Ein verrückter Haufen und ein Ring fürs Leben

19 Jahre sind vergangen seit dem Titelgewinn des wilden EVZ-Teams. Für die damaligen Exponenten sind die Erinnerungen omnipräsent.

Jubelbad auf der Eisfläche: Umringt von Fans feiert der EV Zug den Meistertitel 1998 in der Davoser Eissporthalle. Foto: Keystone

Jubelbad auf der Eisfläche: Umringt von Fans feiert der EV Zug den Meistertitel 1998 in der Davoser Eissporthalle. Foto: Keystone

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Wer Sean Simpson am offiziellen Empfang 1998 auf dem Zuger Landsgemeindeplatz beobachtete, wunderte sich. Er hätte an einem Cüpli nippen, mit Politikern fachsimpeln oder einfach die Stimmung geniessen können. Stattdessen ging der Meistercoach mit Notizblock und Massband auf die Jagd: Die Fingerdicke wollte er in Erfahrung bringen, von jedem Spieler und Staffmitglied. Für einen Meisterring, wie er in Nordamerika Tradition ist. «Es war ein Zeichen für ein unglaubliches gemeinsames Jahr», sagt Simpson heute, «das schweisst fürs ganze Leben zusammen.»

Zuckeralarm bei Wes Walz

Wenige Tage zuvor war in Davos noch einmal Unruhe aufgekommen. Nur wenig fehlte bis zum Beginn von Spiel 6, als bei Wes Walz der Zuckerspiegel zusammenfiel. Ausgerechnet bei ihm, dessen schlittschuhläuferische Fähigkeiten den Eintrittspreis alleine rechtfertigten. Er führte zusammen mit Bill McDougall die Skorerliste an. Der Arzt schickte einen Helfer los, Würfelzucker zu holen, und die anschliessende Fütterung zeigte Wirkung: Walz steuerte zwei Assists zum 5:2 bei, das den ersten Meistertitel bedeutete.

Das letzte Tor erzielte McDougall. «Gianola verlor den Puck, ich konnte kontern und traf», sagt der Kanadier McDougall, in der Stimme schwingt leichte Erregung mit. Fast auf den Tag genau 19 Jahre sind vergangen seit jenem Backhand-Treffer. Er lebt heute in Nova Scotia, in der Nähe seines Geburtsortes besitzt er zwei Häuser, eines auf dem Land mit 50 Hektaren Umschwung.

Der Meistertänzer: Wes Walz.

Der Oberst: Sean Simpson.

Die Reizfigur: Misko Antisin.

«Halb pensioniert» sei er, mehrmals im Jahr fliegt er quer durchs Land und instruiert neue Raffinerie-Mitarbeiter in Sicherheitsfragen. «Das Leben ist gut», sagt er. Angesprochen auf seine Erinnerungen an das Meisterjahr, sprudelt es heraus: «Wenn man so gewinnt wie wir 1998, dann vergisst man das nie mehr. Das war die beste Zeit meines Lebens.»

Um Mitternacht erfolgte die Abfahrt ins Unterland, Stefan Grogg hatte im Bus noch die Schlittschuhe an. «Wir mussten dauernd anhalten, weil sich jemand erleichtern musste», lacht Patrick Sutter. Nach wenigen Kilometern erinnerte man sich daran, dass der festen Nahrungsaufnahme keine Priorität eingeräumt worden war. Also wurden die Wärmeboxen hervorgeholt. Spaghetti bolognese, in Ermangelung von Besteck wurde mit den Händen gegessen. Es schmeckte wie im Gourmettempel.

Zuger Antwort auf Céline Dion

Zug ist für Beschaulichkeit und Idylle bekannt, sicher aber nicht für Autokorsos samt Hupkonzert. An jenem 11. April 1998 wähnte man sich aber auf dem Ausgehkilometer zwischen Kolinplatz und Bahnhof in einer südländischen Metropole, sogar öffentliche Busse mussten umgeleitet werden. Die anschliessende Nacht im Gemüsehallen-Charme der Herti bildete den Prolog zu wochenlangen Festivitäten. Céline Dions «Titanic»-Schnulze «My Heart Will Go On» belegte Platz 1 in der Schweizer Hitparade, in Zug hiess der Gassenhauer allerdings «Das isch euse EVZ», interpretiert von Radio-Sunshine-Mann Marco Segginger. Die ganze Region lebte blau-weiss oder wie Simpson sagt: «Die Euphorie war grenzenlos.»

Die EVZ-Spieler prägten damals das Stadtbild. Auch, weil sie Powerplay und Forechecking nicht auf das Eis beschränkten. Die Zuger Winternächte waren lang, oft sehr lang. McDougall, auch in diesem Bereich ein Leader, sagt: «Wir waren alle gerne zusammen und gingen auch auf ein Bier aus. Sicher häufiger als andere Teams. Die Trainer wussten aber immer, dass sie auf uns zählen können, wenn es wichtig war.» Teamkollege Misko Antisin bestätigt: «Wir waren eine grossartige Gruppe – cool, verrückt, leidenschaftlich –, hatten aber immer den Erfolg vor Augen.»

