«Heute hast du gar keine Zeit mehr, Mist zu bauen»

HCD-Trainer Arno Del Curto und Nationalcoach Patrick Fischer besprechen, wie es dazu kam, dass sie seit über 20 Jahren eine Freundschaft verbindet.

Wer würde wohl ein Duell ihrer beiden Teams gewinnen? Arno Del Curto (links) und sein HCD oder Patrick Fischer mit dem Schweizer Nationalteam. Bild Daniel Ammann

Wer würde wohl ein Duell ihrer beiden Teams gewinnen? Arno Del Curto (links) und sein HCD oder Patrick Fischer mit dem Schweizer Nationalteam. Bild Daniel Ammann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wann sind Sie sich erstmals begegnet?
Del Curto: 1994, als Patrick 19 war. In der U-20-Nati, vor der WM in Tschechien.
Fischer: Arno kam eine Woche vor der WM als Nothelfer für seinen entlassenen Vorgänger. Es war ­lustig.

Ihr erster Eindruck?
Fischer: Sensationell. Arno kam herein und fegte wie ein Tornado durch die Garderobe. Wir schauten uns an und fragten uns: Was ist hier los? Was ist das für einer? Er entfachte aber sehr schnell das Feuer in uns Spielern. Mit Humor und Leidenschaft – und sehr fordernd. Man muss das aber richtig einordnen: Zu jener Zeit hinkten unsere Profis eishockeytechnisch den Spitzennationen noch weit hinterher. Und wir Junioren waren noch viel weiter entfernt. Meine eindrücklichste Begegnung mit Arno kam aber erst ein Jahr später.

Bei welcher Gelegenheit?
Fischer: Sie läuft unter dem ­Motto «Man sieht sich immer zweimal». Arno war immer noch U-20-Nationaltrainer, wir spielten an der B-WM in Rouen. Ich war ziemlich am Anschlag, hatte vorher mit ­vielen Teams gespielt: mit dem A- und dem Junioren-Nationalteam, dem EV Zug in der NLA und mit den Junioren. Dazu kamen die Freundin und die Ausbildung. Ich wollte in den Ausgang, um den Kopf zu lüften, Arno erwischte mich, als ich ins Taxi steigen wollte. Die meisten Trainer hätten mich wohl nach Hause geschickt.

Was tat er?
Fischer: Arno rief sofort meinen Vater an, es war schon 23 Uhr. Er wollte wissen, was mit mir los sei. Sie redeten, danach gingen wir ­zusammen etwas trinken, es ­wurde nach 2 Uhr. So entstand unsere starke Bindung, die bis heute ­Bestand hat.

Drei Jahre später wechselten Sie nach Davos, wo mittlerweile Arno Del Curto Trainer war.
Fischer: Hätte er mich in Rouen heimgeschickt, wäre ich sicher nicht nach Davos gegangen. Wie man mit Spielern umgeht, wie man Situationen löst, da habe ich viel von Arno gelernt.
Del Curto: Meine erste Erinnerung an diese U-20-Nati ist die Vorbereitung unmittelbar vor der WM. Wir spielten in Basel gegen die USA und in Bülach gegen Finnland und verloren hoch. 1:14, 1:13. Wir sahen zweimal keinen Puck. Danach dachte ich: So können wir nicht spielen. Ich war damals noch Verfechter von Scheibenkontrolle und 1-2-2-System. Da kam der Gedanke: Wir müssen spielen wie die Amerikaner und die Finnen. Also änderte ich das System komplett. Wir stiegen am Turnier zwar am Ende ab, holten gegen die USA aber ein 1:1 und hielten gegen die anderen Länder meistens mit. Das war damals ein Novum für ein Schweizer Team.

