Eine Frage der Inspiration

Die ZSC Lions müssen den Kampf annehmen, für Bern wird die Titelverteidigung schwierig. Und wir können uns über alle Serien auf ein packendes Playoff freuen.

Ab heute rollt der Puck im Playoff – für oder gegen die ZSC Lions? Foto: Melanie Duchene (EQ Images)

Ab heute rollt der Puck im Playoff – für oder gegen die ZSC Lions? Foto: Melanie Duchene (EQ Images)

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Einer der bekanntesten Sätze von Michael Jordan lautet: «Talent ­gewinnt Spiele, aber Teamwork gewinnt Meisterschaften!» Ich teile diese Ansicht, aber ich denke, er hat einen vielleicht noch wichtigeren Faktor ausgelassen. Einen, der gute Teams von grossen unterscheidet: Inspiration.?

Heute beginnt im Schweizer Eis­hockey die lange Reise zur finalen Entscheidung. Es ist nicht Basketball, alles tut weh: der Puck, die Checks, die Banden, die Ausrüstung der Gegner und die Stöcke. In keinem anderen Sport müssen mehr Widrigkeiten überwunden werden als im Playoff. Welche Teams haben genug Inspiration, den hohen Preis zu bezahlen?

Im Herbst 1999 kam Stürmer Dan Hodgson in mein Trainerzimmer im Hallenstadion und sagte: «Kent, wir sind Rennpferde, lass uns rennen.» Ich beherzigte seinen Ratschlag. Einer der Gründe, weshalb wir ein paar Monate zuvor in der 1. Runde gegen Kloten verloren hatten, war, dass ich jedes Detail hatte planen und organisieren wollen. Darunter litten das Vertrauen und die Inspiration, nicht nur den richtigen Spielzug zu wählen – sondern den besten. 2000 war ich fest entschlossen, das nicht erneut zuzulassen.

Betrachten wir nun die Playoff-Teams unter diesem schwer greifbaren Faktor Inspiration.

Bern auf dem Prüfstand

Es versteht sich von selbst, dass Trainer ihre Spieler an der Entfaltung hindern können. Der letztjährige Meister Bern war ein Schatten seiner selbst, ehe Lars Leuenberger kurz vor Playoff-Beginn das Steuer übernahm. Es schien, dass Biel diese Saison kein Spiel gewinnen könne, ehe Mike McNamara den starren Griff löste, den der frühere Trainer auf die Psychologie der Seeländer ausgeübt hatte. Als nordländischer Coach wird Berns Kari Jalonen nicht auf seine fast genetische Überzeugung verzichten können, dass Gewinnen ein Prozess ist, der im Playoff einfach weitergeht. Hinter seinem professionellen Auftritt verbirgt sich vermutlich ein stürmisches inneres Feuer. Wenn er aber spricht, ist es schwierig, sich nicht aufs Ende des Satzes zu freuen. Hat er wirklich die Fähigkeit, seine Spieler zu inspirieren, so wie das 2016 der Fall war?

Auf der anderen Seite wird McNamara keine Probleme haben, seine Spieler zu inspirieren. Sie brechen auf in ein Abenteuer, das nur positiv sein kann, und werden inspiriert sein, das Hockey ihres Lebens zu spielen. Auch wenn Biel weder über das Talent noch über die Führungsqualität in der Garderobe verfügt wie der SCB: Die Serie wird für die Berner härter, als sie glauben. Vielleicht ist es aber genau das, was Bern braucht. Und für alle alten Kerle wie mich sind zwei Gross­väter an der Bande genau das, was wir brauchen. Es gibt noch Hoffnung!
Bern schlägt Biel 4:2

Alle Lions müssen helfen

Diese Serie wird eine Fallstudie darüber, ob ein Coach seinen Weg bis zum Titel gehen kann. Zürich ist hervorragend trainiert und abgeklärt, mit genug Talent, um Meister zu werden. Wie ich aber schon sagte, tut das Playoff weh, und kein Spielsystem führt daran vorbei. Es war ermutigend, wie letzten Samstag Chris Baltisberger Luganos Körperspiel annahm. Er wird aber Hilfe brauchen. Lugano (d. h. Lapierre) wird versuchen, die Lions von ihrem Spiel abzubringen – und die werden sich gegenseitig helfen müssen und inspiriert sein, die Widrigkeiten zu überwinden. Es wird nicht reichen, das Spiel zu bestimmen und die Emotionen zu kontrollieren.

