Eine Liga träumt nordisch

Nie gab es so viele skandinavische Trainer im Schweizer Eishockey wie heute. Dahinter steckt ein grundlegender Wandel.

Schweizer Meister: Mit zwei Titeln in drei Saisons zeigte Kari Jalonen beim SCB finnischen Erfolgshunger.

Schweizer Meister: Mit zwei Titeln in drei Saisons zeigte Kari Jalonen beim SCB finnischen Erfolgshunger. Bild: Keystone

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Bescheidenheit klingt anders. «In der National League will man nur das Beste vom Besten», sagt Rikard Grönborg. Der Schwede meint durchaus sich selbst. Zweimal coachte er sein Land zum Weltmeistertitel, nun soll der 51-Jährige die ZSC Lions zurück zum ­Erfolg führen. Die Konkurrenz zieht mit: Als Lugano einen Erfolgstrainer suchte, wurde es ebenfalls im Norden fündig: Sami Kapanen, mit dem finnischen Kuopio gerade Spengler-Cup-Sieger, wurde ins Tessin gelockt. Kapanen ist der siebte Cheftrainer aus Skandinavien in der höchsten Schweizer Liga. Es ist bloss die Spitze des Eisbergs.

So nordisch wie heute waren die Meisterträume hierzulande nämlich noch nie. Das zeigt schon der Unterbau: Von den 19 Assistenztrainern in der National League stammen 13 aus Skandinavien. Von zehn neu besetzten Assistenzstellen gingen acht an Skandinavier. Nur drei Clubs ­haben keinen Nordländer im Stab.

Der Trend ist frappant – und setzt sich in der Swiss League fort: Dort holten fünf Clubs einen ­neuen ausländischen Coach – vier davon Schweden. Doch woher kommt der Drang nach Norden?

«Hat voll in die Karten der Skandinavier gespielt»

Davos-Sportchef Raeto Raffainer, zuvor Sportdirektor beim ­Verband, hat da eine Theorie. «Als 2015 die Mittelzone kleiner gemacht wurde, hat das voll in die Karten der Skandinavier gespielt – die haben schon lange so gespielt, wie man das nun musste.» Bezüglich Technik, Puckbesitz, Angriffsauslösung sieht Raffainer darum «einen Riesenvorteil».

Rückblende: Während einer ganzen Generation ist die Schweizer Liga nordamerikanisch geprägt. «Inzwischen haben die Kanadier die Skandinavier gänzlich verdrängt» postuliert die SonntagsZeitung 1998 – und behält lange recht. Nachdem Schweden wie John Slettvoll oder Conny Evensson moderne Taktik und strukturierte Trainings in die Schweiz ­gebracht haben, dominiert das kanadische Element. Zwischen 1996 und 2013 wird kein nordländischer Trainer Meister, bleibt ihre Zahl tief. Vor zehn Jahren starten nur zwei Clubs mit Skandinaviern in die Saison, vor fünf Jahren nur zwei.

Mit Jalonens Wunsch beginnt die Erfolgsgeschichte

Dann geschehen drei Dinge, die Nachahmer finden. Einerseits werden Schweden und Finnen auf internationaler Ebene immer besser. Andererseits holt der SC Bern den finnischen Nationaltrainer Kari Jalonen. Und schliesslich wird das Schweizer Nationalteam zum überraschenden Vorbild für das, was sich hiesige Clubs im Kleinen erhoffen.

Die Erfolge der Nordländer bei grossen Turnieren sind eindrücklich. Die letzten drei A-Weltmeisterschaften gingen an Schweden oder Finnland, Erstere holten zuletzt Gold bei den U-18-Junioren, Letztere bei der U-20.

Dann ist da der SCB. Die Berner entschlossen sich 2016, nach NHL-Trainer Guy Boucher auf einen Finnen zu setzen. Und Kari Jalonen pulverisierte alle Bedenken, wurde in drei Jahren zweimal Meister. Dabei wirkte nicht nur sein Erfolg vorbildlich, sondern auch seine Methodik: Auf Trainerwunsch hatte der SCB den zweiten Assistenzcoach eingeführt, das Triumvirat an der Bande war vom ersten Tag an finnisch.

Und schliesslich die Nationalmannschaft. Nachdem Trainer ­Patrick Fischer bei seiner ersten WM taktisch überfordert geschienen hatte, stellte ihm der Verband einen schwedischen Defensivspezialisten zur Seite. Und Tommy Albelin gab dem Team jenes taktische Korsett, das gefehlt hatte. WM-Silber in Kopenhagen war die Krönung dieser Massnahme, und auch bei der U-20 war des Stockholmers Handschrift gut erkennbar.

So bauten Jalonen und Albelin zugleich Vorurteile ab, wie sie Hoffnungen weckten. Und lieferten die Anleitung dafür, wie auch Schweizer Clubs Erfolg haben konnten: mit einem noch stärker spezialisierten Trainerstab, mehr individuellem Feedback für immer jüngere Spieler, mehr Stimmen im Training. Der neue HCD-Trainer Christian Wohlwend etwa, zuvor mit Albelin im Staff des Nationalteams, lässt ganze Einheiten ausschliesslich von seinen skandinavischen Assistenten leiten.

Das nämlich ist der eigentliche Trend hinter der neuen nordischen Welle. Als Dan Tangnes letztes Jahr nach Zug kam, wünschte er sich wie zuvor in Schweden einen zweiten Assistenten. Als Grönborg zum ZSC stiess, war der zweite Assistent schon Selbstverständlichkeit – und gar Bedingung, dass Grönborgs ­Video-Coach mitkommen durfte.

Spezialisten für die Defensive – Albelin lässt grüssen

Nicht immer sind es die Trainer, die ihre Assistenten auswählen. Manchmal hat ein Bisheriger einen Vertrag, manchmal gibt es strategische Überlegungen. Und manchmal wünscht sich der Club einen Coach für einen besonderen ­Bereich. In der Schweiz waren – Albelin lässt grüssen – Fachmänner fürs Defensiv-Verhalten zuletzt besonders gefragt. Beim ZSC, in Zug und in Lugano sind sie überzeugt, einen diesbezüglich führenden Spezialisten geholt zu haben. Und beim HCD wirkt neu ein Schwede, der zuvor bei Meister Frölunda für die Stürmerentwicklung und das Powerplay zuständig war.

Klar ist: Bei immer mehr immer wichtigeren Mitarbeitern hilft es, wenn man dieselbe Sprache spricht. Klar ist aber auch: Keinem Club reicht es, dass seine Coachs bloss eine Philosophie verkörpern. «Es musste unbedingt ein Skandinavier sein», erklärt Sportchef Leuenberger die Wahl des ZSC. «Aber es musste einer sein, der auch die nordamerikanische Denkart pflegt – und Grönborg hat seine halbe Karriere in Amerika verbracht.»

Was wäre denn die nordamerikanische Denkart? «Gutes Coaching», sagt Leuenberger. «Und der Winner-Instinkt.»

Also doch.


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Erstellt: 15.09.2019, 19:05 Uhr

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