Er wird verwöhnt wie ein Grosser

Der Schweizer Kyen Sopa stürmt in Kanadas Top-Juniorenliga. Die NHL ist weit weg – doch nahe der Niagarafälle lebt er ein Leben, auf das mancher Profi neidisch wäre.

Kyen Sopa und der US-Teil der Niagarafälle mit den American Falls. Bilder: Kristian Kapp

Kyen Sopa und der US-Teil der Niagarafälle mit den American Falls. Bilder: Kristian Kapp

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Ein Wort genügt - und der grimmige Ausdruck des Zöllners verwandelt sich in ein freudiges Lächeln: «Eishockey», der Grund der Einreise. Wenn er dann zunächst vergisst, den Stempel in den Pass zu drücken, weil er stolz all die Schweizer aufzählen will, die er kennt: «Ralph Krueger, all die Goalies, Nico Hischier, Nino Niederreiter, Zemgus Girgensons!» Ja, dann wird klar: Hier ist Kanada.

Und der Girgensons, der Stürmer aus Lettland beim 30 Kilometer entfernten NHL-Club Buffalo – der sei ihm natürlich umgehend verziehen. Dieses Episödchen wird Kyen Sopa in Kürze hören und lieben, weil genau das für ihn alles ausmacht an diesem Ort: «Die Leute leben hier das Eishockey.»

Der Blick von der Rainbow Bridge und die drei Wasserfälle der Niagarafälle: Auf USA-Seite die American Falls und Bridal Veil Falls sowie hinten die berühmten Horseshoe-Falls in Kanada.

Doch bleiben wir kurz bei der Grenze, sie ist eine aus vielen Gründen besondere, weil auch natürliche. Der Niagara Fluss, der hier die USA von Kanada trennt, kann über die Regenbogen-Brücke zu Fuss überquert werden.

Die Grenze mitten auf der Brücke.

Und man läuft von Niagara Falls nach Niagara Falls. Die beiden Städte an den Ufern heissen genau gleich – eine im Bundesstaat New York im Osten, die andere in der Provinz Ontario im Westen. Die Wasserfälle, davon zwei auf der US-Seite, sie sind weltberühmt, vor allem das «Hufeisen» in Kanada ist ein beliebtes Foto-Sujet.

Kyen Sopa war schon ein paar Mal hier, er amüsiert sich immer wieder von Neuem über die faszinierten Blicke der Touristen. «Als meine Eltern mich besuchten, machten sie 1000 Bilder», erzählt er lachend und sagt, dass das hier für ihn nach zwei Jahren gar nichts mehr Spezielles sei. Aber Sopa, 19-jähriger Schweizer Stürmer der Niagara Ice Dogs, weiss auch: Er wird das alles hier schon bald vermissen – und wie: «Die Jahre hier sind die besten meines Lebens.»

Die Ice Dogs spielen im rund 30 Minuten Fahrt ins Innere Kanadas entfernten Städtchen St. Catharines, sie sind die grosse Attraktion der Stadt, rund 5500 Zuschauer sorgen im Meridian Centre immer wieder für ausverkaufte Spiele – Sopa ist ihr derzeit bester Torschütze. Der frühere SCB-Junior aus der Ostschweiz ist einer von aktuell 12 Schweizern in einer der drei gleichwertigen Top-Nachwuchsligen Kanadas, er ist mit Abstand der produktivste.

Kyen Sopa auf der «Bumper»-Position im 1-3-1-Powerplay der Ice Dogs stets am richtigen Ort – und als Hattrick-Schütze für die Ice Dogs. (Quelle Niagara Ice Dogs/Instagram)

Und dennoch ist er weit von einer NHL-Karriere oder nur schon dem Draft entfernt. 2019 wurde Sopa übergangen, 2020 erhält er eine zweite und letzte Chance, die allerdings klein ist. Er wolle sie dennoch nützen, sagt Sopa. Doch er sagt auch: «Die Welt geht nicht unter, wenn es nicht klappt.» Seine Zukunft in jenem Fall wäre geregelt, er «gehört» vertraglich noch bis 2021 dem SC Bern.

Vorbild Nino Niederreiter

Die Schweizer Schlagzeilen in den drei kanadischen Juniorenligen generierten in den letzten Jahren Timo Meier, Nino Niederreiter, Sven Bärtschi oder natürlich Nico Hischier. Die Schweizer Top-Spieler, die sich in der WHL (Western Hockey League), QMJHL (Québec Major Junior Hockey League) oder OHL (Ontario Hockey League) aufs NHL-Abenteuer vorbereiteten. Niederreiter wechselte 2009 nach Portland, und als der damals 9-jährige Sopa einen Videobeitrag über den Churer in Nordamerika sah, dachte er erstmals: «Das will ich auch mal tun.»

