sollte dessen Hallenprojekt aber scheitern, müsste er redimensionieren. Denn man kann nicht davon ausgehen, dass Walter Frey auf Ewigkeiten die Defizite deckt. Und die ZSC Lions in einer Light-Version, das würde wohl bedeuten, dass primär die Junioren, der Frauen- und der Breitensport darunter leiden würden.

In Altstetten käme die Stadt nun dank privater Initiative vergleichsweise günstig zu einer neuen Arena, die das Weiterbestehen eines sinnvollen Sportprojekts sicherstellt.

Erstellt: 14.09.2016, 23:36 Uhr

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