Hier schlägt Ambris fragiles Herz

Luca Cereda wollte gar nicht Trainer werden. Doch seine Gesundheit zwang ihn zum Umdenken. Nun verkörpert er mit 37 die Hoffnungen einer ausgelaugten Randregion – weit übers Eishockey hinaus.

Luca Cereda in seiner Valascia in Ambri.

Luca Cereda in seiner Valascia in Ambri. Bild: Claudio Bader

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Eisiger Regen fällt auf den Schnee der letzten Tage. Hinter kaum einer Scheibe brennt Licht an der Via San Gottardo, viele Fensterläden sind zu. Bloss ein paar Strassenarbeiter in oranger Schutzkleidung zeugen von Leben. Und alle paar Sekunden eine Trillerpfeife. Sie schrillt von der alten Eishalle ­hinab zur Hauptstrasse und gehört Luca Cereda. Einem Mann, der gar nicht Trainer werden wollte. Und viel wichtiger: der die Hoffnung zurückbrachte nach Ambri.

Der Grund dafür zeigt sich ­bereits beim Training. Mit seiner Pudelmütze und Brille mag Cereda aussehen wie ein verirrter ­Student. Aber es gibt nie Zweifel, wer das Sagen hat im Rink. Seine Stimme setzt der 37-Jährige so energisch ein wie seine Trillerpfeife. Immer wieder klopft er mit dem Stock aufs Eis, beobachtet, korrigiert. Das Tempo ist hoch, die Abfolge der Übungen schnell. «Schon als Spieler habe ich auf dem Eis die Welt ausgeblendet und meine Emotionen gelebt», erklärt Cereda. Heute als Trainer spürt er jede Einheit, jeden Match am nächsten Tag in Rücken und Nacken.

Es gibt Schlimmeres. Einmal hörte sein Herz für acht Sekunden auf zu schlagen. Hätte es das nicht getan, gälte Cereda heute womöglich als einer der besten Schweizer Spieler der Geschichte. Stattdessen ist er die grösste Trainerhoffnung des Landes, wird in seiner zweiten National-League-Saison schon mit Arno Del Curto verglichen. Denn Ambri bestreitet seine Matches so, wie es trainiert. Nimmt mit klarem, schnellem Spiel Kurs aufs Playoff. Es ist eine ungewohnte Rolle für einen Club, der seine Identität seit Jahren aus dem Kampf gegen den Abstieg – gefühlt: den Untergang – bezieht. Nur eine einzige Playoffqualifikation gelang seit 2006.

Der Mann, der in der Garderobe der Valascia sitzt, hat wenig von jenem, der eine halbe Stunde zuvor sein Team instruierte. Ceredas Stimme ist sanft, seine Antworten sind bedacht, sein Blick wandert im Raum herum, wenn er nach einem Wort sucht. Welches Eishockey schwebt ihm vor? «Wir wollen dem Gegner die Räume nehmen und möglichst schnell vorwärtsspielen», sagt Cereda.

Plötzlich geht es nicht mehr um Lawinengefahr und Geldnot

Diese Antwort ist leicht, er hat sie schon x-fach gegeben, auch an ­diesem Tag bereits. Denn das Schweizer Fernsehen ist da und macht einen Bericht über einheimische Trainer. Der «Blick» ist ebenfalls vor Ort. Nicht wie sonst im Januar dominiert die Frage, ob dies nun das Jahr ist, in dem der Anachronismus Ambri aus der höchsten Liga verschwindet. Oder wie lange das veraltete, lawinenbedrohte Stadion trotz Sonder­bewilligungen überhaupt noch betrieben werden kann. 2019 dreht es sich darum, dass endlich wieder etwas funktioniert im strukturschwachen Bergtal, das von der Autobahn ­passiert und von der Eisenbahnlinie untertunnelt wird.

