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Er überrascht sich selbst

NHL-Stürmer Nico Hischier blickt auf eine gute erste Saison bei den New Jersey Devils zurück. Den Sommer verbringt der Walliser in Bern.

Hat für seine erste NHL-Saison viel Lob bekommen: Nico Hischier trainert in Bern. Bild: Raphael Moser
Hat für seine erste NHL-Saison viel Lob bekommen: Nico Hischier trainert in Bern. Bild: Raphael Moser

Der Bub trägt einen Gitterhelm, die Nummer 85 auf dem Rücken, aber keinen Namen auf dem Jersey. Die meisten haben gehört von seinem Talent, die wenigsten kennen sein Gesicht. Er läuft an zwei Ambri-Spielern vorbei, erhält vor dem Tor einen Querpass und trifft zum 2:1 für den SC Bern. Es ist der 11. Dezember 2015, Freitagabend, Nico Hischier gelingt sein erster NLA-Treffer, der SCB verliert dennoch 3:5 und fällt unter den Strich. Zwei Wochen vor Weihnachten brennt in Bern der Baum.

Nun brennt die Sonne aufs Dach des Berner Stadions. Nico Hischier blickt in die Halle, wo gerade kein Eis ist. Wo er mit 16 Jahren seinen ersten Treffer auf Profistufe erzielt hat. Er sagt: «Dieses Tor werde ich mein Leben lang nicht vergessen.»

Er wohnt überall

Der 19 Jahre alte Walliser ist zurück in Bern. Gewissermassen schliesst sich ein Kreis. Er wohnt «bitz überall», wie er sagt: mal bei einem Kollegen, mal bei Schwester Nina, mal bei der Tante in ­Köniz. Im Rahmen des Prospect Camp steht er mit der Nationalmannschaft in der kleinen Trainingshalle im Einsatz. Bruder Luca gehört ebenfalls zum Aufgebot. Und so ist es ein bisschen wie damals, als Nico mit 15 Jahren seinem Bruder nach Bern folgte, die beiden bei der Tante residierten, Nico im SCB-Nachwuchs dominierte, später im Fanionteam debütierte – und traf.

Der Gitterhelm ist längst ein Symbolbild für vergangene Zeiten der Anonymität. Hischier steht in den Katakomben der Postfinance-Arena, hinter ihm warten 30 Fans, die eigens seinetwegen zum Training des Nationalteams gekommen sind, Stifte, Handys und Kameras bereit. Hischier sagt: «Es lief in den letzten Jahren sehr gut. Ich hatte Glück, wurde von schweren Verletzungen verschont. Holz anfassen.»

«Taylor Halls Leistung war unglaublich.»

Nico Hischier

Die Stationen des Aufstiegs sind bekannt: Visp, Bern, Halifax, erster Schweizer Nummer-1-Draft in der Geschichte, der Wechsel zu den New Jersey Devils, die gute erste NHL-Saison, das Lob von höchster Stelle, als Teamkollege Taylor Hall bei seiner Wahl zum wertvollsten Spieler der abgelaufenen Spielzeit sagt: «Der wichtigste Grund, warum ich hier bin, sind Nico Hischier und das Vertrauen, welches mir General Manager Ray Shero und Coach John Hynes entgegengebracht haben.»

Hischier schmunzelt, rückt die Mütze zurecht – ein Akt sanfter Verlegenheit. «Natürlich fühlst du dich da geschmeichelt», sagt er. «Du brauchst immer Mitspieler, aber die Auszeichnung hat er sich verdient. Taylor Halls Leistung war unglaublich.»

Eine Enttäuschung

Einzig der April verläuft in ­Hischiers Premierensaison als NHL-Spieler nicht wie erhofft: New Jersey scheidet im Playoff früh aus, dem Angreifer wird von der Clubführung die WM-Frei­gabe wegen Handgelenksproblemen verweigert.

«Im ersten Moment war ich enttäuscht. Aber langfristig betrachtet war der Entscheid nachvollziehbar. Wäre an der WM etwas passiert, was den Start in die kommende Saison beeinflusst hätte, dann wäre niemand glücklich gewesen.»

Ohne den stärksten Schweizer Center erreicht die Nationalmannschaft den WM-Final. Einige Spieler des Silberteams sind nun in Bern versammelt. Das Prospect Camp soll Akteuren zwischen 19 und 25 Jahren dazu dienen, das System von Coach Patrick Fischer zu ­vertiefen. Zur Auswahl gehören unter anderen San-Jose-Stürmer Timo Meier und Nordamerika-Rückkehrer Christoph Bertschy. Aber für die Fans – heute findet ab 10.30 Uhr in der Trainingshalle eine öffentliche Einheit statt – geht es vor allem um Hischier. Geduldig erfüllt er die Wünsche, nach dem Training in der Halle, während der Freizeit in der Stadt. «Ab und an werde ich angesprochen, selbst wenn ich meistens eine Kappe trage. Aber das ist kein Problem. Kann ich jemandem eine Freude machen, tue ich das gerne.»

«Der Gedanke, ich sei jemand Besseres, existiert nicht.»

Nico Hischier

Bruder Luca hat einmal gesagt: «Nico ist bodenständig geblieben. Er hat sich vom riesigen Interesse nie irritieren lassen.» Nico meinte vor einem Jahr: «Der Gedanke, ich sei jemand Besseres, existiert nicht. Ich wurde nach anderen Werten erzogen.»

Ab August wird der Walliser mit dem SCB das Eistraining bestreiten. Danach reist Hischier nach New Jersey, ehe er am 1. Oktober für ein Exhibitionspiel mit den Devils wieder nach Bern kommen wird. «Ich freue mich riesig. Viele Familienmitglieder werden im Stadion sein – das wird eine coole Sache.» Sein Ziel für die zweite NHL-Saison? «Das Playoff erreichen.» Sein Motto? «Spass haben.» Hischier lacht, greift sich neuerlich an die Mütze, blickt nochmals rüber zum Eisfeld, auf dem das Eis fehlt. «Manchmal», sagt Nico Hischier, «manchmal bin ich selbst erstaunt darüber, wie schnell alles gegangen ist.»

Wenn einer derart rasant Fortschritte macht, scheint die Zeit schneller zu vergehen.

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