St. Louis trotzt den Widrigkeiten

Im Januar waren sie Letzte, jetzt sind sie Meister: Fünf Storys zu den Blues, dem wohl unerwartetsten Stanley-Cup-Sieger der Geschichte.

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Ein Triumph gegen alle Logik, ein Kampf gegen alle Widrigkeiten. Die St. Louis Blues blieben ihrem Weg bis zum allerletzten Moment treu. Sie gewannen Spiel 7 des Stanley-Cup-Finals in Boston 4:1, obwohl sie zunächst chancenlos schienen. Die Bruins dominierten das Startdrittel krass, verpassten Chance um Chance, doch nach zwei Gegentoren wie aus dem Nichts in den letzten drei Minuten lagen sie 0:2 zurück – davon erholten sie sich nicht mehr.

1. Diese grossen, schweren Verteidiger

Das Team, das am 3. Januar noch auf dem letzten Platz der NHL lag, stemmte am Ende der Saison den Stanley-Cup in die Höhe. Das Team, in dessen Abwehr vier der sechs eingesetzten Spieler nicht nur knapp 2 Meter grosse und 100 Kilogramm schwere Riesen sind, die oft genug nicht nur unbeweglich aussahen, sondern auch noch über Gebühr forciert wurden.

Fast jeder Coach, der sich nicht dem Vorwurf des «Old-School-Stallgeruchs» aussetzen lassen will, wird betonen, dass das moderne Eishockey von kleineren, mobilen Verteidigern geprägt wird, die Zeit der Abwehrriesen vorbei ist.

Und auch wenn sie angesichts ihrer Masse allesamt über keine schlechte Mobilität verfügen: Es waren vor allem Colton Parayko (1,97 m/104 kg/27:37 Minuten Eiszeit in Spiel 7), Jay Bouwmeester (1,93/93/28:34) und Alex Pietrangelo (1,91/95/25:56), die den Boston Bruins und ihrem schnellen, variantenreichen, und ja!, modernen Spiel das Leben aussaugten – da stand den flinken Stürmern des Favoriten immer wieder ein grosser Körper oder ein langer Stock im Weg, da war beim Aussenseiter stets grosse defensive Disziplin Trumpf.

Grosser Verteidiger, langer Stock: Blues-Verteidiger Colton Parayko stört Bostons John Moore in Spiel 4 des NHL-Finals (Bild: Jeff Roberson/Keystone).

Ein weiterer Verteidiger, Joel Edmundson (1,93/98), ist ebenfalls ein Eishockey-Mammut, und Carl Gunnarsson (1,88/90) ist auch nicht gerade klein und niedlich. Nur gerade der Jüngste, der 22-jährige Vince Dunn (1,83/22), entspricht voll und ganz dem Prototyp des «modernen Verteidigers».

Natürlich, bevor die Blues in diesem Spiel 7 zu ihrem für die Gegner zermürbenden und physischen Spiel fanden, benötigten sie in diesem Startgewitter Bostons alles Glück der Eishockey-Welt und noch ein bisschen mehr. Und was passiert, wenn die taktische Disziplin verloren geht, die Abstände zum Gegner gross werden und die grossen, schweren Verteidiger kaum wissen, wie ihnen geschieht, all das sahen wir in diesem Playoff auch, selbst im Final, als Spiele auch mal 2:7 oder 1:5 verloren gingen.

Aber der mitten in der Saison zum Headcoach beförderte Craig Berube, der am Ursprung der Wende im Januar stand, und sein Team fanden immer wieder Wege, die Rückschläge zu verdauen, die Ordnung wiederherzustellen. Und wenn das der Fall war, dann sah das Spiel oft aus wie in Spiel 7 in Boston ab dem Mitteldrittel: Der Gegner rennt verzweifelt einem Rückstand nach – doch eigentlich geschieht kaum etwas auf dem Eis. Schön? Nicht immer. Effizient? Und wie!

2. Dieser unglaublich coole Goalie

Alles Glück der Eishockey-Welt und noch ein bisschen mehr. Das bringt uns zu Jordan Binnington. Der 25-jährige Goalie war vor der Saison ein Nobody, die Nummer 4 in der Organisation, erst der neue Cheftrainer Berube machte ihn im Januar zum Starter. Binnigton hatte zuvor nicht nur fürs AHL-Farmteam in San Antonio gespielt, sondern vor fünf Jahren auch noch eine Stufe tiefer in der ECHL.

Und nun ist er einer der grössten Figuren im Champions-Run der Blues. Weil er im Playoff nach jedem schlechten Match (es waren nicht viele) mehrere grossartige aufs Eis zauberte. So wie in Spiel 7 in diesem wegweisenden Startdrittel. Ja, Boston hatte Abschlusspech, aber Binnington zeigte mehrere Top-Paraden mit dieser ihm eigenen Coolness, die ihn auch neben dem Eis auszeichnet.

Binningtons Big Save in Game 7. Video: Twitter/Brick Hithouse

«Ich war in einer harten Situation in den letzten Jahren. Aber ich hielt mein Maul und versuchte, das Beste daraus zu machen. Das ist eine spezielle Story», sagte Binnington kurz nach dem Titelgewinn mit einer Beliebigkeit in der Stimme, als sinniere er gerade über die Einkaufsliste vor dem Gang in den Supermarkt. Bereits während der Regular Season zementierte Binnington den Ruf der coolen Socke mit einer Kurz-Konversation mit Reportern über seinen steilen Aufstieg, die sich in etwa so übersetzen lässt: «Sind Sie nie nervös?»–«Sehe ich nervös aus?» – «Nein.» – «Na also.»

