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Hans krempelt die Ärmel hoch

Eigentlich wollte der Kanadaschweizer Hans Kossmann, 55, sein altes Haus auf Vancouver Island umbauen. Jetzt renoviert er halt die ZSC Lions.

«Ich bin gar nicht so hart»: Hans Kossmann in der ZSC-Trainingshalle. Bild: Urs Jaudas.
«Ich bin gar nicht so hart»: Hans Kossmann in der ZSC-Trainingshalle. Bild: Urs Jaudas.

Nach einer guten Stunde des Gesprächs über sein Leben als Hockeyreisender in der Schweiz, das ihn im 33. Jahr in die Stadt Zürich geführt hat, seufzt Hans Kossmann: «Je älter man wird, desto schneller läuft die Zeit. Diese vier Monate werden in Windeseile vorüber sein.»

Der 55-Jährige weilte mit seiner Frau in Victoria auf Vancouver Island, wo sie ein altes Haus gekauft haben und renovieren, als der alte Bekannte Sven Leuenberger anrief und ihm den Trainerjob bei den ZSC Lions anbot. Bis Ende Saison. Kossmann musste nicht überlegen. Er hatte nicht gedacht, dass er nochmals eine Chance in der National League A bekommen würde. Umso mehr schätzt er sie. Er sagt: «Ich glaube, ich habe noch nie einen Job so genossen wie diesen.» Dabei hat er ihn erst gerade angetreten.

Vorerst ist also auch sein letzter Versuch gescheitert, sich im Kreise der Familie in British Columbia niederzulassen. «Meine Mutter ist 90», sagt er. «Ich dachte, es ist an der Zeit, näher bei ihr zu sein.» Doch eben: Das Adrenalin, das er an der Bande ausschüttet, das hatte ihm schon gefehlt. Apropos Adrenalin: Publizität übers Eishockey hinaus erreichte Kossmann mit einer Videosequenz, die ihn zeigt, wie er in der ersten Pause des fünften Finalspiels 2013 energisch auf sein Freiburger Team einredet. Immer wieder fällt der bekannteste englische Kraftausdruck.

Die Brandrede, die sein Image prägte. Und verfälschte Jene Kabinenansprache hat sein Image geprägt. Bereut er sie? «Nein, ich bereue, dass ich einen Journalisten (des Westschweizer Fernsehens) in die Garderobe liess. Es hätte eine Reportage über Fribourg werden sollen. Nicht über mich.» Und so schlimm sei es ja gar nicht gewesen. «Ich stauchte die Spieler nicht zusammen, sondern machte ihnen Mut. Im Eishockey pflegen wir einfach eine rauere Sprache. Und nun beginnt fast jedes Interview mit den Worten: ‹Du bist ja bekannt als harter Hund...› Dabei bin ich gar nicht so hart. Die Jungs verkrafteten mich jedenfalls drei Jahre lang ganz gut.»

In Genf war er als Assistent des feurigen Chris McSorley noch als ruhender Pol bezeichnet worden. Er nickt. «Eines kann ich Ihnen bestätigen», sagt er. «McSorley ist ein harter Hund.» Punkto Ehrgeiz stand ihm Kossmann aber in nichts nach. Sie massen sich jeweils im Squash, bis die Vernunft obsiegte. «Es ging heiss zu und her», sagt Kossmann schmunzelnd. «Wir beide übertraten uns zweimal das Fussgelenk. Bis wir zum Schluss kamen, es sei das Beste, wenn wir aufhören mit Squash. Sonst hätten wir noch im Rollstuhl geendet.»

