Feuerwehrmann auf Abruf

Mit dem ZSC wurde Hans Kossmann Meister, dann kehrte er in seine Heimat auf Vancouver Island zurück. Aus dem Ruhestand wurde nichts. Seit vier Tagen ist er Trainer in Wolfsburg.

Die Idylle auf Vancouver Island: Hans Kossmann am Chalet Beach. (Bild: Kristian Kapp)

Die Idylle auf Vancouver Island: Hans Kossmann am Chalet Beach. (Bild: Kristian Kapp)

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Und dann ging es schnell, alles war plötzlich anders und Hans Kossmann sass in einem Flugzeug. Nach Deutschland, nach Straubing, wo sein neuer Arbeitgeber, die Wolfsburg Grizzlys am Donnerstag spielten.

Was er über die Mannschaft wisse? Nicht viel, sagte er noch kurz vor dem Abflug auf Vancouver Island. «Ich gehe ins Ungewisse, nach 23 Jahren als Trainer in der Schweiz.» Es war Dienstagmorgen und Kossmann liess sein ruhiges Leben auf dieser märchenhaften Insel ganz im Südwesten Kanadas hinter sich. Schon wieder.

Hase und Eichhörnchen 2,
Hans und Emma 0

Rückblende. Gut eine Woche ist es nun her. Wir sind in Deep Cove in North Saanich, einem kleinen Bezirk auf der Saanich-Halbinsel – Ortsnamen, die nur Einheimischen geläufig sein dürften.

Auf Vancouver Island sind die Orte klein, ruhig, es hat viele Wälder, Natur pur, so lässt es sich leben. Maple Road lautet die Adresse, Ahornstrasse – wie soll eine Strasse auch sonst heissen in Kanada …?

Kossmann zeigt den Hinterhof beim Haus, das er vor zweieinhalb Jahren mit Ehefrau Emma kaufte. Sie ist hier aufgewachsen, die Mutter wohnt noch immer ein paar Strassen entfernt. Hans und Emma, sie lernten sich 1994 auf der Überfahrt auf die Insel kennen, er unterwegs an einen Coaching Kurs in Victoria, der grössten Stadt hier, sie auf dem Heimweg von der Arbeit. Ihre Autos hintereinander parkiert, der erste Augenkontakt, der Funke, die Fähre tuckerte langsam dahin.

Kossmann ruft «Da!», hebt eine Walnuss auf, lacht. Doch noch eine gefunden. Der eine Stolz Kossmanns hier, das ist der Walnut-Tree, der riesige Baum, auf dessen Frucht er sich so sehr gefreut hatte.

Doch dann kam das Eichhörnchen, klaute die Nuss, dann baute Emma einen hohen Ring aus Metall rundherum, das Eichhörnchen sprang drüber, dann installierte Hans eine Sprinkleranlage, weil das ja schon den Hirsch so gut fernhielt, doch das Eichhörnchen freute sich übers kühle Nass, nahm die Nuss weiterhin mit und Hans und Emma sahen ein: «Dieser Kampf ist nicht zu gewinnen.»

Hans Kossmann und der Walnussbaum ohne Walnuss. (Bild: Kristian Kapp)

Eine Herausforderung ist auch Stolz Nummer 2, der kleine Salat- und Gemüsegarten mit Obstbäumen, den Emma angepflanzt hatte. Zunächst kam der Hirsch, zwar nicht lange (eben: das Wasser), doch dann kam der Hase, den störte gar nichts, auch der Plastikschutz nicht, knabberte alles an. Sie habe sich das alles einfacher vorgestellt, sagt Emma seufzend. Immerhin, zeigt Kossmann, wächst der Nüsslisalat ganz gut. Den lernte er in der Schweiz lieben, hier in Kanada esse das kaum jemand.

