Es wird ein bisschen wehtun

Der HCD läuft im Final am Limit, der ZSC noch nicht. Deshalb führen die Bündner.

Ein Davoser und sechs Zürcher Zuschauer: Andres Ambühl tanzt vor dem 1:0 im Hallenstadion durch die ZSC-Abwehr. Foto: Daniela Frutiger (freshfocus)

Ein Davoser und sechs Zürcher Zuschauer: Andres Ambühl tanzt vor dem 1:0 im Hallenstadion durch die ZSC-Abwehr. Foto: Daniela Frutiger (freshfocus)

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Endlich ist es so weit. Inzwischen bin ich überzeugt, dass es mehrere NHL-Mannschaften gibt, die den Kampf um den Schweizer Meistertitel nicht gewinnen würden. Die ZSC Lions und der HC?Davos spielen so rasant, dass die schwächeren NHL-Teams auf dem grösseren europäischen Eis nicht mehr mit ihnen Schritt halten ­könnten. Wie sich die Zeiten doch verändert haben!

Ich erinnere mich noch an die 80er-Jahre, als wir bereits enthusiastisch wurden, wenn ein NLA-Team gegen schwedische oder tschechische Clubs ein «Stängeli» verhindern konnte. In den 90ern waren wir stolz darauf, phasenweise mit der Konkurrenz aus den grossen europäischen Ligen mithalten zu können oder sogar zu gewinnen, wenn alles passte. Im neuen Jahrtausend begannen wir dann daran zu glauben, dass wir gegen europäische Topteams auf Augenhöhe spielen könnten, ja erwarteten sogar den Sieg. Und nun sind also die NHL-Teams in unser Visier geraten. Zürich und Davos bieten dieser Tage eine Show, auf die das Schweizer Eishockey stolz sein kann.

Die Taktik der Einschüchterung

Es ist indes gut möglich, dass man das in Zürich nach dem 2:3 vom Ostermontag gar nicht so recht schätzen kann. Marc Crawford sagte danach, das bessere Team könne nicht immer gewinnen. Das stimmt wohl. Aber ein Spiel dauert eben 60 oder gar 80 Minuten. Und in den ersten 30 Minuten spielten die Lions zu wenig konsequent.

Die Davoser hingegen waren am Anfang bereit, machten ihre Checks fertig. Einmal wurde Denis Malgin von zwei Bündnern ins Sandwich genommen und durchgeschüttelt, ein anderes Mal wurde der junge Jonas Siegenthaler durch die offene Bandentür gecheckt. Seine Beine blieben noch auf dem Eis, mit seinem Oberkörper gesellte er sich zu seinen Teamkollegen. Die Absicht der Davoser war einfach zu erkennen: den Gegner einschüchtern. Und sie sagten sich wohl: Wieso nicht bei den Jungen beginnen? Wenn sie mit den grossen Jungs spielen wollen, dann sollen sie sich daran gewöhnen.

Doch dann orchestrierte Patrick Geering die Zürcher Renaissance. Es ist eindrücklich, zu sehen, wie er aus dem langen Schatten von Mathias Seger herauswächst. Es ist für mich klar, dass er der künftige Leader dieses Teams sein wird. Er schoss ein Tor, doch noch wichtiger war die Szene, wie er eines verhinderte: Félicien Du Bois sah das offene Tor vor sich, doch Geering warf sich in seinen Schuss. Nur deshalb fanden die Zürcher nochmals zurück ins Spiel. Seine kleine Statur täuscht über Geerings Kraft und Zähigkeit hinweg. Er spielt wie ein Riese.

Gesucht: Der beste Cunti

Voltaires bekanntes Zitat, dass mit grosser Macht auch grosse Verantwortung einhergehe, könnte man abgewandelt aufs Eishockey so anwenden: Mit grossem Talent geht grosse Verantwortung einher. Und dummerweise für die Lions machen die talentiertesten Zürcher ihren Job nicht. Ich würde gerne einmal erleben, wie Luca Cunti in einem Spiel 100 Prozent seines Potenzials ausschöpft. Alles sieht bei ihm so leicht aus, doch momentan schadet er seinem Team mehr, als dass er ihm nützt.

Am Montag beispielsweise spekulierte er darauf, dass der Puck an Noah Schneeberger vorbeigehe. Das tat er nicht, und Schneeberger passte schnell zu Enzo Corvi, der das 2:0 schoss. Cuntis Talent ist Segen und Fluch gleichermassen. Das verstehe ich. Wenn man mit Flügeln an seinen Füssen geboren ist und als Junior alles tun konnte, was man wollte, ist es später nicht einfach, sich gegen die Besten durchzusetzen. Aber nicht nur er übernahm im Abschluss keine Verantwortung. Mir fehlte bei den Lions der letzte Wille, dieses entscheidende Tor zu schiessen.

Auf der anderen Seite macht es mir grossen Spass, diesem HCD zuzuschauen. Die Davoser tragen jeden Angriff mit solchem Tempo vor, dass nicht nur die Zuschauer, sondern auch sie selbst nicht wissen, was passieren wird. Ich dachte, Marc Crawford müsse nach Andres Ambühls Solotor ein Timeout nehmen, damit der schwindlig gespielte Henrik Tallinder seinen Tiefschutz richten könne. Das einzige Tor, das jenem nahekommt, ist jenes von Claudio Micheli im dritten Finalspiel 2000 gegen Lugano. Kein gutes Omen für Crawfords Team. Denn nach jener wegweisenden Partie gewannen wir die Serie in sechs Spielen.

Kommt dazu, dass Genoni am Montag aussah wie eine Mauer. Ich nehme einmal an, es ist Selbstüberschätzung: Aber manchmal, wenn ich etwas im «Tages-Anzeiger» schreibe oder auf Teleclub sage, scheint meine Botschaft den Weg zu den Spielern zu finden. Ich kritisierte Genonis Stellungsspiel in den ersten beiden ­Spielen, sagte, er stehe viel zu weit in seinem Tor. Am Montag nun wagte er sich mehr nach vorne und deckte so mehr Fläche des Tores ab. Das zahlte sich auch im Penaltyschiessen aus. Ganz anders war dies bei Lukas Flüeler – er schien in seinem Tor geschrumpft und wurde so von Walser und Du Bois mühelos bezwungen. Der beste Goalie der Liga gestand den Davoser Schützen eine viel zu gute Aussicht auf sein Tor zu.

Sind die Lions dazu bereit?

Für die ZSC Lions beginnt nun wieder einmal der Überlebenskampf. Wie ich schon vor dem Final schrieb, wird jenes Team am Schluss stehen bleiben, das es besser schafft, mit den Widrigkeiten umzugehen. Davos hat getan, was es tun muss – es hat ein Spiel in Zürich gewonnen. Aber die Bündner laufen am Limit und müssen nun mit Verletzungen einiger Schlüsselspieler umgehen.

In der Regel werden die Topteams weniger von Verletzungen heimgesucht, weil es gute Spieler besser verstehen, sich nicht in ungünstige Positionen zu bringen. Dies auch deshalb, weil sie nur selten dazu gezwungen sind, in den Bereich zu gehen, der unkontrollierbar wird. Die ZSC Lions spielen in diesem Final gut, aber sie laufen noch nicht im roten Bereich. Sie müssen nun entscheiden, ob sie bereit sind, ans Limit zu gehen, um diesen HCD niederzuringen. Auch Luca Cunti. Es wird ein bisschen wehtun. Dafür wird der Meisterchampagner umso süsser schmecken.

Erstellt: 07.04.2015, 23:49 Uhr

HCD

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