Hobeln und Schleifen für den ZSC-Erfolg

Sven Leuenberger machte einst eine Schreinerlehre, nun baut er am nächsten Meisterteam. In bald 13 Jahren als Sportchef hat er schon vieles erlebt.

Durchschnaufen, aber nicht zurücklehnen: Sven Leuenberger ist mit den ZSC Lions in diesem Herbst auf Erfolgskurs – besonders im Hallenstadion. Foto: Kurt Schorrer (Foto-Net)

Durchschnaufen, aber nicht zurücklehnen: Sven Leuenberger ist mit den ZSC Lions in diesem Herbst auf Erfolgskurs – besonders im Hallenstadion. Foto: Kurt Schorrer (Foto-Net)

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Kürzlich schreinerte Sven Leuenberger einen Holztisch. Er hatte es seiner Frau im Sommer versprochen und hielt Wort. «Ich finde ihn gleich, Moment», sagt er, als er das Foto auf dem Handy sucht. «Hier ist er!», sagt er und zeigt stolz das Foto. Es ist ein langer Tisch aus hellem, edel wirkenden Holz. Er macht einen robusten Eindruck.

Als Leuenberger einst mit 20 seine vierjährige Schreinerlehre abschloss, spielte er bereits in der ersten Mannschaft des SCB. Das Handwerk hat der Ostschweizer nicht verlernt, doch sein Hauptjob besteht heute darin, mit Spielern Teams zu bauen und nicht aus Holz Möbel. Wobei es durchaus Gemeinsamkeiten gibt: Auch Hockeyteams sollen beim Betrachter Freude hervorrufen, und auch sie sollten stabil sein, einiges aushalten können.

Gut, es gibt auch Unterschiede: Ein Tisch ist irgendwann fertig, ein Team bedarf täglicher Pflege. Und manchmal muss man auch hobeln und schleifen für den Erfolg. Sportchef ist ein reizvoller, aber anspruchsvoller Job. Die letztjährigen ZSC Lions seien auf dem Papier wohl das beste Team gewesen, das er je zusammengestellt habe, sagt Leuenberger. Aber dann ging alles schief. «Was wieder einmal zeigte, dass man im Sport nicht alles planen kann.»

In seiner dritten ZSC-Saison kann der 50-Jährige erstmals etwas durchschnaufen. Die Lions führen die Liga an, man hat das Gefühl, sie seien beim Schweden Rikard Grönborg in guten Händen. Und das Cup-Aus in Ajoie ist zwar ärgerlich, aber auch bald vergessen. Zurücklehnen könne er sich nicht, betont Leuenberger. Das entspricht wohl auch nicht seinem Naturell. Aber erstmals habe er in Zürich Zeit, etwas weiter nach vorne zu blicken, auch einmal ein Spiel des Farmteams zu schauen oder andere Spieler zu scouten.

«Letzte Saison getraute ich mich fast nicht, den ZSC allein zu lassen. Und die Medien wollten ja auch nach fast jedem Match ein Statement von mir.» An Spieltagen sei er schon morgens nervös gewesen, da es ums sportliche Überleben ging. Im Moment sei er etwas gelassener.

Den Ärger wegatmen

«Aber natürlich kribbelt es immer noch, wenn ein Spiel ansteht», sagt er. Und während der Partien ist seine Anspannung greifbar. Bei misslungenen Aktionen fallen Kraftausdrücke, oder er klopft mit der Faust auf den Tisch. Das bekommen Journalisten allerdings nur bei Auswärtsspielen mit, wenn er auf der Pressetribüne sitzt. Die Heimspiele verfolgt er im Regieraum des Hallenstadions. «Das ist besser so. Es ist nicht alles spruchreif, was ich sage. Aber es ist schon viel besser als früher. Ich habe Atemübungen gelernt, um mich zu beruhigen.»

Schon als Spieler habe er nicht gut verlieren können und manchmal mit dem Kopf durch die Wand gewollt. Er war aber kein Haudegen, sondern ein spielerisch versierter Verteidiger, gesegnet mit Spielintelligenz und einer gewissen Eleganz. Was ihn heute am meisten ärgert, sind «dumme Aktionen». Das kann ein Puckverlust oder eine Strafe zur Unzeit sein. «Fehler können immer passieren, aber es gibt schlechte und weniger schlechte Momente dafür.»

