Handwerker, Vorbild, Torjäger

Für den EV Zug und Grégory Hofmann gilt: Sie sind beide jung, dynamisch und erfolgshungrig. Der 26-jährige Stürmer symbolisiert den Angriffswillen der Zentralschweizer.

«Ich glaube, die Fans mögen das.» Grégory Hofmann und seine liebste Beschäftigung: Er zelebriert den Torjubel.

«Ich glaube, die Fans mögen das.» Grégory Hofmann und seine liebste Beschäftigung: Er zelebriert den Torjubel. Bild: Freshfocus/Claudio Thomas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Allein mit seinem Jubel könnte man ein längeres Highlight-Video zusammenstellen. Grégory Hofmann skort häufig, und er zelebriert jeden Torerfolg so, als ob es sein erster wäre. Oder sein letzter. «Wenn der Puck hinter die Linie geht, werden Emotionen frei, und ich lasse ihnen freien Lauf», erklärt er in den Katakomben der Bossard-Arena. Kurz zuvor hat er in der Champions Hockey League gegen Hämeenlinna wieder zweimal getroffen, und in Zug hat er seine Visitenkarte schon mehrfach abge­geben: 13 Treffer sind es in den ersten 9 Testspielen. «Tore sind wichtig für mich», sagt er, «und ich feiere sie, weil ich glücklich bin, dass ich der Mannschaft helfen kann. Ich glaube, die Fans mögen das.»

Jene des eigenen Teams ganz sicher. Die Gegner dagegen fürchten vor allem die Offensivqualitäten des 26-Jährigen. Nationalcoach Patrick Fischer fasst sie so zusammen: «Explosivität, Schnelligkeit, Abschluss.» Ein hierzulande seltener Mix. In den letzten beiden Saisons traf Hofmann jeweils mehr als 30-mal, total liess er sich 115 Skorerpunkte notieren.

Ein Weckruf und die Sport-RS brachten die Wende

Zufällig kam der Leistungssprung nicht. 2017 nahm ihn Fischer nicht an die WM mit, Hofmann verstand den Weckruf. Er trainierte so hart wie nie zuvor, 13 Wochen in der Sport-Rekrutenschule. Rückblickend sagt er: «Ich war weg von zu Hause, raus aus der Komfortzone. Das hat mir sehr geholfen.»

Die Komfortzone hatte Hofmann schon früh verlassen, mit zwölf Jahren wechselte er von La Chaux-de-Fonds zum HC Ambri-Piotta. Im Tessin lebte schon sein Vater nach der Scheidung. Sportlich ein mutiger Schritt, nicht einem konkreten Ziel geschuldet: «Mit zwölf weiss man ja nicht, ob man eines Tages in der National League spielen wird. Ich hatte einfach diese unglaubliche Leidenschaft fürs Eishockey in mir. Und das Vertrauen, dass ich reüssieren würde.»

Die Kombination von Sport und Schule behagte ihm nicht speziell, er hatte neben dem Sport andere Pläne: «Ich war lieber draussen und wollte unbedingt einen Beruf erlernen.» Er schnupperte als Zimmermann und als Maurer, bevor er sich für eine Maurerlehre entschied. Noch heute schwärmt er von diesem Handwerk: «Ein Haus zu bauen, eine Wohnung, wow! Es war etwas ganz Neues und anderes als das Eishockey, und ich habe verstanden, wie hart man für vielleicht 5000 Franken arbeiten muss.» Das habe den Charakter gestärkt: «Ich bin demütig geblieben und habe gemerkt, dass das Leben nicht nur aus Sport besteht.»


Video: Hofmann glänzt für die Schweiz

Auch an der WM 2018 ein Erfolgsgarant: Grégory Hofmann trifft gegen Finnland. (Video: SRF)


Der Anruf von Del Curto

Bald stellten sich auf dem Eis Fortschritte ein. Hofmann debütierte in Ambri und erlebte in der Leventina gute und schlechte Zeiten. Mit dem absoluten Tiefpunkt unter Kevin Constantine, der ihm kaum Eiszeit gab und in der Ligaqualifikation auf der Bank versauern liess. Zum Glück kam da der Anruf von Arno Del Curto: «Er sagte mir, er möge meine Spielweise. Und wenn Arno fragt, kann man in diesem Alter nicht Nein sagen.»

Es folgten drei lehrreiche Jahre in Davos, dann der Wechsel ins Südtessin, wo er vier Jahre blieb. Seine Stationen bilanziert er so: «Ambri war der Anfang und die Lehre. In Davos standen die Arbeit und die Verbesserung im mentalen, physischen und spielerischen Bereich im Vordergrund, und in Lugano habe ich versucht, kontinuierlich konstanter zu werden.»

