Geeigneter als der Weltmeister

Wie es dazu kam, dass Christian Wohlwend die neue Ära des HC Davos einläutet und nicht Rikard Grönborg.

Er tritt das Erbe Arno Del Curtos an: Christian Wohlwend gibt an der Davoser Bande Anweisungen. (Bild Marc Schumacher/freshfocus)

Er tritt das Erbe Arno Del Curtos an: Christian Wohlwend gibt an der Davoser Bande Anweisungen. (Bild Marc Schumacher/freshfocus)

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Es war die Frage aller Fragen des HC Davos: Wen holst du nach Arno Del Curto? Dem Engadiner, der 22 Jahre lang den Rekordmeister führte, sechs Titel gewann, zum Gesicht des Clubs und über Eishockeykreise hinaus zur Kultfigur wurde, die alle bloss beim Vornamen nennen.

Natürlich, Harijs Witolinsch sprang schon Ende 2018 ein, als Del Curto zurücktrat. Der Lette blieb bis zum Ende der schlechtesten Saison des HC Davos seit dem Aufstieg 1993 und schaffte das Minimalziel Ligaerhalt. Das war aber bloss eine Feuerwehrübung, die wahre Nachfolge des ewigen Trainers, die neue Ära, sie beginnt jetzt, mit Christian Wohlwend.

Warum der 42-Jährige aus Celerina im Engadin? Wohlwend, der zuletzt die Schweizer U-20-Auswahl trainierte und auf höchster Stufe noch nie ein Team über eine volle Saison führte. Es hätte weiterhin Witolinsch sein können. Und vor allem hätte es auch Rikard Grönborg werden können, der Schwede, der nach der Absage aus ­Davos das Angebot aus Zürich annahm und nun versucht, die Lions zum Erfolg zurückzuführen.

Beide gehörten mit Wohlwend in die engste Auswahl, sie bildeten das finale Trio, das vom HC Davos in einem 34-seitigen Dossier nach Stärken und Schwächen bewertet wurde. Drei weitere Trainer prüfte der Rekordmeister, (ehemalige) NHL-Coachs, darunter Marc Crawford. Es wurde dennoch Wohlwend.

Die Vorzüge Grönborgs

Es wäre die einfachere und für die ersten Schritte des Neustarts vielleicht sogar bessere Entscheidung gewesen, Grönborg zu ­verpflichten. Er lässt sich wunderbar verkaufen: Zweifacher Weltmeister als Nationalcoach, kann mit NHL-Topstars umgehen, lässt ein modernes System spielen, ist eine Kapazität in Scouting und Ausbildung – was kann man, sich auf die eigenen Schultern klopfend, Fans, Sponsoren und Medien schon Besseres präsentieren? Und wenn es harzen sollte, was in Davos wegen der Bauarbeiten an der Arena und acht Auswärtsspielen zu Beginn nun wirklich nicht ausgeschlossen werden kann: Die Geduld von allen Seiten wäre grösser beim schwedischen Startrainer als beim Schweizer «Nobody». Warum dennoch Wohlwend?

Nun, in dieser clubinternen Auswertung, die alle Davoser Eigenheiten und Wünsche an den Nachfolger von Del Curto zu berücksichtigen versuchte, lag Grönborg hinter den praktisch gleichauf liegenden Witolinsch und Wohlwend. Weil auch die mittel- und längerfristigen Perspektiven genauso stark, wenn nicht noch mehr gewichtet wurden als das Potenzial des kurzfristigen Erfolges.

Es gab auch bei Wohlwend Fragezeichen: Die Unerfahrenheit als Coach auf höchster Stufe, die Herausforderung, erstmals Chef von gestandenen Spielern zu sein.

