Held für einen Abend

Gestatten, Remo Giovannini. Der Goalie, der in der französischen Provinz einst mit der eigenen Matratze an die Auswärtsspiele fuhr – und in Sierre jubelte, als wäre er eine Wachsfigur.

Illustration Kornel Stadler.

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Zehn Sekunden stand er da. Der Blick durch die Maske hindurch? Ein Mix aus Schockstarre, Leere, Fassungslosigkeit, Überforderung. Und dann? Drehte er wie alle anderen durch. Der Goaliestock flog hoch durch die Luft und ward nicht mehr gesehen. Remo Giovannini wurde von seinen Teamkollegen über den Haufen gefahren, nachdem er den letzten Penalty im Playoff-Final der MySports League pariert hatte, was mit dem Aufstieg von Sierre in die Swiss League einher ging.

4500 Zuschauer in der aus der Zeit gefallenen Eishalle Graben waren kaum zu bremsen am letzten Wochenende, und Giovanninis Jubel, diese zehn Sekunden, in denen er einfach dastand als wäre er eine Wachsfigur, wird nun zum Renner in den Hockeyforen. Selbst in Nordamerika ist die Szene gezeigt worden.

«Haben wir schon gewonnen? Oder nicht? Oder doch?» Remo Giovanninis fragender Blick Richtung ebenso zweifelnder Mitspieler. (Video: MySports)

Sierre ist also zurück im Profigeschäft, gerade einmal sechs Jahre nach dem Konkurs und dem Fall in die 3. Liga. Für die neuerliche Promotion wurden keine «Mühen» gescheut: So klagte Finalgegner Valais-Chablais über fehlendes Toilettenpapier und zu wenig Seife in der Gäste-Garderobe. Partnerverein Servette wird auch auf zweithöchster Stufe Lieferant von Leihspielern sein, ein gewisses Mass an Konkurrenzfähigkeit scheint garantiert.

Apropos Leihgaben: Giovannini war eine davon, der Goalie aus Graubünden, dessen bewegte Karriere so gut passt zu Sierre, dem Klub mit seiner bewegten Geschichte, mit Höhen, aber auch reichlich Tiefen.

2011 wurde Giovannini Schweizer Meister mit Davos, er war der Ersatzgoalie, der kaum Anteil daran hatte. Wie steinig sein Weg war, verdeutlicht die Statistik: 129-mal hatte er zuschauen müssen, ehe er in der NLA erstmals von Beginn an das Tor hütete. Zur Premiere gelangte er in Langnau, wo er der preisgünstigste Spieler war, ein Discount-Goalie, der den Abstieg nicht verhindern konnte.

Der Kübel zum Erbrechen auf dem Eis

Von Langnau ging es nach La Chaux-de-Fonds. Nach drei Jahren wurde der Vertrag nicht mehr verlängert; der Wechsel nach Martigny scheiterte, weil die Unterwalliser in den finanziellen Ruin stürzten. So stand Giovannini, der in einfachen Verhältnissen aufgewachsen war und seinen früh verstorbenen Vater nie kennen gelernt hatte, im Sommer 2017 zwischen Stuhl und Bank. Nirgends fand er Anschluss, fit hielt er sich bei einem Goaliecoach in Kanada, dessen Einheiten so intensiv waren, dass er den Kübel zum Erbrechen gleich mit aufs Eis nahm.

Hand bot später ein einstiger Mitspieler: Kevin Bozon vermittelte den Kontakt zu Vater Philippe, seinerseits Trainer bei Bordeaux, eine Berühmtheit von einer Stadt, aber auch tiefste Hockeyprovinz. Tatsächlich brauchte der Club einen Goalie, Giovannini kriegte sein Abenteuer, und ein Salär, vergleichbar mit jenem eines französischen Bauarbeiters.

In Erinnerung geblieben sind dem 27-Jährigen die Weindegustationen praktisch an jeder Ecke, denen man sich kaum entziehen konnte. Aber auch ans Auswärtsspiel in Nizza denkt er gerne zurück. Der Mannschaftsbus parkierte in einer mehrstöckigen Tiefgarage, Giovannini fragte sich, was das Ganze soll, aber siehe da: Auf einer der untersten Etagen befand sich ein Eisfeld.

Vier Stunden dauerte die Reise ans nächstgelegene Auswärtsspiel, deren 12 waren es etwa nach Chamonix. War ausnahmsweise etwas Geld vorhanden, durfte die Mannschaft fliegen. In der Regel jedoch stieg sie in den Bus – respektive in den Schlafcar. Gefahren wurde die Nacht hindurch, die Sitze liessen sich in Liegen umfunktionieren. Und Giovannini war nicht der Einzige, der stets seine eigene Matratze mitbrachte.

Einmal mehr unklare Zukunft

Geschlafen hat er nicht viel die letzten Tage, im Wallis ist eine Feier eben noch eine richtige Feier. Wie es mit Giovannini weitergeht, ist unklar, sein Vertrag beim Stammverein Servette läuft aus, wobei man ihn vorab in Sierre gerne weiterhin zwischen den Pfosten sehen würde. Als beste Eigenschaft nennt er mittlerweile seinen Fleiss. Welch Kontrast zur ersten Begegnung vor bald neun Jahren, als der Keeper meinte: «Meine Schwäche ist meine Faulheit.»

Erstellt: 04.04.2019, 14:13 Uhr

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