Ein Wagnis namens Bescheidenheit

Klotens Budgettreue ist sportlich riskant – falls sie wirklich gelebt wird.

Neustart ohne englischen Clubnamen: Als EHC statt als Flyers trifft Kloten heute auf den ZSC. Foto: EHC Kloten

Neustart ohne englischen Clubnamen: Als EHC statt als Flyers trifft Kloten heute auf den ZSC. Foto: EHC Kloten

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Am Dienstag war Generalversammlung in Kloten. «Wenn sie das schaffen, sind die anderen alle Idioten», findet einer der Anwesenden. Sie: Das ist die neue Clubführung. Das: Damit ist die Kombination von Budgettreue und sport­licher Wettbewerbsfähigkeit gemeint. Die anderen: Das sind alle übrigen NLA-Clubs. Eine Gruppe von Firmen also, die den Traum vom Erfolg ­traditionell höher gewichtet als ein positives Betriebsergebnis.

Auch Kloten gehörte lange zu dieser Gruppe, war zuletzt gar deren extremstes Mitglied. Präsident Philippe Gaydoul pumpte über 20 Millionen Franken in die Flyers, ohne eine Bindung zur Basis oder deren Dankbarkeit zu spüren. Stattdessen war der Club Lohntreiber, ging in ausländischen Besitz, verlor massenhaft Publikum und schrieb in der vergangenen Saison 7,6 Millionen Franken Betriebsverlust. Clubrekord.

Und wegen dieser Vorgeschichte weckt der Mann, der sich kurz vor Saisonstart den Kleinaktionären vorstellte, eine merkwürdige Mischung von Erleichterung, Verwunderung, Skepsis.

Substanzverlust im Sturm

Erleichterung, weil der EHC dank Hans-Ulrich Lehmann überlebt hat. Verwunderung, weil Lehmann mit der erfolgreichen Lohnkürzungsrunde sowie der Übernahme der jahrelang vergeblich angestrebten Gastrorechte schon verblüffende Handlungsfähigkeit demonstrierte. Verwunderung auch, weil der starke Mann im Club erstmals seit Jahren wieder einer GV beiwohnte. Weil er greifbar war und sein Engagement sogar dann glaubwürdig wirkt, wenn er sagt, er habe den EHC eigentlich gar nicht übernehmen wollen.

Und eben darum gibt es Grund für Skepsis. Denn vom Eishockey versteht Lehmann eingestandenermassen wenig, seine Naivität im Sportbereich ist echt. Wenn das Budget wirklich alles bestimmt, können der neue Trainer Pekka Tirkkonen, der Sportchef und das Umfeld noch so einen vierten Ausländer wollen: Er kommt erst dann, wenn das nötige Geld vorliegt.

Es ist ein riskantes Spiel, weil ­niemand weiss, wie das anspruchsvolle Publikum reagiert. Reicht die neue Bescheidenheit zur Zuschauerbindung, falls es auf dem Eis nicht läuft? Falls dieses Team, das letzte Saison Rang 7 erreichte, im Sturm Substanz verlor und nun ohne Nummer-1-Goalie antritt, zu wenig Punkte holt? Kommen die Zuschauer auch dann? Bleibt es auch dann ruhig im Club, und hält Lehmann auch dann am Sparkurs fest? Oder wird er wie zahllose Präsidenten vor ihm schwach und investiert – um Spieler zu halten und zu holen, um Publikum zu ködern?

Lehmann weiss um dieses ­Dilemma. Doch erst wenn er es am eigenen Leib erfahren hat, wird sich weisen, welche Art von Präsident er ist. Einer, wie ihn das Schweizer Eishockey noch kaum gesehen hat, weil er aus Prinzipientreue selbst den Abstieg in Kauf nähme? Oder einer jener – Pardon – anderen Idioten, welche die NLA in den letzten Jahrzehnten mit viel Geld und Leidenschaft in ein erstklassiges Unterhaltungsprodukt verwandelt haben?

Mit guten Vorsätzen haben die meisten begonnen. Doch am Ende wurde noch fast jeder zum Fan.

Erstellt: 09.09.2016, 11:05 Uhr

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