Gewalt war eine Taktik und Einschüchterung allgegenwärtig

Die Enthüllungen über Machtmissbrauch zwingen uns, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Dabei sind wir alle Kinder einer Kultur, die Gewinnen über alles stellt.

Der adrett gekleidete Jungtrainer Kent Ruhnke an der Bande des EHC Biel im Hallenstadion, anno 1983. Heute sagt er: «Ich war selber auch kein Engel als Coach.» Foto: Keystone

Der adrett gekleidete Jungtrainer Kent Ruhnke an der Bande des EHC Biel im Hallenstadion, anno 1983. Heute sagt er: «Ich war selber auch kein Engel als Coach.» Foto: Keystone

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Ich erlebte meinen Vater in meinem ganzen Leben nur einmal so richtig zornig: als der Coach meines zwölfjährigen Bruders Mark diesem in einem Plauschhockey-Spiel in Toronto auf der Bank eine Ohrfeige gab, nachdem er von seinem Einsatz zurückgekehrt war. Mein Vater erhob sich ruhig von seinem Platz, begab sich nach unten zur Spielerbank, packte den Coach an der Schulter, drehte ihn zu sich und sagte ihm ins Gesicht: «Wenn du meinen Sohn noch einmal berührst, reisse ich dir den Kopf ab!» Es geschah nie mehr.

Es gab schon immer Tätlichkeiten und Übergriffe aller Art im Eishockey – auf dem Eis, daneben, in der Garderobe, auf den Rängen, in der Chefetage. Aber Missbrauch findet nicht nur im Eishockey statt. Sondern fast in jedem Sport, ja fast in all unserem Streben. Die Machtstrukturen, die wir kreieren, und die Versuchung, sie zu missbrauchen, sind zutiefst menschlich.

Glaubt jemand, solche Dinge würden im Fussball nicht passieren? Im Basketball, im Turnen oder sogar im Ballett? Hat jemand das Gefühl, dass sich José Mourinho gegenüber seinen Spielern immer wie Mutter Teresa verhalten hat? Presste Arno Del Curto aus seinen Davoser Teams sechs Meistertitel heraus, ohne jemals die undefinierbare Linie zwischen Motivation und verbalem Übergriff zu überschreiten? Ist es überhaupt möglich, in der unbarmherzigen Welt des Profisports zu überleben, ohne an die Grenze dessen zu gehen, was heute als akzeptables Verhalten gesehen wird?

Die Strukturen, die wir kreieren, und die Versuchung, sie zu missbrauchen, sind menschlich.

Ich glaube nicht. Jeder versucht, einen kleinen, entscheidenden Vorteil für sich herauszuholen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch! Tätlichkeiten, Rassismus oder Psychospiele, mit denen jemand gezielt fertiggemacht wird, sind nicht zu tolerieren. Sie gehören in die Mülltonne der Geschichte. Aber es bleibt noch einiges, um die Spieler zu Höchstleistungen anzuspornen. Ich war selber auch kein Engel als Coach und suchte immer wieder nach psychologischen Tricks. Einige funktionierten, andere nicht. Einige waren unklug. Aber ich traf nie eine Entscheidung, ohne das Beste fürs Team bewirken zu wollen.

Dass nun auch das Eishockey seinen #MeToo-Moment erlebt, ist für mich keine Überraschung. So brutal und hinterhältig, wie dieser Sport in den 70er- und 80er-Jahren in Nordamerika gespielt wurde, musste das kommen. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass sich Nico Hischier oder Denis Malgin in der NHL jener Tage nicht hätten durchsetzen können. Und sie hätten es wohl auch gar nicht gewollt. Gewalt war eine Taktik und Einschüchterung allgegenwärtig. In jener Zeit lernten die heutigen Coachs alter Schule ihr Handwerk – und sie prägten die nächsten Generationen.

