Es ist okay, zu hoffen und zu träumen

«Im Playoff ist das Management der Erwartungen und Gefühle entscheidend», schreibt Kent Ruhnke in seiner Kolumne.

Kämpfen bis zum Umfallen: Im Playoff gibt es keine Berührungsängste.

Kämpfen bis zum Umfallen: Im Playoff gibt es keine Berührungsängste. Bild: Keystone

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Selbst die grössten Zyniker können sich den frischen Hoffnungen und dem sonnigen Optimismus nicht verschliessen, die mit jeder neuen Saison einhergehen. Doch viel davon ist in den letzten Monaten im kalten Schlund der Realität verschwunden. Das Playoff steht an, und die letzten vier kämpfen wieder ums Überleben. Der Mittelstand versucht, sich selber zu überzeugen, dass er eine Chance auf den Titel hat. Die Topteams haben die Linie zwischen Hoffnung und hohen Erwartungen bereits überquert. Für mich ist eine Frage zentral: Wie geht ein Coach mit all den Erwartungen, Gedanken und Gefühlen um?

Das letztjährige Playoff gibt uns Anhaltspunkte. Die ZSC Lions wischten nach Monaten, in denen sie weit unter ihrem Potenzial geblieben waren, das mächtige Davos und Qualifikationssieger Zug vom Eis und erlegten im Final den Berner Bären nach einem 1:3. Die gleiche Dynamik trieb die Los Angeles Kings, die es ebenfalls nur knapp ins Playoff geschafft hatten, zum ersten Stanley-Cup. Zerbrachen die Favoriten an ihren Ansprüchen? Oder war für den ZSC der explosive Mix aus Hoffnung und Adrenalin das perfekte Erfolgsrezept? Ich plädiere fürs Zweite.

Die ultimative Herausforderung

Ein wichtiger Job der Coaches ist es, die Erwartungen zu managen – eine delikate Aufgabe für Marc Crawford, Antti Törmänen und Hans Kossmann. Die ZSC Lions steigen unter ganz anderen Voraussetzungen ins Playoff als 2012. Einen Titel zu verteidigen, ist eine der grössten Herausforderungen im Sport. Es ist normal, dass man denkt, man könne wiederholen, was man im Vorjahr geschafft hat. Dass man jene Leistung wieder abrufen könne, wenn es nötig sei. Doch wer so denkt, ist schon gefangen in einer Falle, aus der nur wenige herausfinden.

Nur Teams mit Ausnahmekönnern wie Michael Jordan oder Lionel Messi, mit Persönlichkeiten, die über grosse Führungsqualitäten und einen unbändigen Willen verfügen, die ihre Kollegen mitziehen, schaffen es, den Titel zu verteidigen. Der grösste Gegner der Lions ist ihre Selbstzufriedenheit. Im vergangenen Jahr dachten viele, sie würden das Playoff nur nach dem Prinzip Hoffnung angehen. Das stimmte nicht. Sie fochten schon die ganze Saison einen erbitterten Kampf aus – Bob Hartley hatte sie mit seiner Detailtreue und seiner kompromisslosen Art, die in der Schweiz seinesgleichen sucht, optimal fürs Playoff vorbereitet.

Ich war einmal in einer ähnlichen Situation, als wir mit dem EHC Basel in der Nationalliga B unangefochten waren. Ich wusste, dass dies nicht genügen würde, um ein A-Team zu schlagen. Weil wir zu wenig zu kämpfen hatten mit unserer Gegnerschaft, beschloss ich, das Team immer wieder herauszufordern. Ich war kein beliebter Coach. Aber ein siegreicher. Wie Hartley im vergangenen Jahr.

Nicht zu beneiden ist Antti Törmänen. Für den SCB zählt nur der Titel. Die Berner Ansprüche gemahnen an die Kanadier an internationalen Turnieren. Das kanadische Mantra lautet: Geh, um Gold zu gewinnen, oder geh nach Hause! So kann man fast nur verlieren. Im vergangenen Jahr begingen die Berner im Final den fatalen Fehler, zu spielen, um nicht zu verlieren. Sie verzichteten auf Forechecking, minimierten ihr Risiko. Doch als sich die ZSC Lions auf ihren Stil, der darauf abzielt, den Gegner in der neutralen Zone zu «ersticken», eingestellt hatten, rissen sie das Momentum an sich – und der SCB konnte nicht mehr reagieren. Die Sporthistorie ist reich an grossen Teams, die verloren, weil sie nicht verlieren wollten: der FC Basel 2006 gegen den FC Zürich, der HC Lugano gegen den SCB in der finalen Overtime 2004, Bayern München gegen Manchester United 1999, um nur ein paar zu nennen.

Spielt, um zu gewinnen!

Den wohl interessantesten Job hat Freiburgs Hans Kossmann. Wie geht er mit den Erwartungen um, die sein Gottéron geweckt hat? Erstmals seit Bykow/Chomutow haben die Freiburger eine realistische Chance, Meister zu werden. Kossmanns Team weiss, wohin es will. Aber es weiss noch nicht, wie es dorthin gelangt. Eine Landkarte, die einem den Weg zum Titel aufzeigt, gibt es nicht. Und es ist kontraproduktiv, sich schon jetzt an diesem hohen Ziel zu orientieren. Ist die Hoffnung der Freiburger stark genug? Ich bin skeptisch. Jeder muss zuerst lernen, wie man gewinnt. Und das braucht Zeit. Im Playoff wird eine andere Sportart gespielt als in der Qualifikation.

Logisch wäre, wenn es zur Neuauflage des letztjährigen Finals käme. Aber dass sich der HC Davos nicht mit hohen Erwartungen herumschlagen muss, macht ihn nur noch gefährlicher. Auch von den Zugern wird der Titel nicht erwartet, doch ich denke, dass sie zu wenig daran glauben. Und die Genfer sind physisch und emotional so ausgelaugt, dass ich ihnen nicht mehr viel zutraue. Auch Lugano und Biel prophezeie ich kein langes Playoff.

Wenn ich den Coaches einen Ratschlag geben darf, dann diesen: «Spielt, um zu gewinnen! Habt hohe Erwartungen, aber seid euch bewusst, dass ihr Glück braucht.» Es gibt keine risikofreie Route zum Titel. Die ZSC Lions zeigten im vergangenen Jahr: Es ist okay, zu hoffen und zu träumen. Denn ohne Hoffnung gibt es keine Courage.

Erstellt: 02.03.2013, 14:59 Uhr

Auch ein brillanter Kolumnist: Kent Ruhnke coachte Biel (1983), die ZSC Lions (2000) sowie den SC Bern (2004) zum Titel. (Bild: Keystone )

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