«Er ist ein richtiger Chef»

ZSC-Sportchef Sven Leuenberger erklärt, wieso er sich für den schwedischen Weltmeistertrainer Rikard Grönborg (50) als neuen Zürcher Coach entschieden hat.

Neuer Trainer, neues Glück: ZSC-Sportchef Sven Leuenberger (Bild) erklärt die Verpflichtung Rikard Grönborgs.

Neuer Trainer, neues Glück: ZSC-Sportchef Sven Leuenberger (Bild) erklärt die Verpflichtung Rikard Grönborgs. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Wieso haben Sie sich für Rikard Grönborg als neuen ZSC-Trainer entschieden?
Er hat uns von seiner Persönlichkeit her sehr überzeugt. Von seinem ganzen Auftreten. Und auch, wie er das Eishockey sieht. Er ist sehr gradlinig als Typ, auf dem Eis gibt es bei ihm keine Kompromisse. Wenn er sagt, es gehe nach links, dann geht es nach links. Er hat dieses Nordamerikanische in sich drin, das Unnachgiebige. Er scheut sich nicht vor Entscheidungen, ist ein richtiger Chef.

Grönborg war ja auch in Davos ein Thema. Wie kommt es, dass er nun beim ZSC gelandet ist?
Ich weiss nicht, was mit Davos war. Man hört, es habe sich um gewisse Ausstiegsklauseln gedreht. Wir jedenfalls haben ihm vom Anfang an klar gemacht: Es gibt bei uns keine Ausstiegsklauseln.

Wieso dauerte es so lange, bis Sie den neuen Headcoach verpflichten konnten? Spekulierte Grönborg noch auf einen Coaching-Job in der NHL? Zum Beispiel in Buffalo?
Nein. Er bekannte sich von Anfang an dafür, dass er nicht in die NHL geht. Es gab andere Kandidaten, die sagten, sie wollten zuerst abwarten, was in der NHL passiere. Es sind dort ja noch vier, fünf Coaching-Jobs offen. Und dann hätten wir locker noch bis Ende Mai warten können. Es hat bei uns etwas gedauert, weil wir unsere Recherche sehr gründlich gemacht haben, mehrere Kandidaten zum persönlichen Gespräch nach Zürich haben einfliegen lassen.

Wie viele ernsthafte Kandidaten gab es?
Irgenwann waren wir bei vier Kandidaten. Geredet haben wir aber mit mehr, mit fünf, sechs. Das kann aber auch einmal eine Stunde am Telefon gewesen sein. Grönborg war zwei Mal in Zürich. Es war mir wichtig, ihn persönlich zu treffen. Und dass er unser Umfeld kennenlernt.

«Grönborg ist kein typischer Schwede, sondern ein nordamerikanisch denkender Schwede. Und ein nordamerikanisch coachender Schwede.»Sven Leuenberger, Sportchef ZSC Lions

Grönborg hat für zwei Jahre unterschrieben, sein erklärtes Ziel ist aber die NHL. Haben Sie nicht Angst, ihn frühzeitig zu verlieren? Wie einst Meistertrainer Bob Hartley?
Wie gesagt: Er hat bei uns keine Ausstiegsklausel und für zwei Jahre unterschrieben. Was danach sein wird, werden wir sehen.

Mit schwedischen Coaches haben Sie bei Hans Wallson und Lars Johansson ja jüngst keine guten Erfahrungen gemacht. War das kein Punkt, der Sie skeptisch stimmte?
Grönborg ist kein typischer Schwede, sondern ein nordamerikanisch denkender Schwede. Und ein nordamerikanisch coachender Schwede. Er hat auch den amerikanischen Pass, hat 20 Jahre in Nordamerika gelebt, auf Englisch studiert. Seine Frau ist Amerikanerin. Wallson und er sind ganz unterschiedliche Typen.

Grönborg wurde zuletzt mit Schweden zweimal Weltmeister. Musste es ein grosser Name sein?
Wichtig war für uns, dass er auf hohem Niveau gearbeitet hat, mit Spielern auf Weltklasseniveau. Dass er keinen zu grosen Respekt hat vor den Spielern, sich getraut, sich durchzusetzen. Darum ging es.