Nervös oder nicht nervös? Jordan Binningtons Kurz-Interview.

3. Der «Schuldige» ist nun frei

Nicht Binnigton erhielt die Trophäe des wertvollsten Playoff-Spielers überreicht, sondern Ryan O’Reilly. Der Stürmer schoss in den letzten vier Partien jeweils das erste Tor seiner Mannschaft, der Letzte, der überhaupt in vier Finalspielen hintereinander getroffen hatte, war 1985 der legendäre Wayne Gretzky gewesen. O’Reilly war aber mehr als das. Er symbolisiert die Zähigkeit der Blues.

Ryan O’Reilly erhält von NHL-Ligaboss Gary Bettman die Conn Smythe Trophy für den wertvollsten Playoff-Spieler 2019 überreicht. (Bild: Michael Dwyer/Keystone)

«Bin ich schuld? Bin vielleicht ich das Garderoben-Geschwür?» Diese Frage stellte sich der 28-Jährige noch Anfang 2019, als die Blues den Tiefpunkt erreicht hatten. Letzten Sommer, noch als Angestellter der ebenfalls desolaten Buffalo Sabres, hatte O’Reilly seinem Frust übers Verlieren und dem Verlust der Freude am Sport freien Lauf gelassen.

Die Sabres dealten ihn nach St. Louis – und sie schienen recht bekommen zu haben, waren zu Saisonbeginn eines der besten NHL-Teams, während O’Reillys neue Mannschaft kein Bein vors andere brachte. «Zerstöre ich Mannschaften?», fragte sich O’Reilly darum. Nun hat er die Antwort. Langer Rede kurzer Sinn: Die Sabres kollabierten nach dem tollen Saisonstart, O’Reilly wurde mit St. Louis immer besser, für die Mannschaft immer wichtiger und ist nun Stanley-Cup-Champion.

4. Der Spieler mit den 112 Sekunden Einsatzzeit

Den Stanley-Cup nimmt traditionell der Captain entgegen, danach wird die Trophäe plus/minus der Hierarchiestufe entsprechend weitergereicht. So zunächst auch bei den Blues. Via Captain Pietrangelo und den beiden 35-jährigen Teamsenioren Bouwmeester und Stürmer Alex Steen landete der Pokal aber bei Chris Thorburn. Thorburn? Der hat im Playoff doch gar nie gespielt!

Und selbst in der Regular Season reichte es ihm zu einem einzigen Spiel im Oktober mit drei Shifts und 1:52 Minuten Eiszeit. Diese 112 Sekunden machen ihn zur Nummer 906 aller 906 eingesetzten NHL-Spieler in dieser Saison. Thorburn war stets überzählig oder sonst beim Farmteam in San Antonio im Einsatz.

Der Pokal findet den Weg via Alex Pietrangelo, Jay Bouwmeester und Alex Steen zu Chris Thorburn. (Video: NBC)

Aber der 36-jährige Kanadier geniesst ein spezielles Standing in der Blues-Garderobe. Wenn überhaupt, dann hat er sich einen Namen «bloss» als Rollenspieler, als Faustkämpfer gemacht. Die Blues holten ihn 2017, um ein wenig Härte ins Team zu bringen. Doch 2018/19 muss er nach nur einem Spiel schon in die AHL. Dort stellt er spätestens dann fest, wie alt er schon ist, als keiner der Teamkollegen über seine Sprüche aus der Kult-Serie «Seinfeld» lacht – sie sind fast alle viel zu jung, um Seinfeld überhaupt zu kennen …

Thorburns 9-jähriger Sohn Bennett leidet an einer autistischen Krankheit. Damit er durch das Herausreissen aus der gewohnten Umgebung nicht zusätzlich leiden muss, bleibt er in St. Louis mit seiner Mutter und Chris’ Ehefrau Sara und darf weiterhin zu seiner Lieblingslehrerin. Die Blues erlauben Thorburn, während der Saison immer wieder von San Antonio kurz nach St. Louis zurückzukehren, um seine Familie und vor allem seinen Sohn zu sehen.

Und Anfang April holen sie ihn definitiv ins Kader zurück. Nicht, um ihn spielen zu lassen, sondern damit er bei der Pflege von Bennett vom höheren Lohn und den besseren Versicherungsbedingungen als Spieler mit NHL-Status profitieren kann. In der Garderobe wird er zum allseits geschätzten Teamkollegen und Playoff-«Maskottchen» und Motivator.

Diese Episode, mag sie noch so klein sein, zeigt einmal mehr, dass hinter Champion-Mannschaften mehr steckt als bloss Taktik und Statistik: ein besonderer, von Aussenstehenden kaum zu beschreibender Teamgeist.

5. Laila Anderson und der Pokal

Dazu passt auch die Geschichte der 11-jährigen Laila Anderson. Das Mädchen leidet an einer Autoimmunerkrankung, ist ein grosser Blues-Fan und wurde während dieser Saison zur oft erwähnten Inspiration der Mannschaft. Laila konnte auf Einladung der Mannschaft für Spiel 7 nach Boston reisen und durfte mithilfe von Verteidiger Parayko sogar auf dem Eis den Stanley-Cup stemmen. Der Grösste und Schwerste, der dem kleinen Mädchen den Pokal überreicht – nicht einmal die NHL hätte diesen Final besser scripten können.

Colton Parayko und Laila Anderson. (Video: sportsnet.ca)

Erstellt: 13.06.2019, 14:07 Uhr

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