Immer mehr Schweizer, viele auch nur Insidern bekannte, wählen diesen Weg, oft auch solche mit kleineren oder fast inexistenten Chancen auf die beste Eishockeyliga der Welt. Denn ein Nordamerika-Aufenthalt eröffnet nach der Rückkehr in die Schweiz häufig bessere Möglichkeiten auf einen Platz in der höchsten Liga.

Kyan Sopa im Meridian Centre, dem Heimstadion der Niagara Ice Dogs.

Und so sehr die kanadischen Juniorenligen in traditionellen europäischen Eishockeyländern wie Schweden teils massiv kritisiert werden für den vergleichsweise kleineren Trainingsaufwand wegen den vielen Reisen und Spielen – eines bieten sie ohne Zweifel: Eine Erfahrung fürs Leben.

Wie bei den Profis

«Wir werden hier verwöhnt», sagt Sopa nach dem Mittagstraining in St. Catharines. Er will dem Besucher aus der Schweiz unbedingt alles zeigen, es folgt eine eindrückliche Stadiontour. Lohn gibt’s keinen als Spieler der Juniorenligen, «aber ansonsten leben wir wie Profis», so Sopa.

Dem lässt sich schon angesichts der modernen Infrastruktur kaum widersprechen, manch ein Vertreter eines Schweizer Proficlubs würde vor Neid erblassen, sähe er hier Rink, Garderobe, Fitnesscenter, Materialraum, Waschküche, oder das grosse Zimmer fürs Videostudium, das eigentlich eher ein kleines Kino mit Grossleinwand und gepolsterten Klappstühlen ist. «Sowas haben nur wir», sagt Sopa stolz.

Damit ist auch das erwähnt: Bei weitem nicht alle Teams der drei Juniorenligen bieten die gleich gute Infrastruktur, der Ort für so ein Nordamerika-Abenteuer muss von Europäern gut gewählt werden, um keine unliebsamen Überraschungen zu erleben.

Das Heiligtum eines jeden Eishockeyspielers: Die Garderobe der Ice Dogs. Auf den Hund auf dem Teppich zu treten ist verboten und kostet 200 Kanadische Dollar Strafe in die Teamkasse.

Berühmte Vorgänger

In den Gängen hängen riesige Bilder von Dougie Hamilton, Alex Pietrangelo oder Ryan Strome, ehemalige Ice Dogs, heute berühmte NHL-Stars und der Stolz der Organisation. Alles erinnert hier an einen Profibetrieb: Die eigenen Gesetzte in der Garderobe, wo es beispielsweise für den Tritt aufs Clublogo auf dem Teppich in der Mitte 200 Kanadische Dollar Busse gibt. Die Verhaltensregeln sogar beim Pissoir, die es je nach Farbe des Urins zu befolgen gilt.

Oder die im Gang auf sechs grossen Tischen ausgebreiteten Wimpel; es sind Hunderte, die auf die Unterschriften der Spieler warten – «da brauche ich dann wohl eine Stunde dafür», seufzt Sopa.

Einiges zu signieren: Und das ist nur die eine Hälfte aller in den Katakomben auf die Spieler wartenden Wimpel.

Die Fans sind hier wichtig, nach den Heimspielen ist es üblich, dass die teilweise in Schale gekleideten Junioren auf die Tribüne gehen, sich unters wartende Volk mischen und Autogramm- und Selfie-Wünsche erfüllen.

Signierte Match-Jerseys aus der Vorsaison sind genauso zu kaufen wie diverses anderes hochwertiges Merchandising. Sopas Match-Jersey, in dem er 2018 sein erstes Tor für die Ice Dogs schoss, ist für 200 Kanadische Dollar zu haben – mit ins Innere hinein genähtem Beweisblatt, inklusive Namen des Materialwarts, der die Authentizität bezeugt.

Für Sammler zu kaufen: Kyen Sopas signiertes Match-Jersey von 2018/19.

Topskorer bei den SCB-Junioren

Sopa kam 2018 auch hierher, um sich einer richtigen Herausforderung zu stellen. In seiner letzten Saison in der Schweiz war er Topskorer der U20 des SC Bern – als 17-Jähriger. Er brachte es so weit, obwohl er erst relativ spät mit dem Eishockey begann und auch erst seit zwei Jahren ein professionelles Sommertraining betreibt.

«Hier in Kanada musste ich erstmals in meiner Karriere unten durch», erzählt er von der letzten Saison, in der die Ice Dogs eines der besten Teams der Liga stellten und Sopa keine Chance hatte, sich in den Top-Linien zu etablieren.