Ist das die Lehre aus dem Misserverständnis mit Serge Aubin?
Grönborg kommt nun unter ganz anderen Vorzeichen. Aubin musste eine Mannschaft übernehmen, bei welcher der Meistertitel das eine oder andere Problem überdeckt hatte. Die Spieler sind jetzt sicher mehr bereit, zuzuhören, als sie das bei Aubin waren. Ich bin aber nach wie vor überzeugt, dass Aubin ein guter Coach ist.

Rikard Grönborg als Nationaltrainer Schwedens, hier gegen Tschechien beim Länderturnier Channel One Cup in Moskau letzten Dezember. (Bild: Maxim Shipenkov/Keystone

Grönborg hat wenig Erfahrung als Clubcoach. Ist das nicht ein Handicap?
Wir machten bei allen Kandidaten eine Liste mit Plus und Minus. Du findest immer irgendetwas. Der eine hat keine Europa-Erfahrung. Der andere ist ein Rückkehrer. Und so weiter. Ja, Grönborg hat nicht so viel Erfahrung als Club-Coach. Aber er hat unglaublich viel gesehen, hat jedes System dieser Welt studiert. Im Hinblick auf das Olympiaturnier ohne NHL-Cracks setzte er sich sehr intensiv mit den europäischen Topligen auseinander, auch mit der Schweiz. Ich war beeindruckt, wie viel er wusste. Und wieviel er wissen wollte.

Wie meinen Sie das?
Vor der Olympiasaison meldete er sich bei uns und sagte, er werde ein paarmal nach Zürich kommen, um Kandidaten fürs Nationalteam zu beobachten. Und er schaute nicht nur unsere Spiele, er wollte auch wissen, was wir vom Spieler erwarten wie bei uns von Fredrik Pettersson. Damit er seine Leistung richtig einschätzen konnte. Das hatte ich zuvor noch nie erlebt bei einem ausländischen Nationaltrainer.

Beim schwedischen Nationalteam arbeitet Grönborg mit Weltklassespielern. Aber wie geübt ist er mit Spielern, die nicht ganz so gut sind?
Ich fragte ihn das auch. Er gab mir zur Antwort, dass er auf der höchsten US-Collegestufe ein Expansionsteam übernahm, das sich aus den Spielern zusammensetzte, welche die anderen Club nicht mehr wollten. Und mit jenem Team erreichte er das Playoff. Er hat also nicht nur mit Weltklassespielern gearbeitet.

Was erwarten Sie von ihm punkto Nachwuchsförderung?
Das Schöne ist, dass Grönborg zwei Nationalitäten in sich hat. Im Coaching ist er ein Nordamerikaner. Punkto Ausbildung aber eher ein Schwede. Er hat das schwedische Ausbildungskonzept mitgestaltet. Natürlich wollen wir da von seinem Knowhow profitieren.

Für welches ein Eishockey steht er? Wird der ZSC nächste Saison ähnlich spielen wie der EV Zug unter Dan Tangnes?
Wie wir genau spielen werden, kann ich Ihnen noch nicht sagen. Er wird zuerst unsere Stärken und Schwäche studieren, sich Videos anschauen von unseren Spielen. Auch vom Playoff 2018, als wir Meister wurden. Für ihn steht an erster Stelle, dass wir defensiv solid stehen. Das Fundament des Hauses muss stimmen. Aber natürlich wollen wir auch Druck auf den Puck ausüben. Er ist taktisch sehr flexibel, hat das System beim schwedischen Nationalteam immer wieder angepasst.

«Wichtig war für uns, dass er auf hohem Niveau gearbeitet hat, mit Spielern auf Weltklasseniveau. Dass er keinen zu grosen Respekt hat vor den Spielern, sich getraut, sich durchzusetzen.»Sven Leuenberger, Sportchef ZSC Lions

Wird jetzt, da Grönborg als Coach feststeht, der vierte Ausländer ein Schwede sein?
Nicht unbedingt. Ihm sei egal, woher der vierte Ausländer stamme, sagte er. Es müsse einfach gut sein.

Grönborgs rechte Hand im Nationalteam, Peter Popovic, wechselt zu Färjestad. Wer wird in Zürich sein Assistent?
Das ist noch offen.

Was erwarten Sie von Grönborg? Dass er die Disziplin wieder herstellt?
Ich erwarte, dass er der Chef ist. Dass wir eine klare Strategie haben. Dass er das System gut vermitteln kann, die Struktur stimmt auf dem Eis. Und dann werden wir auch wieder erfolgreich sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2019, 16:48 Uhr

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