«Im Tram konnte es sein, dass zwei so laut über den SCB redeten, dass ich sicher hörte, was für eine Pfeife ich bin.»

Er wurde mit dem SCB viermal Meister (1989, 1991, 1992, 1997), ehe er 2003 mit 33 zurücktrat, Nachwuchschef wurde und 2006 zum Sportchef aufstieg. Die Berner waren im Viertelfinal gescheitert, Alpo Suhonen musste gehen, und Leuenberger konnte seinen Trainer wählen. Mit John Van Boxmeer verstand er sich vom ersten Telefongespräch an gut, der Kanadier coachte den SCB im ersten Jahr in den Final und danach zweimal auf Rang 1. Doch im Playoff klappte nichts mehr. Nach dem erneuten Viertelfinal-Aus 2009 musste Leuenberger erstmals einen Coach entlassen. «Van Boxmeer machte es mir aber einfach. Er sagte schon vor dem Playoff zu mir: Wenn wir wieder im Viertelfinal verlieren, musst du mich schicken.»

Leuenberger wehte eine «steife Brise» entgegen. Die fühle sich in Bern und Zürich ähnlich an, sagt er. «In Zürich ist die Medienpräsenz noch grösser, in Bern ist das Eishockey bei den Leuten präsenter. Da gehst du nicht mehr so gerne in die Stadt.»

Direkt angesprochen worden von unzufriedenen Fans sei er selten. «Aber wenn ich im Tram war, konnte es sein, dass zwei so laut über den SCB redeten, dass ich sicher hörte, was für eine Pfeife ich bin.» Am Anfang habe ihn das sehr getroffen, inzwischen versuche er sich einzureden, dass es ja nichts Persönliches sei.

«Charakter schlägt Talent»

Mit Larry Huras und einer neuen Philosophie schaffte Leuenberger den Befreiungsschlag. «Meine Lehre war: Charakter schlägt Talent. Ich merkte: Wenn es darauf ankommt, braucht es noch etwas anderes als in der Qualifikation.» Er holte Ausländer wie Jean-Pierre Vigier und Brett McLean, die selten brillierten, aber immer kämpften. So arbeitete sich der SCB 2010 zum ersten Meistertitel Leuenbergers als Sportchef.

Gegen seinen Willen wurde Huras dann aber im Oktober 2011 entlassen. Leuenberger bekam die Pläne des Verwaltungsrats erst im Laufe jenes Heimspiels gegen die ZSC Lions (1:2) mit und protestierte, doch es half nichts. Geschäftsführer Marc Lüthi gab die Massnahme bekannt, Leuenberger distanzierte sich davon.

«Charakter schlägt Talent. Wenn es darauf ankommt, braucht es noch etwas anderes als in der Qualifikation.» Sven Leuenberger, ZSC-Sportchef

Als ihn Lüthi und Präsident Walter Born tags darauf zum Gespräch aufboten, fragten sie ihn, ob er mit ihnen weiterarbeiten könne. Er antwortete: «Ja, aber nur, wenn ich öffentlich sagen darf, dass es nicht meine Entscheidung war.» So konnte er sein Gesicht wahren.

Fünf Jahre später setzte er sich dann durch, als es um die Nachfolge von Guy Boucher ging – ­allerdings auf Kosten seines Jobs. Denn er schlug seinen jüngeren Bruder Lars vor, und einen doppelten Leuenberger wollte der VR nicht. Sven Leuenberger trat zurück ins zweite Glied und bekam recht: Bern wurde Meister.

«Ich habe noch heute mit allen Trainern Kontakt, die ich oder jemand anders entlassen hat», sagt er. «Ausser mit Hans Wallson.» Doch selbst dessen Zürcher Assistent Lars Johansson wisse nichts Genaueres über ihn.

In Grönborg hat Leuenberger einen Trainer gefunden, der ihm punkto Arbeitshaltung und Temperament ähnlich ist. «Und zum Glück sind wir beide schon etwas erfahrener. Früher wären ab und zu die Fetzen geflogen zwischen uns.» So spürten beide, als sich Leuenberger am Dienstagabend nach der 3:6-Blamage gegen Ajoie mit dem Schweden unterhalten wollte: Es ist wohl besser, wenn sie zuerst eine Nacht darüber schlafen.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 29.11.2019, 18:02 Uhr

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