Das Gefälle innerhalb der Teams ist in diesen Ligen zwar oft gross, doch wer einmal eine tragende Rolle hat, der profitiert. So wie Sopa in dieser Saison: In der 1-3-1-Powerplay-Formation der Ice Dogs bildet er mit je einem Erst- und einem Zweitrunden-NHL-Draftee das torgefährliche Trio in der Mitte. «All das ist ein kleiner Traum, der in Erfüllung ging», sagt er.

Kyen Sopa bei den Niagarafällen.

Die Zeit neben dem Eishockey verbringt Sopa bei Gasteltern, das ist hier üblich. Und da er sich gegen einen möglichen Schulbesuch in St. Catharines entschied, ist er oft zuhause. Familien aus der Stadt bewerben sich, es macht sich gut, die jungen Stars im eigenen Haus beherbergen zu können. Wer den Check des Clubs besteht, darf einen oder zwei aufnehmen.

Sopa wohnt gemeinsam mit Giancarlo Chanton, einem 16-jährigen Schweizer Verteidiger, der aus dem Nachwuchs Langnaus zu den Ice Dogs wechselte. Die beiden sind wortwörtlich mitten im richtigen Leben: Zu den Gasteltern gesellen sich nebst Familien-Hund derzeit auch noch die «Gast-Grossmutter», die im Haushalt mithilft: Denn ihre Tochter gebar erst kürzlich ein Baby – es ist einiges los im Haus.

Kyen Sopa mit dem Schweizer Teamkollegen und Wohnpartner bei der Gastfamilie, Giancarlo Chanton.

Chanton ist der ruhige, ja scheue Teenager der beiden, Sopa der extrovertierte Draufgänger, der während der Garderoben-Tour Sprüche mit den Mitspielern klopft und verbal auch gründlich zurückbekommt. «Ich liebe die Offenheit der Leute hier in Kanada, auch wenn es hin und wieder vielleicht etwas oberflächlich ist», sagt er.

Tibetanisch-italienische Wurzeln

Das Lokalblatt von St. Catharines widmete Sopa bereits einen längeren Artikel. Sein Heimatland, Mutter aus Italien, Vater mit tibetanischen Wurzeln, dessen Eltern aus China in die Schweiz kamen – diese nicht alltägliche Kombination macht ihn hier zum Hockey-Exoten. Was aber eigentlich falsch ist: Alle Brüder seines Vaters spielten Eishockey, Onkel Tashi Sopa stürmt und skort noch heute für den Drittligisten Uzwil – und das mit 52 Jahren!

Exotisch mutet höchstens Sopas Arbeitsgerät an: Er reiht zwar Tor an Tor, ein Scharfschütze ist er allerdings nicht. Sein Stock ist nicht nur der kürzeste im Team, sondern mit «Flex 65» derart butterweich, wie er fast nur von Kindern verwendet wird – Slapshots lägen da kaum drin, sagt Sopa.

«Der Gedanke tut weh»

Aber eben, bei all dem Schwärmen, all den Erlebnissen: Die Zeit bei den Niagarafällen, sie geht für Sopa bald zu Ende. Er könnte theoretisch eine weitere Saison anhängen, doch für 20-jährige Ausländer gelten in der Juniorenliga spezielle Regeln, die ihren Einsatz praktisch verunmöglichen.

Wie bei den Profis: Kyen Sopa ist auch auf Tickets und Mini-Spielplan der Ice Dogs präsent.

«Der Gedanke daran tut weh, darum geniesse ich noch jede Sekunde hier», sagt Sopa. Vorher wird er noch alle Annehmlichkeiten des kleinen Profilebens geniessen und auch die langen Busfahrten stoisch hinter sich bringen – wobei die OHL im Vergleich zu den beiden anderen Ligen diesbezüglich angenehm ist.

Sault St. Marie ist mit rund 9 Stunden Fahrt der am weitesten entfernte Gegner. Doch weil die Ice Dogs die einzige Reise dorthin erst im Januar im Schneetreiben Ontarios unternehmen werden, dürfte der Trip dann bis zu 14 Stunden dauern. Das ist immer noch kein Vergleich zu Auswärtsfahrten in der WHL oder der QMJHL, wo Gegner schon mal gut 20 Stunden Fahrt entfernt liegen können.

Einsame Abendstimmung bei den Niagarafällen.

Es ist mittlerweile Abend geworden, Sopa und Chanton sind zuhause bei ihrer Gastfamilie in St. Catharines. Für den Besucher heisst es: Zurück nach Niagara Falls, Ontario, zurück über die Regenbogen-Brücke. Noch ein letzter einsamer Blick auf die Niagarafälle, die Touristen haben sich verzogen. Der Zöllner auf der US-Seite blickt und bleibt grimmig, Schweizer Eishockeyaner interessieren ihn nicht.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 13.11.2019, 09:20 Uhr

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