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Einen Ronaldo gibt es bei uns nicht

Mathias Seger* über den Wert des Teams und die Tücken von Professionalisierung und gesellschaftlichem Wandel.

Wenn wir Hockeycracks nach Spielen Interviews geben, hört man oft den Satz: «Es ist egal, wer das Tor geschossen hat, Hauptsache, wir haben gewonnen.» Viele belächeln dies als Floskel. Doch wir sagen das nicht, weil wir es sagen müssen, sondern weil wir dieses Denken verinnerlicht haben. Es wurde uns im Eishockey von klein auf mit­gegeben. Schon wenn wir zum ersten Mal die Schlittschuhe schnüren, wird uns eingeimpft, dass man als Gruppe gewinnt oder verliert. Dass man fürs gleiche Ziel kämpft, das Ego zurück­stellen muss. Auf spielerische Weise wird uns ein Sinn für die Gemeinschaft vermittelt. Deshalb funktioniert es auch. Wenn uns das der Lehrer in der Schule sagen würde, es ginge beim einen Ohr rein und beim anderen wieder raus.

Es ist kein Zufall, dass Sidney Crosby, der wohl weltbeste Spieler, diese Team-Mentalität verkörpert. Es ist undenkbar, dass er sich so in den Mittelpunkt stellen würde wie Weltfussballer Ronaldo. Wobei ich dessen Persönlichkeit nicht gut kenne und ihm auch nicht unrecht tun will. Ich habe auch schon gelesen, dass ehemalige Mitspieler begeistert sind von Ronaldo. Dass sie ihn sogar als exemplarischen Teamplayer bezeichneten.

Eine Mannschaft erträgt jedenfalls ein, zwei, vielleicht drei dieser Spieler, die von der Norm abweichen, deren Egoismus ausgeprägter ist. Und die diesen Egoismus brauchen, um ihre Genialität und Produktivität auszu­spielen. Die Kunst für einen Coach ist es, ihnen gewisse Freiheiten zuzu­gestehen, ohne dass sich die anderen benachteiligt fühlen. Keiner darf 30 Minuten spielen, sonst geht das Teamgefüge kaputt.

Ich bin überzeugt, dass Teamsport eine gute Lebensschule, der Entwicklung eines jungen Menschen förderlich ist. Man lernt, gemeinsam ein Ziel anzustreben, füreinander zu kämpfen, sich in einer Gruppe zurechtzufinden. Die Botschaft lautet: Zusammen ist man grösser als die Summe der Einzelteile. Das erfährt man in Verbindung mit dem Spass am Spiel. Im Eishockey ist diese Denkweise besonders ausgeprägt. Man steckt Checks ein, blockt Schüsse, opfert sich auf für die anderen. Und es passt, dass alle Helme tragen und die individuellen Merkmale damit weniger gut sichtbar sind.

Der Teamspirit leidet

Aber auch im Eishockey haben sich die Zeiten gewandelt. Ich glaube nicht, dass es heute noch möglich ist, einen solchen Teamspirit zu leben wie vor 20 Jahren. Nur schon, weil sich der Sport extrem professionalisiert hat. Früher hatten wir nur 36 Spiele und trainierten trotzdem weniger, da blieb mehr Zeit, als Team etwas zu unternehmen. So, wie das heute gar nicht mehr möglich ist.

Zudem hat sich die Gesellschaft markant verändert. Der Druck auf den Einzelnen und der Individualismus sind heute ausgeprägter. Es ist viel wichtiger geworden, wie man sich gegen aussen präsentiert. Mir war doch egal, welche Kleider ich trug. Heute beginnt alles viel früher. Man muss richtig gestylt sein, auf den ­sozialen Netzwerken perfekte Profile ­pflegen. Und natürlich muss man jederzeit erreichbar sein. Früher fand jeder eine Lehrstelle, heute muss man 50 Bewerbungen schreiben. Da ist es ganz natürlich, dass man mehr für sich schaut und die Sicht fürs Ganze ­verloren geht. Und das spiegelt sich im kleinen Kosmos Eishockey, in dem wir uns bewegen.

Natürlich haben die sozialen Medien und Smartphones nicht geholfen. Wenn 22 in der Garderobe sitzen und alle an ihren Handys hantieren, ist das etwas anderes, als wenn man sich miteinander unterhält. Von Angesicht zu Angesicht. Doch man kann es nicht erzwingen. Als wir bei uns ein Natelverbot in der Kabine einführten, war die Garderobe plötzlich leer. Alle wichen auf die Aufenthaltsräume auf, wo das Handy erlaubt war. Und wenn alle gestresst sind, weil sie ihr Telefon nicht bei sich haben dürfen, ist das auch nicht förderlich. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Und immerhin haben wir heutzutage einen ­Team-Chat, in dem wir uns auch ausserhalb des Rinks austauschen. Da ­ent­stehen manchmal ganz witzige Unterhaltungen.

Gibt es zu viele Angepasste?

Wenn man spürt, dass einer gegen den Strom schwimmt und Dinge tut, die dem Team schaden könnten, wird das intern geregelt. Es wird mit ihm ­geredet, er wird darauf aufmerksam gemacht. Doch das gibt es höchst selten. Eigenbrötler kommen in ­unserem Sport in der Regel nicht weit. Inzwischen wird im Schweizer Eis­hockey aber diskutiert, ob wir nicht zu viele Angepasste produzieren und zu wenige Individualisten. Solche, die einen unerschütterlichen Glauben an sich haben, sich durch nichts beirren lassen und in einem Bereich absolut herausragend sind.

Seit ich vor über 20 Jahren in die Nationalliga A kam, hat sich der Sport extrem verändert. Alle sind schneller geworden, kräftiger, ausdauernder, technisch versierter. Was das Taktische und die mannschaftliche Geschlossenheit angeht, sehe ich aber kaum eine Entwicklung. Ich bin jedenfalls immer noch fest davon überzeugt, dass letztlich der Zusammenhalt entscheidet, wer ­gewinnt.

* Der ZSC-Captain schreibt diese Saison Kolumnen für den «Tages-Anzeiger».

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