Dazu gehörten solche und andere Fragen: Ist der neue Coach bereit, mit einem breiten Staff zu arbeiten, was Bedingung war, nachdem Del Curto vieles allein managte? Ist die Schweiz seine aktuelle Wunschdestination oder will er Ausstiegsklauseln, falls sich «Besseres» ergibt? Hat er Erfahrung mit dem Coaching eines Aussenseiters? Ist er bereit, die Eiszeiten innerhalb der jüngsten Mannschaft der Liga ausgeglichen zu verteilen, auch wenn sie nicht von Sieg zu Sieg eilt?

Und wie sieht es beim finanziellen ­Aspekt aus? Ausländische Coachs werden wie Importspieler netto bezahlt, Schweizer hingegen brutto.

Die wichtigen Parallelen

Wohlwend konnte vor allem bei diesen Kriterien punkten, seine Konkurrenten ein- und überholen. Denn so sehr er einen guten Ruf als Taktiker geniesst, es gab auch bei ihm Fragezeichen: Die Unerfahrenheit als Coach auf höchster Stufe, die Herausforderung, erstmals Chef von gestandenen Spielern zu sein. Die Nähe zum neuen Sportchef Raeto Raffainer – die beiden verbindet eine jahrelange Freundschaft und die Zusammenarbeit im Verband, von wo beide zum HC Davos wechselten.

Und nicht zu vergessen Wohlwends extrovertiertes Auftreten gegenüber Medien. ­Seine Offenheit kann im Erfolg eine Stärke sein, im Misserfolg indes auch eine Schwäche.

Bei Betrachtung aller Faktoren kam der HC Davos zur Überzeugung, den Weg in die Zukunft mit einem Headcoach wie Wohlwend zu machen. Der Glanz glorreicher Tage ist weg. Arrivierte Schweizer wechseln schon lange nicht mehr zum HCD, zuletzt war gar ein Trend festzustellen, dass es selbst gute Junge seltener Richtung Davos zieht – ein Markenzeichen bröckelte.

In ­Davos erhofft man sich nicht nur diesbezüglich einen Gegentrend dank Wohlwend, es werden auch Parallelen zu Del Curto sichtbar. Es sind nicht die oft gehörten Vergleiche wie Engadiner Herkunft oder ­impulsiver Stil beim Coaching oder in Interviews, die viele vom «neuen Arno» reden lassen – diese sind irrelevant. Interessanter ist folgende Parallele: Auch Del Curto kam 1996 als U-20-­Nationaltrainer, auch er nutzte seinen Draht zu Junioren, um sie nach Davos zu lotsen.

Im Willen, mit einem breiten, sechsköpfigen Staff zu arbeiten und diesem auch Einfluss zu ­gewähren, unterscheidet sich Wohlwend gar von seinem Vorgänger. Das war nicht immer so. Um seinen Ruf als Kontrollfreak weiss Wohlwend. Er gibt zu, ­früher dem «Management by fear» nicht abgeneigt gewesen zu sein, ja, ein Stück weit damit gar als Coach funktioniert zu ­haben. Spätestens als Assistent der A-Nationalmannschaft sah er ein, dass er sich ändern muss.

An Ehrgeiz wird es nicht mangeln. Die meisten Schweizer Trainer waren als Spieler grosse Nummern. Wohlwend aber schaffte es als Stürmer nur zum guten Skorer auf NLB- und 1.-Liga-Niveau. Auf seinem Weg musste er darum öfter die Ellbogen einsetzen und anecken, um weiterzukommen. Nun ist er in Davos dort, wo er sich beweisen kann, ja muss.

Und auch wenn er vorerst gegen den Vorwurf ankämpft, dank eines Freundes dort zu sein, sollte er sich nicht zu sehr auf die Verbundenheit verlassen. Als Nationalteamdirektor scheute sich Raffainer nicht vor unangenehmen Entscheiden. Mit Frauen-Nationalcoach Gian-Marco Crameri trennte er sich 2015 von jenem guten Freund, den er Jahre vorher als junger ZSC-Spieler als einer der wichtigsten Helfer gelobt hatte.

Erstellt: 04.09.2019, 10:32 Uhr

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