Und diese Mannschaft blieb zusammen.
Del Curto: Was danach folgte, ist etwas vom Schönsten, was ich im Eishockey je erlebt habe. Der Aufstieg ein Jahr später. Wie wir dort in Rouen als Team zusammenhielten. Was dort alles passierte. Das dürfen wir hier gar nicht erst erzählen . . . (lacht)
Fischer: Arno war damals gleichzeitig auch Trainer beim Erstligisten Luzern, wo mein Bruder Marco spielte. Ich war in der NLA bei Zug und fragte mich: Warum trainiert der so viel? Was machen die dort? Marco war hoch motiviert und fit wie ein Turnschuh, weil er bereits unter Arnos intensivem Training viel profitierte. Wegen des Erfolgs mit Luzern, des Aufstiegs in die NLB, wurde Davos auf Arno aufmerksam und verpflichtete ihn dann.

Und 2002 wurden Sie der erste Meistercaptain von Arno Del Curto. Ihre Erinnerungen?
Del Curto: Der erste Titel ist immer bedeutend. Wer hätte damals schon gedacht, dass ein Schweizer Trainer Meister werden könnte? Niemand.
Fischer: Der Final gegen den ZSC war fast schon langweilig. Wir gewannen mit 4:0 Siegen, 16:4 Toren.

Wie in der von Ihnen erwähnten U-20 wurde auch in dieser Davoser Meistermannschaft immer der besondere Teamgeist hervorgehoben. Ist es für einen Nationaltrainer der Profis überhaupt möglich, nur annähernd etwas zu Ähnliches kreieren?
Fischer: Nein. Du hast eine ganz andere Verbindung, wenn du tagtäglich zusammen bist. Du kannst aber, und das ist mein Ziel, einen Kern bilden mit Spielern, um den Kitt zu fördern. Da die besten Schweizer Spieler vermehrt im Ausland tätig sind, wird dieser Prozess immer schwieriger.

Die Spieler haben sich zudem verändert. Die meisten dieser Meistermannschaft würden zustimmen, wenn man sie als Ansammlung von «Vögeln», Spinnern oder als wilde Horde bezeichnet. Wie funktionierte das für den Trainer?
Del Curto: Das war kein Problem, da ich in meinen jungen Jahren ebenfalls ein riesengrosser Vogel war. Dann verstehst du auch die anderen Vögel.

Irgendwo muss man als Trainer dennoch Grenzen setzen...
Del Curto: Damals konnte ich das noch, indem ich nach Zwischenfällen sagte: «Das ist jetzt halt passiert, ich halte den Kopf für euch hin. Aber das nächste Spiel müsst ihr gewinnen!» Und fast immer kam das so heraus.

Die für Davos spielenden Wieser-Brüder sagen, als sie vor rund 15 Jahren als junge Teenager zum HCD gekommen seien, hätten sie nur Flausen im Kopf gehabt. Das erlebe man heute bei jungen Spielern kaum noch. Sehen Sie das auch so?
Del Curto: Meisterschaft, Cup, Europacup, Spengler-Cup, Nationalmannschaft: Du kannst heute mittlerweile auf über 100 Spiele pro Jahr kommen. Du hast gar keine Zeit mehr, Mist zu bauen. Wenn du einmal richtig über die Stränge haust, bringst du zwei Wochen keine gute Leistung mehr, unmöglich.
Fischer: Und früher gab es kein Social Media. Da kriegen gerade die Jungen alles mit, was der andere macht. Die sozialen Medien sind ein stilles Kontrollsystem.


Gänsehaut mit Federer, leiden mit Seferovic

So verrückt war das Sportjahr 2017.