Nun also Zug. Mit 26 Jahren, im besten Eishockey-Alter, hat er für vier Jahre ohne NHL-Ausstiegsklausel unterschrieben. Es soll kein endgültiges Nein zu Nordamerika sein: «Überhaupt nicht, aber jetzt will ich in Zug den nächsten Schritt machen.» Bei einem Club, der das ganze Jahrtausend auf den zweiten Titel der Clubgeschichte wartet und dessen bahnbrechendes Sport- und Forschungszentrum OYM im Frühjahr 2020 eröffnet wird. Das rund 100 Millionen teure Projekt «On Your Marks» wird vollumfänglich von Präsident Hans-Peter Strebel finanziert.

Kultur und Mentalität entscheiden mit

Sie hätten Hofmann gerne behalten im Sottoceneri, waren über seinen Abgang sogar derart im Stolz verletzt, dass sie im Communiqué darauf hinwiesen, sie hätten ihm eine «sehr kompetitive Offerte» gemacht. Für EVZ-Sportchef Reto Kläy passt Hofmann perfekt ins Beuteschema: «Wir wollen die Positionen der Franchise-Player mit Spielern der absoluten Topklasse besetzen, die Tiefe im Kader soll aus unserer eigenen Organisation stammen.»

Natürlich argwöhnte die Konkurrenz bald, Hofmann ziehe nur wegen des Geldes in die Zentralschweiz. Von deutlich mehr als 700 000 Franken Jahreslohn war die Rede – plus Steuervorteil. Hofmann wechselt sicher nicht nur wegen der Zuger Sonnenuntergänge den See, aber er schwärmt von anderen Vorzügen: «Das Projekt OYM ist einzigartig, vielleicht sogar weltweit. Vor allem aber haben mich die Kultur und die Mentalität beim EVZ begeistert, alles ist darauf ausgerichtet, so viel wie möglich zu gewinnen.»

Der Druck lastet bei dieser Mission nicht auf ihm allein. Mit Kovar, Lindberg, Thorell und Bachofner wurden weitere starke Offensivkräfte verpflichtet, von der Lebensversicherung Genoni ganz zu schweigen. Mit diesem Kader wird die Meisterschaft fast zum Muss, mehr Druck als im «heissen» Lugano verspürt er aber nicht: «Druck mache ich mir selber – vor allem, wenn es nicht läuft. Die Erwartungen werden noch grösser sein als in Lugano. Wir haben aber viele Spieler im Team, die damit umgehen können und alles machen werden, damit die Mannschaft harmoniert.»

Patrick Fischer: «Er liebt Eishockey über alles»

Hofmann selber stösst erstmals als Führungsspieler zu einem Team. Fischer ist überzeugt, dass er diese Rolle wahrnehmen wird: «Er liebt Eishockey über alles, ist ein Riesenvorbild für junge Spieler, er will sich jeden Tag verbessern und ist ein toller Teamplayer.»

Oft spielt Hofmann in Zug mit Lino Martschini und Jan Kovar. Die Chancen stehen gut, dass dieses Trio auch weiterhin für ein hierzulande seltenes Hochgeschwindigkeitsspektakel sorgen wird. Und Knoten in den Beinen der Gegner. Aber in welcher Kombination auch immer: Jubeln dürfte Grégory Hofmann auch diese Saison wieder häufig. Der 30-Tore-Hattrick ist für ihn nicht prioritär: «Titel und Emotionen bleiben in Erinnerung, nicht Tore. Ich treffe gerne weniger als 30-mal, wenn wir dafür Meister werden.»


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, oder direkt hier:



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 09.09.2019, 16:05 Uhr

Artikel zum Thema

Dieser SCB lässt sich nicht unterkriegen

Gregory Sciaroni schiesst in der Verlängerung das 3:2 für den SC Bern und gleicht so die Finalserie gegen den EV Zug aus. Es ist der verdiente Lohn für die Berner, die sich nicht vom Weg abbringen lassen. Mehr...

SC Bern gleicht die Playoff-Finalserie aus

Die Berner siegen auswärts beim EV Zug 3:2 nach Verlängerung. Den Siegtreffer erzielt Gregory Sciaroni in der 65. Minute. Damit steht es in der Finalserie der Playoffs der National League 1:1. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der grosse Sweet-Home-Geschenkeratgeber

Geldblog Medacta enttäuscht die Anleger

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...