Cereda ist ein Glücksfall. Sportchef Paolo Duca schätzt seinen wichtigsten Mitarbeiter für dessen Trainingsgestaltung, für gewissenhafte Vorbereitung und strukturierte Arbeitsweise. Er lobt das ­Gespür, das Cereda für Menschen habe. Und auch er sieht einen Mann mit zwei Gesichtern. «Er hat etwas von Dr. Jekyll und Mr. Hyde», sagt Duca, «abseits des ­Eises ist er sehr ruhig und nachdenklich, im Match intensiv und voller Emotionen.» Präsident Filippo Lombardi erlebt Cereda als «sehr engagierten, organisierten, präzisen Menschen, der nichts dem Zufall überlässt». Den Vergleich mit Del Curto lässt er gelten: ­«Beide tragen ungern Krawatte. Für Galaveranstaltungen müssen wir Luca schon dazu zwingen, eine anzuziehen.»

Es ist aber auch ein Kleidungsstück, das so gar nicht passt zu ­einem Club, wo sie nach Siegen die Berghymne «La Montanara» anstimmen. Wo die Fans der ­Curva Sud schon Partisanenlieder sangen, lange bevor «Bella ciao» in einer Discoversion die Charts und damit andere Schweizer Stadien eroberte.

800 000 Franken und die Herzklappe eines Spenders

Rückblende. Es war vor zwanzig Jahren, als der Stern von Cereda aufging und leuchtete wie kaum einer vor ihm. Mit 17 führte er ­Ambris erste Linie an, stürmte zum Qualifikationssieg, scheiterte erst in der Finalissima 1999 gegen ­Lugano. Es folgte die U-18-WM in Füssen, wo er zusammen mit ­Paolo Duca stürmte und sich ins All-Star-Team spielte. NHL-Scouts reisten extra seinetwegen nach Bayern. Und zwei Monate später zogen ihn die ­Toronto Maple Leafs in der ersten Runde des Drafts. So früh war ausser Michel Riesen noch nie ein Schweizer gezogen worden.

Cereda unterschrieb einen ­Dreijahresvertrag, strich 800 000 Franken Handgeld ein. Alles schien perfekt. Dann musste der Teenager von einem Tag auf den andern erfahren, wie fragil ein Sportlerleben ist. Im Trainingscamp der Maple Leafs wurde bei einer Routine­untersuchung ein Herzfehler entdeckt. In einer vierstündigen Operation erhielt Cereda die Herzklappe eines Spenders, danach kämpfte er sich zwei Saisons durch die zweitklassige AHL und kehrte schliesslich in die Schweiz zurück. Es wurde nie mehr wie zuvor. Und nach vier Saisons mit Bern und Ambri beendete das Herz seine Spielerkarriere endgültig.

«Bei einer Untersuchung im Sommer vergingen zwischen zwei Herzschlägen acht Sekunden, in denen nichts passierte», sagt Cereda. Seine Stimme bleibt ruhig, als würde er eine taktische Variante erklären, «Sportlerherzen schlagen langsamer, aber nicht so langsam.» Das Vertrauen in den eigenen ­Körper war weg – und kehrte nie mehr ganz zurück. Cereda war 26. Er hatte eine schwangere Frau, aber weder ein Einkommen noch Ahnung, was er künftig tun wollte.

Trainer statt Physiotherapeut

Das Gymnasium hatte er abgeschlossen – «aber ein Bachelorstudium dauert mindestens drei Jahre, und wer bringt dann das Geld nach Hause?» Er machte einen Stage bei einer Versicherung – das war nichts für ihn. Er machte eine Prüfung zum Physiotherapeuten in Bern – «doch ich bestand nicht». Als Ambri fragte, ob er Lust habe, auf Stufe Mini als Juniorentrainer einzusteigen, gab er zur Antwort: «Ich kanns probieren. Aber ich weiss nicht, ob ich es kann.»

Er konnte es. Gut genug, um in der Saison darauf einen Vertrag als Juniorentrainer über vier Jahre offeriert zu bekommen. Er sagte sofort zu. «Ich kam aus Zufall zum Trainerberuf. Am Anfang war es gut, um im Winter die Langeweile zu vertreiben. Mit der Zeit machte ich die Arbeit immer lieber.»