Sterben gleichzeitig auch immer mehr die Freigeister im Eishockey aus? Top-Jungstars wie Auston Matthews wirken ganz anders als die 18-Jährigen Ihrer Zeit, viel professioneller – mit böser Zunge gesprochen: fast schon roboterhaft.
Del Curto: Es müsste nicht sein, dass sie aussterben. Aber es geht dennoch in diese Richtung.
Fischer: Du wirst heute schon jung geschult, wie du dich nach aussen geben musst, wie wichtig dein Image ist. In unserem Team in Davos wussten wir, dass sich Arno vor uns stellen und uns schützen würde. Einiges kam deshalb gar nie an die Öffentlichkeit, was heute auch wegen Social Media sicher anders wäre. (beide lachen)
Del Curto: Als wir vorher über die U-20, Luzern oder unseren ersten Titel sprachen, liefen mir Filme durch den Kopf von ­Geschichten. Wenn diese öffentlich würden... Aber auch wenn sie in jenem Moment damals vielleicht negativ waren, sind es genau diese Erlebnisse, die uns lange Zeit verbunden haben. Diese vier Jahre, die waren als Gesamtes so positiv, die könntest du verfilmen, so etwas würdest du heute nirgends mehr finden.
Fischer: Eine Anekdote von Arno muss ich jetzt trotzdem erzählen. Ich spielte mittlerweile in Davos, als er nach 23 Uhr bei mir an der Tür läutete. Als ich öffnete, fragte er, ob ich schon schlafe. Ich sagte «Nein, ich stehe ja hier vor dir.» (lacht) Er zog mich dann nach draussen in sein Auto, weil ich mir irgendein Lied anhören sollte. Ich weiss nicht mehr, was es war.
Del Curto: Rage Against the ­Machine.
Fischer: Genau. Er drehte die ­Musik fünf Minuten lang auf maximale Lautstärke auf und fragte mich dann, wie ich es fand. Ich sagte: «Gut!», er sagte: «Okay, und jetzt geh schlafen!»
Del Curto: Ich wollte nur schauen, ob du auch wirklich zu Hause warst! Das musste ich bei einigen meiner Spieler machen. Ich hatte da eine Weile lang einige lange Abende.
Fischer: Das war also dein Trick?
Del Curto: Ja, und nach dir fuhr ich gleich zum Nächsten. Bei anderen blieb ich nachher aber noch eine Weile im Auto vor ihrem Haus und wartete. Einige dachten nämlich, ich sei schon weg, und wollten dann in den Ausgang.

«Verrückte» hin, «Wilde» her: Elf Spieler der Meistermannschaft 2002 wurden auf diversen Stufen Trainer. War das also trotzdem eine grosse Ansammlung von Strategen?
Beide: Strategen? (beide lachen)
Del Curto: Jeder kann Trainer werden, egal, ob er ein sehr guter oder ein durchschnittlicher Spieler war. Oder sogar gar nie gespielt hat, wobei du dann wohl schnell in Schwierigkeiten kommen könntest. Du brauchst Leidenschaft, musst ein Macher sein. Das Fachwissen kannst du dir aneignen.

Auch wenn Freigeister offenbar aussterben: Mit Damien ­Brunner hatten Sie, Patrick Fischer, einen im WM-Team 2017 – und er bekundete Mühe.
Fischer: Er ein Freigeist?

Finden Sie nicht?
Fischer: Doch, Damien ist ein intuitiver Eishockeyspieler, das trifft beispielsweise auch auf Andres Ambühl zu. Wenn du solche Spieler in einem System einzuschliessen versuchst, tust du ihnen keinen Gefallen. Aber oft machen genau diese Spieler den Unterschied, mit einer überraschenden Idee.

Aber Brunner war einmal sogar überzählig...
Fischer: Er kann normalerweise mehr Akzente setzen in der Offensive. Die WM war aber auch wie ein Spiegelbild seiner letzten beiden Saisons, in denen er oft verletzt war. Er war in unserer Liga nicht mehr so dominant wie vor seinen Jahren in der NHL. Das war sicherlich auch eine Konsequenz der Verletzungen. Er machte aber charakterlich extreme Fortschritte und hat seine Rolle sehr gut angenommen – auch wenn er überzählig war. Früher hätte er sich zähneknirschend davongemacht, in Paris unterstützte er seine Mitspieler, und dies freute mich sehr.

