Es geht um Selbstachtung und Hoffnung

Es muss unangenehm sein, in den Schuhen von Hans Kossmann zu stecken. Doch er kann einiges tun, um seine ZSC Lions im Playoff wiederzubeleben. Ein paar Tipps, die er beherzigen sollte.

ZSC-Trainer Hans Kossmann im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen den ZSC Lions und HC Fribourg-Gotteron. Bild: Keystone/Melanie Duchene

ZSC-Trainer Hans Kossmann im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen den ZSC Lions und HC Fribourg-Gotteron. Bild: Keystone/Melanie Duchene

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Dies ist die Geschichte zweier Coachs. Der eine versucht verzweifelt, den Ruf des Siegers zu erwerben. Der andere will seinen Ruhm weiter mehren. Der eine führt ein Team, das weit unter den Erwartungen geblieben ist. Der andere das beste der Liga. Der eine hat nichts mehr zu verlieren, der andere alles zu gewinnen. Wer wären Sie lieber? Hans Kossmann oder Kari Jalonen?

Es muss unangenehm sein, in Kossmanns Schuhen zu stecken. Viele von uns Coachs waren schon in einer ähnlichen Position. Selbst der Meistertitel genügt nicht dafür, bleiben zu dürfen. Als Letzter erfuhr dies Lars Leuenberger beim SCB. Seit seinem Triumph vor zwei Jahren hat er nicht mehr als Coach gearbeitet. Und was es für Kossmann noch schlimmer macht: Es könnte seine letzte Chance bei einem Grossclub sein. Seine Schweizer Trainerkarriere neigt sich dem Ende zu.

Der Umschwung aus dem Nichts

Wenn Jalonen in die Zukunft blickt, dürfte er alles rosa sehen. Er hat das Meisterteam, das er 2016 übernahm, noch besser gemacht. Dabei ist es nur zwei Jahre her, dass die ZSC Lions als Qualifikationssieger ins Playoff starteten und der SCB von Rang 8 aus. Der junge, unerfahrene Lars Leuenberger hatte damals Mitte Saison die kriselnden Berner übernommen und trieb sie zum Titel. Sein Team wischte die Gegner im Playoff richtiggehend vom Eis. Ich habe noch nie ein Schweizer Team gesehen, das physisch so dominant war. Dabei kam der Umschwung aus dem Nichts. Können die ZSC Lions das gleiche Kunststück schaffen?

Wer ein guter Playoff-Coach sein will, muss sich manchmal gegen seine Intuition entscheiden. Lars Leuenberger installierte beim SCB ein Spiel­system, mit dem ich mich nie einverstanden erklärt hätte, hätte man mich gefragt. Er und der gefeuerte Guy Boucher hatten die ganze Zeit darüber diskutiert, der mutige Leuenberger implementierte es ohne Kompromisse. Die Details sind nicht entscheidend, sondern, dass kein Team ein Rezept dagegen fand. Indem er das konventionelle Denken über Bord warf, alles riskierte, schuf Leuenberger ein Erbe, von dem Jalonen noch heute zehrt.

Wollen sie füreinander spielen?

Für Kossmann ist es zu spät, das ­System zu verändern. Er hat eine solide Spielweise etabliert, aber sein Team hat damit kein Momentum aufnehmen können. Und Momentum ist alles im Playoff. Normalerweise gibt die ­Olympiapause einem Coach die ­Möglichkeit, an den Automatismen zu arbeiten. Aber bei den Zürchern ist davon nichts zu sehen. Die grosse Frage ist: Werden sie im Playoff für­einander spielen? Ja wollen sie das überhaupt?

Ich erinnere mich noch gut an eine Szene, die ich, es ist fast zwei Generationen her, im Hallenstadion erlebte. Mein Team, der EHC Biel, lag 1:3 zurück, und ich stauchte die Spieler in der Pause zusammen. Mein bester Spieler, Daniel Poulin, spürte mich danach tief in den Katakomben der Halle auf und sagte: «Kent, so funktioniert es nicht!» Er hatte recht. Es war eine der Situationen, aus der ich am meisten lernte – manchmal musst du deine Herangehensweise und deine Überzeugungen hinterfragen.

Spieler kann man nach zwei Kriterien beurteilen: Sie können es oder nicht. Sie tun es oder nicht.

Nun ist damit Kossmann an der Reihe. Weil es für einen Systemwechsel zu spät ist, lasst uns kontraintuitiv vorgehen: Anfang der 1970er-Jahre war die gängige Denkweise, den Puck von Bostons überragendem Verteidiger Bobby Orr fernzuhalten. Aber Philadelphias Fred Shero predigte genau das Gegenteil: «Schiesst den Puck in Orrs Ecke», sagte er. «Lasst ihn den Puck führen, lasst ihn sich müde spielen.» Niemand hatte das zuvor versucht. Diese Taktik wies den Flyers im Stanley-Cup-Final 1974 gegen Boston den Weg zum überraschenden Sieg.

Gebt Diaz den Puck!

Anstelle Kossmanns würde ich dasselbe tun im Viertelfinal gegen Zug mit Raphael Diaz. Man sah im letztjährigen Playoff, dass der Zuger Antreiber je länger, desto müder und fehleranfälliger wurde. Deshalb würde ich sagen: «Gebt ihm den Puck! Aber läuft nie an ihm vorbei, ohne ihn zu checken oder sich ihm in den Weg zu stellen. Lasst ihn für jeden Meter Eis arbeiten!»

Die Zürcher haben nur eine Chance: wenn sich jeder fürs Team aufopfert. Deshalb schlage ich vor, dass Kossmann eine Tabelle macht, in der jeder geblockte Schuss, jeder Check, jedes Nachsetzen vor dem Tor notiert wird. Es sind genau diese selbstlosen Aktionen, die die Zürcher brauchen, um zu wachsen. Alles andere ergibt sich.

Alles für den Sieg tun

Die besten Playoff-Teams sind die, die ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Der SCB ist das beste Beispiel dafür. Nicht das Talent dieses Teams macht den Unterschied, sondern dessen Einstellung und Entschlossenheit, alles für den Sieg zu tun. Doch bei den Zürchern sehe ich nicht viele Mosers, Rüfenachts oder Ebbetts.

Ich habe in meiner Coaching­karriere erfahren, dass man die Fähigkeiten von Spielern nach zwei simplen Kriterien beurteilen kann: Sie können es oder sie können es nicht. Sie tun es oder sie tun es nicht. Ich glaube, die Lions können es. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie es tun werden.

In diesem Playoff geht es für die ZSC Lions um Selbstachtung und Hoffnung. Ohne Hoffnung gibt es keinen Mut. Die Zürcher brauchen alles davon – und zwar in hoher Dosis.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 22:38 Uhr

Kent Ruhnke

Der 65-Jährige führte Biel (1983), die ZSC Lions (2000) und
den SC Bern (2004) zum Meistertitel. Für Tagesanzeiger.ch/Newsnet begleitet er das Playoff publizistisch.

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