So wurde der Trainerberuf sein Studium. Cereda ging als Sta­giaire zu Arno Del Curto nach Davos, war ­Assistent in den Junioren-Nationalteams. Und als Ambri 2016 für sein neues Farmteam in Biasca einen Trainer suchte, war Cereda die logische Wahl. Es war der letzte Schritt vor der National League – und der letzte, ehe er mit seinem Jugendfreund wiedervereinigt wurde. Duca stand vor seiner letzten Saison als Ambri-Spieler.

Kennen gelernt hatten sich die beiden mit 13, als sie in der Tessiner Regionalauswahl spielten. Duca kam aus Ascona, Cereda aus Sementina bei Bellinzona. Und musste dort bald eine wichtige Entscheidung fällen: Lugano oder Leventina? Eishockey unter Palmen oder das karge Bergtal, wo Industrie und Wirtschaft schon damals im Argen lagen? Seine ­Eltern, glühende Ambri-Fans, liessen ihm die Wahl. «Aber wenn du nach Lugano gehst, wasche ich deine ­Sachen nicht mehr», erklärte die Mutter. Die Entscheidung war ­gefallen.

Der Freund, der den andern entlassen muss

In Ambri strebten Duca und Cereda gemeinsam aufwärts. Sie ragten heraus aus ihren Mannschaften, und weil sich die tägliche Fahrt durchs halbe Tessin oft nicht ­lohnte, blieben sie regelmässig im Ferienhaus der Familie Cereda in Mairengo, einem sonnenbeschienenen Dorf oberhalb von Faido. Aus den beiden gegensätzlichen Teenagern wurden Freunde. «Ich bin impulsiver, direkter», findet Duca, «Luca studiert mehr.»

Das ist bis heute so. Nur dass sich die Wege der beiden im ­Frühjahr 2017 auf ganz neue ­Weise kreuzten. Ambris Verwaltungsrat hatte eine radikale Strategie beschlossen: Man wollte ganz auf einheimisches Schaffen setzen, Duca vom Captain zum Sportchef machen und Cereda aus Biasca befördern. Ans entscheidende Gespräch erinnert sich Cereda gut. «Paolo sagte: «Wir sind Freunde, aber es könnte der Tag kommen, an dem ich dich entlassen muss: Bist du dafür bereit? Ich bin mir selbst nicht sicher.» Cereda war sicher. «So ist das Business, an unserer Freundschaft würde das nichts ändern.» Damit war das Thema erledigt.

Anlass, Ducas Frage an der Wirklichkeit zu überprüfen, gab es bisher nicht. In der ersten ­Saison sicherte sich Ceredas Mannschaft im Playout souverän den Liga­erhalt. In der zweiten ist sie die ­positive Überraschung der Saison. Und auch im Umfeld herrscht ­geradezu abenteuerliche Aufbruchsstimmung. Im Dezember wurde feierlich der erste Spatenstich zum neuen Stadion getan, im März soll der Aushub beginnen, gelobt Präsident Lombardi.

Äusserlich erinnert daran an diesem klirrend kalten Januartag noch nichts. Es ist Nachmittag, mittlerweile schneit es, nur einer ist noch immer in der alten Valascia: Cereda, der in einer schmucklosen Kammer eine Tradition fortführt, von der er sich einmal weit entfernt wähnte. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter Kindergärtnerin; seine Schwester ist Lehrerin, sein Schwager Lehrer – und selbst seine Frau war Kindergärtnerin. «Ich dachte immer, ich sei als Sportler das schwarze Schaf der Familie», sagt Cereda an diesem Tag, «aber jetzt merke ich, dass ich auch nichts anderes geworden bin als Lehrer: Die Trainings sind Lektionen, die Spiele Prüfungen.» Der einzige Schweizer NL-Trainer besteht bisher glänzend.

Erstellt: 13.01.2019, 16:45 Uhr

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