«Wir waren cool, verrückt, leidenschaftlich, hatten aber immer den Erfolg vor Augen.» Misko Antisin

Tatsächlich stimmte der Mix: mit Rüeger und Schöpf zwei Goalies, die sich pushten, mit den Künzi-Cousins und Sutter spielerisch starke Verteidigerhaudegen, dazu der offensiv ausgerichtete Kessler. Im Sturm Antisin und McDougall, bei denen man nie wusste, ob sie aufs Tor fahren wollten oder durch den Gegner hindurch, Filigrantechniker wie Rötheli, den omnipräsenten Walz oder Flügel wie Muller, Grogg und Eberle, der in Zug seinen siebten Titel holte.

General Egli, Oberst Simpson

Der Grat zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen gesunder Aggressivität und Austicken, war schmal. Präsident Fredy Egli, der bei Bedarf gerne einmal zum Einzelgespräch in sein Büro an die Aegeristrasse lud, und Simpson hätten es aber geschafft, die Energien zu kanalisieren, resümiert Antisin. «Egli war der General, Simpson der Oberst, der uns täglich neu forderte, und alle Spieler zogen mit», sagt die damalige Reizfigur auf Schweizer Eis. Er ist heute Juniorentrainer bei den Salmon Arm Silverbacks in Kanada und kann sich eine Rückkehr nach Europa gut vorstellen.

«Oberst» Simpson stellt seiner gewiss nicht leicht zu führenden Truppe ein gutes Zeugnis aus: «Ich kann mich nicht an viele teaminterne Probleme erinnern.» Dem akribischen Arbeiter, der mit Assistent Bob Leslie einst bei der Krebserkrankung Jim Koleffs eingesprungen war, gebührt grosser Anteil am Erfolg: In seiner ersten Station als Headcoach arbeitete er wie ein Routinier. Eine Botschaft richtete er dabei immer wieder an seine Spieler: «Macht das Beste aus dieser Chance. Man weiss nie, ob und wann man wieder Teil eines solchen Teams wird.»

44 Tage dauerte das Zuger Playoff, 20 Spiele wurden absolviert. Im Viertelfinal gegen Rapperswil-Jona gings in Spiel 7 in die Overtime. Antisin traf und weiss noch genau: «Die Uhr zeigte 63:46.» Der Faktencheck bestätigt sein Elefantengedächtnis.

Der Halbfinal als Meisterstück

Noch enger war es gegen Ambri im Halbfinal, nach der 1:7-Heimohrfeige in Spiel 5 stand Zug mit dem Rücken zur Wand. Mit zwei klaren Siegen gelang dann aber in extremis der Finaleinzug, die Serie gegen Davos war vergleichsweise ­einfach. «Der Sieg gegen Ambri war unser Meisterstück», sagt Sutter.

Mit dem Meistertitel sicherten sich die EVZ-Spieler einen Platz in den Annalen der Stadt und den Herzen der Fans. Gerade der Baselbieter Sutter mit dem grossen Kämpferherz – Jahre später zusammen mit Rötheli, Kessler und André Künzi von einer Taskforce als Schuldiger für eine Misere bezeichnet und aussortiert – ist immer noch sehr populär. Als medizinischer Masseur in der Stadt tätig, wird er immer wieder mit früher konfrontiert: «Es ist schön, dass uns die Leute nicht vergessen haben.» Und auch die kanadische Fraktion hat noch Kontakt mit Mitspielern und Fans. «Ich habe mehr Facebook-Freunde aus der Schweiz als aus Nordamerika», meldet McDougall.

«Wenn man so gewinnt wie wir 1998, dann vergisst man das nie mehr.» Bill McDougall

Damit Zug die aktuelle Serie gegen Bern noch drehen kann, braucht es nach dem 0:5 am Donnerstag wohl einen Schuss von Antisins Unberechenbarkeit, gepaart mit einem Spritzer der Härte Sutters und einer Dosis Genialität von Walz und McDougall. Dieser fiebert mit: «Ein Zuger Sieg wäre wunderbar für die Stadt, die Fans und die Region.»

Zu feiern gibt es sowieso etwas – heuer den 50. Geburtstag des EVZ, 2018 das 20-Jahr-Jubiläum der Titelpremiere. McDougall hofft, dass sich der Verein ­etwas einfallen lässt wie 2016 seine ­Edmonton Oilers, die zum letzten Spiel im alten Stadion 150 ehemalige Spieler einflogen. «Es wäre wunderbar, wenn Zug etwas Ähnliches machen würde. Wir haben die Stadt ja drei Jahre regiert.» Epische Nächte wären garantiert.

Erstellt: 07.04.2017, 23:31 Uhr

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