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Er darf auch patzen

Der junge ZSC-Verteidiger Tim Berni macht gerade grosse Schritte in seiner Entwicklung. Dazu gehören Fehler. Und ereignisreiche Spiele wie gegen Ambri.

Kristian Kapp
Nach dem Trashtalk mit Ambris Noele Trisconi (rechts) ein Lächeln: Tim Berni freut sich über seinen Treffer zum 4:3.
Nach dem Trashtalk mit Ambris Noele Trisconi (rechts) ein Lächeln: Tim Berni freut sich über seinen Treffer zum 4:3.
Ennio Leanza, Keystone

Wer sagt denn, das Verteidigerleben sei eintönig, nur Stürmer hätten den vollen Spass eines Eishockeyspielers? Man schaue nur auf Tim Berni und seinen Abend am Samstag beim 5:3-Sieg des ZSC gegen Ambri-Piotta.

Siegestor erzielt? Check! Spektakuläre Defensivaktion auf offenem Eis mit anschliessend auf dem Boden liegendem Gegner? Check! Und, weil das Leben schliesslich nicht nur aus Spass besteht: Gegentor mitverschuldet? Check! Und da war noch einiges mehr. Aber alles der Reihe nach.

Eine Playoff-Entdeckung beim Meisterrun 2018

Berni ist mit seinen 19 Jahren das «Küken» in einer routinierten ZSC-Abwehr, in der der Drittjüngste bereits 26 ist. Hans Kossmann warf ihn im meisterlichen Playoff-Run 2018 ins kalte Wasser – Berni wurde zur unerwarteten Entdeckung.

Und er lernte letzte Saison die rauen Seiten kennen, als er zwar erstmals Stammspieler bei den Erwachsenen war, nur wenig Einsatzzeit erhielt, dafür viele, viele Gegentore auf dem Eis miterlebte. Dennoch wäre er um ein Haar an die WM nach Bratislava mitgereist, den Platz des jungen Verteidigers vergab Nationaltrainer Patrick Fischer am Ende aber an Biels Janis Moser.

Perfektes Stellungsspiel, vorbildliche Beinarbeit in der Defensive: Tim Berni lässt Ambris Johnny Kneubuehler auflaufen (Video: MySports)

Und nun die aktuelle Spielzeit. Die ist mit acht Partien zwar noch jung, doch dennoch ist Berni bereits eine Art Gewinner im Lions-Team. War seine Eiszeit 18/19 mit gut 10 Minuten pro Spiel die tiefste aller Stammverteidiger, darf er nun unter dem neuen Trainer Rikard Grönborg fast doppelt so lange ran (18:26), er ist diesbezüglich zur Nummer 3 hinter Captain Patrick Geering und dem Kanadier Maxim Noreau aufgestiegen. «Das ist cool», sagt Berni. Die letzte Saison, sie sei eine gute Lektion gewesen: «Ich kann nun sehr viel Gelerntes anwenden.»

Zum Beispiel in und vor allem nach Partien wie am Freitag in Langnau. Bis dorthin hatten Berni und sein Verteidigerpartner Dario Trutmann das kleine Kunststück geschafft, sechs Spiele lang bei 5-gegen-5-Hockey bei keinem Gegentor auf dem Eis zu stehen. Doch dann bescherte die Reise ins Emmental trotz 6:4-Siegs einen persönlichen Horrorabend für Berni: Bei allen vier Gegentreffern stand er in der Nähe der Langnauer Torschützen.

«Als Profi musst du lernen, so etwas wegstecken zu können, dich wieder auf deine Stärken zu besinnen», sagt Berni. Das sei ihm gut gelungen: «Ich ging gegen Ambri mit Selbstvertrauen ins Spiel.»

Ein Check, ein Assist, ein Tor

Und wenn er mutig spielt, dann ist Berni vorne wie hinten ein Faktor. Dann schaltet er sich ein in den Angriff, nimmt auch Risiken auf sich, aus heiklen Situationen befreit er sich immer wieder mit bemerkenswerter Mobilität. Dann kann er defensiv auch mal zulangen, wie gegen Ambris Johnny Kneubuehler, dann liefert er vorne Assists und Tore wie beim 3:3 und 4:3 gegen die Tessiner, dann wirkt er in lichten Momenten abgezockt wie ein Routinier.

Keine Frage, der Gamewinner sei natürlich cooler gewesen als der Check, sagt Berni, gewohnt keck. Die paar Worte kurzer Trashtalk, stets lächelnd, mit Ambris Noele Trisconi nach dem 4:3, passen da ebenso ins Bild.

Viel Selbstvertrauen, vorbildliche Beinarbeit in der Offensive: Tim Berni verwandelt dank exzellenten Skating-Fähigkeiten eine heikle Situation in einen Torschuss. (Video: Swiss Ice Hockey)

Das sei der Tim Berni, den er sehen wolle, sagt Trainer Grönborg. Dann verzeihe er ihm auch Fehler wie den unkontrolliert wirkenden Pass hinter dem eigenen Tor, der am Ursprung des zweiten Ambri-Tores stand. «Fehler passieren. Aber ich mag, dass er Dinge probiert, nicht einfach nur den Puck wegschiessen will», sagt Grönborg. «Darum geben wir ihm viel Eiszeit, wir wollen, dass er häufig in diese Situationen kommt, in denen er lernen kann. Wenn wir ihn zurückhalten, wird er nicht zum kompletten Spieler.»

Geduld und Neugierde

Zum Lernen gehört Geduld. Verteidiger-Arbeit sei ein ‘Hochdruck-Job’, sagt Grönborg, «junge Abwehrspieler benötigen mehr Zeit in ihrer Entwicklung als Stürmer.» Und es braucht Neugierde, Grönborg ist aufgefallen, wie oft Berni Feedback einfordere: «So ist die neue Spielergeneration, sie stellt Fragen, sie will viele Videos schauen.»

Antworten gibts von Grönborg, aber vor allem von Fredrik Stillman, dem Assistenzcoach, der sich explizit um die Verteidiger kümmert. Die Videos schliesslich präsentiert ihm Johan Andersson, Grönborgs treuer Begleiter und Mann für die Bilder. «Mit Tim arbeiten wir sehr oft mit Video», sagt Grönborg. «Um gute Entscheide auf dem Eis zu treffen, um dich richtig zu positionieren auch ohne Puck, das lernst du als Spieler vor allem mit Repetition - und mit viel Videostudium.»

Zieldestination Columbus

Berni, der im Sommer im Nachwuchs-Camp der Columbus Blue Jackets weilte, wird diese Saison intensiv beobachtet von der NHL-Organisation, die ihn im Sommer 2018 in Runde 6 draftete und in der mit Dean Kukan bereits ein weiterer Zürcher Verteidiger spielt. Bernis Ziel ist Nordamerika, wenn die aktuelle Saison für ihn optimal läuft, will er den Schritt in einem Jahr wagen. Bei diesem Thema geht Berni erstmals verbal in die Defensive: «Es ist noch etwas früh, um darüber zu sprechen. Ich muss zuerst noch eine konstante Saison mit dem ZSC zeigen.»

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