Eichhörnchen, Hasen, Hirsche, dazu im Sommer die Robben und springenden Lachse am wenige Minuten entfernten Meer, wie Kossmann später bei der Fahrt zu den Stränden Chalet Beach und Moses Point erzählt.

Letzterer sei der beste Ort auf der Insel, um den Sonnenuntergang zu fotografieren. «Mir gefällt die Küste hier besser als unten in den USA. Dort hast du oft nur Wasser, hier gibt es auch Inseln und Berge.» Kossmann steigt gerne hin und wieder hinein, ins salzige, kühle Nass, er liebt es, im kalten Meer zu schwimmen.

Hans Kossmann und der Moses Point: «Der beste Ort auf der Insel, um den Sonnenuntergang zu sehen.» (Bild: Kristian Kapp)

So idyllisch lebt der ZSC-Meistercoach in seiner Heimat, in diesem Tierparadies, «nur Bären fehlen, die gibt es nicht mehr, da immer mehr Leute hier wohnen», erklärt er. In den letzten 33 Jahren drehte sich fast alles um den Sport für Kossmann, 1986 kam er in die Schweiz, war elf Jahre Spieler, danach Coach – Eishockey ist hier weit weg, Kanada hin oder her.

Endlich was Neues, nach 33 Jahren

Bereits einmal wähnte sich Kossmann im Ruhestand. 2017, als ihn ein Anruf aus Zürich erreichte, am 20. Dezember. Sven Leuenberger war dran, der ZSC-Sportchef, er fragte nach, zur Einigung kam es noch nicht, was im Sinne Kossmanns war: «Wir hatten 17 Gäste für die Festtage bei uns.»

Doch dann, eine Woche später, stand fest: Hans Kossmann, der schweizerisch-kanadische Doppelbürger, würde beim ZSC auf Hans Wallson, den Schweden folgen, die News erreichten die Schweiz während des Spengler Cups, waren auch am Traditionsturnier Thema Nummer 1 für einen Tag.

Und nun wieder, einfach zwei Monate früher – diesmal ging alles noch schneller. Wolfsburg entliess den ehemaligen Klotener Trainer Pekka Tirkkonen, am nächsten Tag waren die Grizzlys mit Kossmann einig.

Und darum sitzt Kossmann am 23. Oktober im Flieger und sinniert über das Kader des deutschen Teams, mit keinem einzigen Spieler hat er schon zuvor gearbeitet. Das Eishockey, das wird anders sein als in der Schweiz, das weiss er: «Die deutsche Liga ist sehr defensiv, sehr taktisch. Das wird viel Arbeit geben, aber interessant sein.»

Es gibt auch Vorfreude nach 33 Jahren Schweiz: «Andere Coaches, andere Teams, andere Spielphilosophien.»

Wieder in der Garage, wieder muss sie warten

Neben dem Haus in Deep Cove steht Kossmanns erstes Projekt nach dem Leben im Sport: die Garage. An ihr bastelte er bereits, als der ZSC rief. Viel weiter ist er nicht gekommen, die Kreissäge ist zwar eingesteckt, Holzlatten wurden zurechtgeschnitten, um einst die Wände im noch offenen Häuschen zu bilden.

Hans Kossmann und die Garage, die nie fertig wird. (Bild: Kristian Kapp)

Nach der Saison mit Zürich blieben Kossmann und seine Frau in Europa, bereisten Sizilien, nach der Rückkehr besuchten sie Hans’ Eltern in Smithers, einem Städtchen in British Columbia. Die Provinz ist riesig, die Fahrt von Vancouver aus dauert 13 Stunden.

«Das vermissen wir hier: die kurzen Wege in der Schweiz», sagt Kossmann. Das Stadtleben indes weniger: «Ich bin keiner für Downtown», sagt er und zeigt in den Wald, der sein Hektar Land umgibt: «Das hier, das bin eher ich.»