Am Spengler-Cup könnten die Schweiz und der HC Davos aufeinandertreffen. Eine ­erstrebenswerte Affiche?
Del Curto: In der schwierigen Situation, in der unsere Mannschaft steckt, nicht wirklich – da wir nach dem Spengler-Cup ein sehr strenges Programm mit 4 Spielen in 6 Tagen haben. Dennoch wäre es schön, gegeneinander zu spielen.
Fischer: Wir sind im Entertainment-Business, der Spengler-Cup ist ein Riesen-Event, ein Fest. Wir gegen Davos wäre ein Leckerbissen für alle Schweizer Eishockeyfans. Ich würde mich auch sehr freuen.

Sie würden aber gegen Davoser spielen, die nachher eventuell in Ihrem Olympiateam wären...
Fischer: Es stimmt, die Davoser Spieler fehlen, wie auch andere Verletzte. Trotzdem ist der ­Spengler-Cup eine hervorragende Vorbereitung für Olympia.

Wer würde gewinnen?
Del Curto: Für die Nationalmannschaft wäre es schwieriger, da sie den Druck hätte, nicht wir. Ich wäre gespannt, wie das Spiel verlaufen würde. Wenn ich denke, wie es in den letzten Jahren gegen das Team Canada abging: Um jeden Millimeter ging es, körperbetont, geile Spiele! Wie ein Bruderduell, mit viel Hassliebe. Da kann ich die Leute, die den Spengler-Cup als Grümpelturnier abstempeln, nicht verstehen. Schweiz - Davos wäre zwar ohne Hassliebe, aber dennoch ein Spiel, in dem es kracht und «klöpft». Im schlimmsten Fall muss die Nati danach Kritik einstecken, wenn wir gewinnen sollten. Aber das würde sie nur stärker machen.
Fischer: Ich bin jetzt egoistisch und sage: Das persönlich schönste Drehbuch würde vorsehen, dass der Final Davos - Schweiz lautet. Das wäre ein absoluter Klassiker. Entschieden erst im Penaltyschiessen. Und du, Arno, dürftest auch einen schiessen! (lacht)
Del Curto: Ein gefährlicher Wunsch. Ich würde ihn reinmachen.
Fischer: Ich weiss. (beide lachen)


Video: «Das waren die Bilder des Jahres»

Bildredaktor Boris Müller über Trumps Fake-Triumph und den berührenden Abschied von toten Rockstars. (Video: Lea Koch, Nicolas Fäs)

Erstellt: 24.12.2017, 09:24 Uhr

Patrick Fischer, 42

Als Spieler war der Zuger Stürmer Patrick Fischer zweimal Meister: 1999 mit Lugano, 2002 als Captain von Davos. Nach Abstechern in NHL, AHL und KHL trat Fischer 2009 zurück. Als Trainer wirkte er danach in Lugano (Nachwuchs, ab 2013 NLA) bis zur Entlassung im Oktober 2016. Sechs Wochen später wurde er Nationaltrainer.

Arno Del Curto, 61

Er verkörpert seinen Club wie kein anderer Schweizer Trainer: Arno Del Curto steht seit 1996 an der Bande des HC Davos – aktuell ­bestreitet er also seine 22. Saison in Folge. Zuvor war der Engadiner beim ZSC zweieinhalb Jahre NLA-Coach, ansonsten wirkte er in der NLB, der 1. und 2. Liga sowie als Trainer des U-20-Nationalteams.

Artikel zum Thema

Bern zu stark für Fribourg, Lions siegen

Fribourg ist in Bern chancenlos und verliert auch das fünfte Saisonderby. Die Lions gewinnen in Lausanne in der Verlängerung. Mehr...

ZSC im Elend, Kloten putzt Lugano 5:1 weg

Die ZSC Lions verlieren zum neunten Mal aus den letzten dreizehn Partien. Kloten demütigt Lugano und Bern dreht einen 0:2-Rückstand im Spitzenkampf gegen Zug. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...