McSorley prägte ihn als Coach, später in Bern Larry Huras, mit dem er 2010 Meister wurde. Vorher Paul-André Cadieux in Biel. Kossmann musste 49 werden, bis er bei Fribourg erstmals Headcoach in der höchsten Liga wurde. Dann wurde er in seinen ersten zwei Jahren von den Captains und Coaches der anderen elf Teams zum besten NLA-Trainer gewählt. Es fehlte nur der Titel mit Gottéron. Wenn er vom Final 2013 gegen den SCB erzählt – richtig, jenem mit seiner Brandrede –, kann er sich an jedes schmerzliche Detail genau erinnern. Wie Jeannin ausfiel, Dubé, Heins, Bykow den Stock kaum mehr halten konnte. «Am Schluss gingen uns die Pferde aus.»

Verpasstes könnte er nun beim ZSC nachholen. Der Club hat eine reiche Geschichte mit Trainern, die nach dem Titel gehen mussten oder von sich aus gingen: Kent Ruhnke 2000, Harry Kreis 2008, Bob Hartley 2012. Wenn Kossmann über sein neues Team spricht, hat man das Gefühl, als wäre er schon lange hier. Er weiss genau, was dieser oder jener Spieler kann und was nicht. Für seine Akribie schätzte ihn McSorley am meisten.

Es ist ein markanter Kontrast zu Vorgänger Hans Wallson, der vor allem das Kollektiv sah und nie so recht zu wissen schien, was er vom Einzelnen verlangen sollte. Kossmann ist da ganz anders. Bei seinem Einstand etwa nominierte er Flügel Pestoni in der Mitte, damit der mehr Puckberührungen hat. Denn er weiss: Der Puck ist es, der die Beine des genialen wie launischen Tessiners in Schwung bringt.

Seit über 30 Jahren hat Kossmann nie mehr einen ganzen Winter in Übersee verbracht. Er weiss inzwischen nicht mehr, ob er mehr Kanadier oder Schweizer ist. Zumal er in Smithers, wo er aufwuchs, einer 5000-Seelen-Stadt 13 Autostunden nördlich von Vancouver, früh mit der Kultur aus der Heimat seines Vaters in Kontakt kam: «Dort lebten viele Schweizer Auswanderer.» Es gab am 1. August ein Swiss Picknick beim Bauern Jecker, Klopfenstein spielte Handorgel im Gesangsverein, es wurden Schützenfeste veranstaltet, am Ende der Main Street stand ein Alphorn.

In den ersten Jahren ein Goalgetter im Nebenamt

Sein Schweizer Pass eröffnete Kossmann die Chance, den Lebensunterhalt mit Eishockey zu verdienen. Wobei er hier zunächst noch arbeitete. Bei einem Importeur von Hockeyartikeln, auf seinem Beruf als Vermessungstechniker oder in einer Gewürzfirma. Bis er in Bülach einer der besten Goalgetter der Nationalliga B wurde. «Plötzlich war ich gefragt. Aber da war ich schon 28, 29.»

Wäre er fünf Jahre früher in die Schweiz gekommen, mit 18 statt 23, er hätte es als Spieler noch in die höchste Liga geschafft, glaubt er. Vieles ist anders, seit er 1985 beim B-Club Servette erstmals die Schlittschuhe auf Schweizer Eis schnürte. «Damals fragten wir den Buschauffeur, ob er auf der Fahrt den Radio anstellen könne. Später waren wir dankbar, wenn wir einen Film schauen durften. Wir mussten uns nur auf einen einigen. Heute nimmt jeder den Laptop mit, macht sein eigenes Ding. Anhand der Busreisen sieht man, wie sich die Zeit verändert hat.»

Kossmann ist kein Blender, sondern ein ehrlicher Arbeiter. Es passt, dass er in Kanada mit seiner Frau, die Innenarchitektin ist, schon zwei Häuser umgebaut und wieder verkauft hat. «Sie hat die guten Ideen, ich bin der Handwerker», sagt er. Er ist aber gar nicht so unglücklich, ist sein letztes Projekt auf Eis gelegt. Auch er werde älter, sagt er augenzwinkernd.

Und nun hat er sich also an die Renovation der ZSC Lions gemacht. Zwei Monate hat er Zeit. Am 10. März beginnt das Playoff.

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