Auf der anderen Seite hat der Trainerwechsel den Luganesi neues Leben eingehaucht, wie 2016, als sie den Final erreichten. Sie werden sicher inspiriert spielen. Trainer Greg Ireland gibt sich wie ein Verkäufer von Occasionsautos und sagt all die richtigen Dinge. Wir wissen aber alle, wer in Lugano das letzte Wort hat – die Spieler. Sie entscheiden über ihr Schicksal. Und ich frage mich, wie das schwedische Trainerduo des ZSC reagieren wird, falls die ersten Stühle fliegen und über dem Parkplatz Tränengas liegt. Das ist die Viertelfinal-Serie, die man sehen muss.
ZSC schlägt Lugano 4:3

Zug hat den besseren Goalie

Zug spielt mit zu wenigen Emotionen, Genf mit zu vielen. Keine zwei Teams reflektieren die Persönlichkeiten ihrer Trainer stärker. Chris McSorley kann sein schlimmster Feind sein. Harold Kreis muss mit Emotionen coachen und seinen Leuten erlauben, ausserhalb ihrer (und seiner) Komfortzone zu spielen. Wir wissen, was wir von Genf erwarten können. McSorley sagte immer: «Gib mir das grösste, härteste, böseste Team in der Liga, und wir werden die Meisterschaft gewinnen.»

Leider strotzt die aktuelle Ausgabe nicht so vor Überzeugung wie frühere, und er wird wieder nicht gewinnen. Auch Zug fehlt etwas. Dass der Vertrag mit Kreis nicht verlängert wurde, obwohl der EVZ meist Platz 1 oder 2 belegte, zeigt einen Mangel an Vertrauen in den Coach und wohl auch ins Team. Welches Gesicht wird Zug zeigen? Der EVZ hat den besseren Goalie, das sollte den Unterschied machen.
Zug schlägt Servette 4:3

Davos bleibt ein Finalkandidat

Auf der Liste der Finalkandidaten darf man den HCD nicht vergessen, denn man kann Arno Del Curto nie vorwerfen, seine Spieler zu sehr zu zügeln. Davos wird inspiriert spielen, emotional und mit hohem Tempo vom ersten ­Puckeinwurf bis zum Schluss. Die Frage ist, ob die alten Knaben Ambühl und Forster bis zu 21 Mal auf dem Niveau und mit dem Tempo spielen können, an das wir uns gewöhnt haben. Ich bezweifle es.

Lausanne spielte die ganze Saison inspiriert und über seinen Fähigkeiten und hat nicht mehr viel im Tank. Coach Dan Ratushny wird in seinem ersten NLA-Playoff vermutlich zu viel machen wollen. Die Goalies werden ein entscheidender Faktor – Jugend (Senn) gegen Erfahrung (Huet). Senn wird uns aber alle überraschen.
Davos schlägt Lausanne 4:2

Kein anderes Land der Welt ist mit so vielen verschiedenen Coachingkulturen und Spielstilen gesegnet wie wir. Die Coachs werden viel Einfluss haben, am Schluss wird aber das Herz entscheiden, wer Champion wird. Alle Serien werden faszinierend. Für Bern wird es viel schwieriger, den zweiten Titel in Serie zu holen als den ersten. Denn oft steht ein inspiriertes Team auf und überrascht einen, wenn man es am wenigsten erwartet. Michael Jordan sagte auch einmal: «Wenn du Champion werden willst, musst du es von dir selber erwarten.» Vor 17 Jahren habe ich das vor Spiel 6 des Finals gegen Lugano an die Tafel in der Garderobe geschrieben. Wir waren bereit. Wir haben es erwartet. Wer erwartet in diesem Jahr von sich, Meister zu werden?

Erstellt: 03.03.2017, 23:13 Uhr

Kent Ruhnke (64)
führte Biel (1983), die ZSC Lions (2000) und Bern (2004) zum Meistertitel. Das Playoff begleitet er für den TA mit seinen Kolumnen.

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