So wie sich die Erziehung dramatisch verändert hat, wurde nun auch das Eishockey ins 21. Jahrhundert gezerrt. Wenn wir Coachs zusammensassen, diskutierten wir oft darüber, wie sich die Spieler verändert hätten. Dass sie nicht mehr so zäh seien und widerstandsfähig. Unter den Lehrern gibt es einen ähnlichen Diskurs. Man hört täglich Geschichten über mangelnde Disziplin und abnehmenden Respekt in den Schulen. Auch da gilt es, neue Wege zu suchen.

Ich erlebte auch Missbrauch als Spieler. In meiner ersten Saison in Winnipeg bekam ich nach meinem dritten Spiel Pfeiffersches Drüsenfieber. Nach zehn Tagen Pause wurde ich ­gezwungen, aufs Eis zurück­zukehren, sonst würde ich gesperrt. Der Coach dachte, ich sei einfach ausser Form, und zwang mich, nach den Trainings mit ihm auf dem Eis zu bleiben. Er hetzte mich hin und her, mit der Pfeife im Mund. Ich geriet in eine Abwärtsspirale, mein Körper konnte sich nicht mehr richtig erholen. Aufgrund dieser prägenden Erfahrung nahm ich meine Zukunft in die eigenen Hände und entschied, meinen Zweijahresvertrag zu erfüllen und dann mein Glück in Europa zu suchen. Auf Dauer konnte mich niemand zwingen, das mitzumachen.

Obschon ich das Pfeiffersch Drüsenfieber hatte, hetzte mich mein Coach hin und her.

Ich bin gespalten, wenn ich sehe, dass nun Daniel Carcillo, ein früherer NHL-Prügler, zum inoffiziellen Sprecher der Spieler geworden ist, die sich ungerecht behandelt fühlen. Carcillo hatte den Übernamen «car bomb» (Autobombe), weil er total rücksichtslos spielte und lebte. Nun übt er Vergeltung gegen seine ­früheren Arbeitgeber, um sein schlechtes Gewissen zu erleichtern. Ich finde das selbstgefällig und unehrlich. Aber vielleicht zeigt das auch meine Befangenheit. Ich bin ein Produkt der alten Schule, der Mentalität, dass man den Mund halten und sich durchkämpfen müsse. Ich lernte das von meinem Vater und wahrscheinlich von jedem Coach, für den ich spielte.

Ich bin sicher, dass es keinen Spass machte, in Chris McSorleys Büro gerufen zu werden, um eine seiner berühmten Abkanzelungen über sich ergehen zu lassen. Darum ranken sich Legenden. Aber es ist trotzdem eine beachtliche Leistung, 17 Jahre lang das gleiche NLA-Team gecoacht zu haben. Dasselbe gilt für Arno Del Curto oder für John Slettvoll. Nicht jeder Spieler mochte sie, aber sie taten alles, was sie für richtig hielten, um zu gewinnen. Und sie waren damit erfolgreich.

Die NHL gibt sich nun ihre liebe Mühe, nicht in diese für sie leidige Story hineingezogen zu werden, deren Ausgang noch ungewiss ist. Wie bei #MeToo werden nun markante Exponenten gefeuert. Die Spieler erhalten Applaus dafür, dass sie an die Öffentlichkeit gehen. Der Spielergewerkschaft wäre es lieber, sie würden ihre Anschuldigungen vertraulich äussern. Für die Liga ist das Ganze ein PR-Albtraum.

Diese Kontroverse lässt uns Hockeycoachs unsere Vergangenheit reflektieren und darüber nachdenken, was wir hätten anders machen können – oder müssen. Es ist ein Moment, der (Hockey-)Lehrer etwas lehrt. Wir sollten ihn nützen. Die Eishockeywelt ist eine Insel, Coachs werden immer wieder rezykliert. Das dürfte sich kaum ändern. Aber die Coachs müssen erkennen, dass sie sich ändern sollten. Wenn sie friedlich schlafen wollen, sollten sie jetzt die Chance packen, sich zu hinterfragen. Denn es gibt kein weicheres Kissen als ein gutes Gewissen.

(Übersetzung: sg.)


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 12.12.2019, 10:20 Uhr

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Kent Ruhnke
Der dreifache Meistertrainer (Biel, ZSC Lions, SC Bern) ist TV-Experte, Redner und Kolumnist bei Tamedia.

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