Wir fahren nun nach Sidney, wo die Kossmanns auf Vancouver Island einkaufen. Ein Städtchen, von wo aus die Touristen zur Walbeobachtung herausfahren, wo auf den Trottoirs fast nur betagte Einheimische herumtippeln, viele den Rollator vor sich schiebend. Altersheim reiht sich an Altersheim, «hier», sagt Kossmann, «musst du stets runter vom Gaspedal …»

Nur die Musik, die in Kossmanns Truck läuft, setzt einen Kontrast zur Ruhe dieses Ortes: Nirvana, Mötley Crüe, Rockmusik der letzten und vorletzten Generation. Und das ist keine selbstgebrannte CD, die der 56-Jährige da in sein Autoradio geschoben hat. «Unser beliebtester Radiosender», erklärt Kossmann stolz. Typisch Vancouver, das ist auch beim Matchbesuch des NHL-Teams, der Canucks, zu hören. In der Rogers Arena läuft noch guter alter Rock, nicht moderneres Elektronisches wie in vielen anderen Arenen.

Die NHL. Kossmann verfolgt sie nicht intensiv, erst in den Playoffs werde er die Spiele vermehrt schauen, gesteht er. Im Moment bevorzuge er die NFL. «American Football, der perfekte TV-Sport», sagt Kossmann: «Schön langsam, stets die Wiederholungen, in denen du dir in aller Ruhe nochmals anschauen kannst, wie der Wide Receiver den Pass des Quarterbacks fing. Ich mag das.»

Spricht da einer, der schon abgeschlossen hat? Zumindest den Traum von der Coaching-Karriere in seiner kanadischen Heimat, den gibt es nicht mehr – falls er überhaupt je existierte. Kossmann ist Realist, auch der Meistertitel in der Schweiz hilft ihm da nicht: «Was in der Schweiz im Eishockey passiert, interessiert hier keinen.»

Der Anruf an Mathias Seger,
doch der war in Australien

Schweizer Champion mit dem ZSC letzte Saison. Als Feuerwehrmann, der kam und siegte. Dieses Erlebnis ist dennoch ein Strohhalm geblieben für Kossmann. Einmal, zweimal sagt er es: «Es gibt immer irgendwo sonst eine Chance.» Mit den Zürcher Spielern habe er nicht mehr gesprochen, «es hätte gewirkt, als wollte ich für Trouble sorgen.»

Kevin Klein schrieb er eine SMS, als dieser zum Playoff-MVP gewählt wurde. «Nur Mathias Seger wollte ich anrufen, aber der ging ja drei Monate nach Australien – das werde ich nachholen.»

Die National League und den ZSC hat er dennoch verfolgt, so gut das ging. Er könne hier nur Zusammenfassungen auf einzelnen Internet-Kanälen schauen, sagt Kossmann.

Dennoch freut er sich über den jungen Jérôme Bachofner, der plötzlich Topskorer ist («Er ist frech, ich habe ihm immer gesagt, er könne Tore schiessen»), er hofft, dass der verletzte Fabrice Herzog bald wieder fit wird und er schmunzelt, als er von Fredrik Petterssons Mühen zu Saisonbeginn und dem offensichtlichen Ärger des Schweden darüber hört («Freddie setzt sich immer so sehr unter Druck»).

Doch jetzt, als Kossmann über den Atlantik fliegt, wieder als Feuerwehrmann – die Grizzlys sind Zweitletzter der DEL –, da sind diese Gedanken wieder fern.

Kossmann denkt daran, dass er zunächst im Hotel schlafen wird statt in der Idylle Deep Coves, alleine, weil Ehefrau Emma noch in Kanada bleibt. Und an das erste Spiel in Straubing. Kossmann und Wolfsburg werden siegen. 2:1.

Hans Kossmann und die Wolfsburg Grizzlys: Beim ersten Einsatz gibts einen 2:1-Sieg in Straubing. (Bild: Armin Weigel/Keystone)

Erstellt: 28.10.2018, 04:19 Uhr

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