Auf den SCB-Titel folgt die Zeit der neuen Meister

Die Berner hatten im Playoff wieder die beste Mischung aus Talent und Charakter. Besonders zur Geltung kam dies in der Finalserie gegen Zug.

Dem Zuger bleibt nur noch das Nachsehen: Lino Martschini muss Berns Andrew Ebbett ziehen lassen.

Dem Zuger bleibt nur noch das Nachsehen: Lino Martschini muss Berns Andrew Ebbett ziehen lassen. Bild: Christian Pfander

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Was für ein Playoff-Team hätten Sie lieber? Ein Team voll von Talent? Oder ein Team voll von Charakter? Kann man gewinnen, wenn man das eine hat, das andere aber nicht?

Das sind die grossen Fragen, die sich im heutigen Eishockey stellen. In der National Hockey League wurden die mächtigen Pittsburgh Penguins, das Team von Sidney Crosby und Gewinner von zwei Stanley-Cups in den letzten drei Jahren, von den New York Islanders in vier Spielen aus dem Playoff gewischt. Und die Dominatoren aus Tampa Bay wurden von den Columbus Blue Jackets zerstört, der Nummer 13 der Regular Season. Die Widrigkeiten, die mit Playoff-Eishockey einhergehen, waren für diese hoch ­talentierten Teams zu viel.

Diese Tendenz stelle ich auch im Schweizer Eishockey fest. Es ist für die gewohnten Titelfavoriten schwerer geworden, ihre Vormachtstellung zu behaupten. Die ZSC Lions, Lugano und der HC Davos waren die ganze Saison nur noch ein Schatten ihrer besten Tage. Alle drei konnten sich nicht aufs moderne Eishockey einstellen – oder sie wollten es gar nicht. Arno Del Curto und Chris McSorley, die Trainerikonen und treibenden Kräfte des Körperspiels im Schweizer Eishockey, haben vorderhand keine Coachingjobs mehr. Eine Generation von mehrheitlich nordländischen Trainern hat übernommen.

Lernen zu gewinnen

Der SCB schaffte es, Talent und Charakter so zu kombinieren, dass er durchkam. Allerdings mit grossen Mühen. Gegen Servette gruben sich die Berner selbst eine Grube, schafften es aber gerade noch, daraus herauszuklettern. Gegen Biel wurden sie von Leonardo Genoni gerettet. Schliesslich fanden sie ihre Beine in einem nicht gerade überwältigenden Final gegen einen merkwürdig orientierungslosen EV Zug.

Ich hatte in diesem Playoff das Gefühl, dass jedes Team mehr oder weniger gleich spielt. Wenn man Druck ausüben kann auf den Puckführenden, tut man es. Wenn nicht, macht man die neutrale Zone zu und wartet. Im fünften Finalspiel checkte der SCB kein einziges Mal vor, wenn die Zuger den Puck hatten. Doch diese spielten erst mit der nötigen Enthemmtheit, als es schon zu spät war. Und wenn sie versuchten, die kräftigen Berner zu checken, sah es aus, als ob ein Smart in einen Offroader hineinfuhr. Die Zuger gaben sich zwar redlich Mühe, aber sie waren nicht davon überzeugt, dass sie dafür bestimmt waren zu gewinnen. Deshalb schöpften sie ihr Potenzial auch nicht aus.

Video: Pokalübergabe in Bern

Grosse Freude: Der SC Bern feiert den dritten Titel innerhalb von vier Jahren. (Quelle: SDA)

Jeder zukünftige Champion muss zuerst lernen zu gewinnen, und der EVZ ist keine Ausnahme. Alle Titelanwärter hätten genug Talent, um Schweizer Meister zu werden, aber eben nicht die Charakterstärke. Das krasseste Beispiel sind die ZSC Lions. Ich habe beschlossen, dass ich mir erst wieder ein Spiel von ihnen anschaue, wenn sie es wieder schaffen, mich zu unterhalten. Nicht unbedingt indem sie gewinnen, sondern mit Einsatz und Leidenschaft. Ich werde nicht mehr ins Hallenstadion gehen, bis sie sich endlich entschieden haben, ob und für wen sie zu spielen gedenken. Bis dann schaue ich mir lieber einen Fussballmatch an.

Die Zuger waren zu nett

«Charakterteams» kompensieren ihre Schwächen mit Enthusiasmus, Hartnäckigkeit und Belastbarkeit. Und der SCB hat in den letzten drei Jahren unter Kari Jalonen am meisten von diesen Qualitäten gezeigt. Ja, die Berner haben den versiertesten Center (Arcobello), den spielstärksten Verteidiger (Untersander) und den besten Goalie (Genoni). Aber diese sind eben auch umgeben von Persönlichkeiten, die es ihnen erlauben zu brillieren. Unterschätze nie deren Einfluss!

Wenn der EVZ für den Final Scherwey hätte ausleihen können, wäre er Meister geworden.

Ich glaube, wenn der EVZ für den Final Tristan Scherwey hätte ausleihen können, wäre er Meister geworden. Die Zuger waren schlicht zu nett. ­Scherwey schoss nicht nur Tore, sondern sorgte auch überall für Unruhe beim Gegner. Und Thomas Rüfenacht und Simon Moser öffneten mit ihrem Körperspiel die Räume für Arcobello. Auch das ist ein Talent. Wo war eigentlich Johan Morant, als der EVZ Auftrieb brauchte? Hat Jesse Zgraggen irgendjemanden gecheckt im Final? Nett zu sein, bringt einen nicht weit in einem Playoff-­Final.

Der Preis ist manchmal sehr hoch

Die meisten Schweizer Hockeyfans, die nicht Bern-Anhänger sind, drückten im Final dem EVZ die Daumen. Nicht weil sie etwas gegen den SCB haben, sondern weil sie endlich ein anderes Team siegen sehen wollten. Ich glaube, das wird bald kommen. Martin Steinegger ist daran, den richtigen Mix von Spielern zu finden, um die Stadtberner zu entthronen. Lausanne wird ständig besser. Und die ZSC Lions können gar nicht mehr schlechter werden. Wenn die Berner nun still­stehen, werden sie überrannt werden.

Und genau das liebe ich am Eishockey, überall auf der Welt. Die besten, die talentiertesten Teams können geschlagen werden. Es läuft stets darauf hinaus, wer den Puck mehr will. Wer bereit ist, den Preis zu bezahlen. Und dieser Preis ist manchmal sehr hoch. Aber am Ende des Tages ist er es fast immer wert. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 24.04.2019, 14:10 Uhr

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Kent Ruhnke

Der dreifache Meistercoach (Biel, ZSC, Bern) ist TV-Experte und Kolumnist für Tamedia.

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