«Ich bekam mit, wie Mitspieler ihr ganzes Geld verprassten»

Nino Niederreiter war der erste Schweizer Stürmer, der sich als NHL-Führungsspieler etablierte. Der Angreifer der Carolina Hurricanes gibt einen Einblick in eine bewegte Karriere.

Gute Aussichten: Nino Niederreiter in seiner aktuellen Heimat in North Hills, einem Vorort von Raleigh in North Carolina.

Gute Aussichten: Nino Niederreiter in seiner aktuellen Heimat in North Hills, einem Vorort von Raleigh in North Carolina. Bild: Kristian Kapp

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Nino Niederreiter, heute sind Sie ein etablierter NHL-Stürmer. Als Sie vor über zehn Jahren mit 16 Ihr erstes Nordamerika-Abenteuer in Portland in der Juniorenliga WHL planten, plagten Sie aber noch andere Sorgen: die englische Sprache.
Ich wusste schon damals, was ich will: Nach Nordamerika gehen, um mein Ziel, in der NHL spielen zu können, zu erreichen – das war damals meine kleinste Sorge. Die grössten waren die grosse Distanz zur Schweiz und zur Familie und in der Tat die englische Sprache. Ich lernte sie dann aber sehr schnell. Ich hatte gar keine andere Möglichkeit: Alle reden und erklären dir alles auf englisch, du schlägst dich am Anfang noch mit dem «Google Translator» durch, und plötzlich beherrscht du die Sprache.

Das Abenteuer beginnt: Nino Niederreiter zeigt im Frühling 2009 in Chur eine Karte von Portland, Oregon, seiner künftigen Heimat in der Western Hockey League, einer der drei Top-Juniorenligen Kanadas. (Bild Nadja Simmen)

Sie sind bis heute einer der wenigen Schweizer, die in Nordamerika das «volle Programm» erlebt haben: Zwei Saisons in der besten kanadischen Juniorenliga, eine Saison in der Farmteam-Liga AHL und seit 2013 fix in der NHL. Die erste Station in Portland hatte mit ihrem heutigen Leben wenig gemeinsam.
Du lebst bei einer Gastfamilie, das hilft dir, wenn du jung bist. Lohn erhielt ich keinen, bloss 180 Franken zum Ausgeben. 80 davon gingen jeweils aufs Telefonieren drauf, weil das damals noch so teuer war. Darum überwiesen mir meine Eltern auch noch jeweils etwas Geld.

Es gab spezielle Regeln bei den Junioren: Keine Facebook-Freundschaften zu Cheerleadern. Und der offizielle Beziehungsstatus musste stets «solo» sein …
Ja, Frauen waren verboten. (lacht) Zur Gastfamilie musstest du stets alleine nach Hause kommen. Ich wohnte zudem mit einem anderen Spieler zusammen bei einer sehr strengen Gastmutter, was damals sicher nicht schlecht war für mich … Die kanadische Juniorenliga war eine sehr gute Erfahrung, ich würde alles genau so nochmals machen.

Die erste Saison fern der Heimat: Nino Niederreiter bei den Portland Winterhawks im Februar 2010, mit seinem Headcoach Mike Johnston, der vier Jahre später in der NHL in Pittsburgh coachte und 2010 kurz auch Assistenzcoach der Schweizer Nationalmannschaft war. (Bild Kristian Kapp)

Danach, noch vor Ihrem Durchbruch in der NHL spielten Sie eine ganze Saison in der AHL, in Bridgeport, Connecticut. Der Club empfahl dort den Spielern, nicht in der Stadt selber zu wohnen, weil das zu gefährlich sei. Wie reagiert man als 20-Jähriger, wenn man so etwas hört?
Die Gegend war schön, nur die Stadt selber galt als kriminell. Die Dörfer nebenan, wo wir Spieler wohnten, waren ja ganz anders.

Die Spieler der Sound Tigers wohnten nicht in der Stadt: Nino Niederreiter im Februar 2013 beim Laurel Beach in der Nähe Bridgeports. (Bild Kristian Kapp)

Man hört oft die Storys von Spielern in Ihrer damaligen Situation. Man wird zu Saisonbeginn als junger Bursche, oft noch als Teenager, in die AHL abgeschoben, wo man rund zehn Mal weniger verdient – abzüglich Steuern rund 50’000 Franken im Jahr. Den NHL-Unterschriftenbonus von rund 100’000 Franken erhält man zu Saisonbeginn dennoch und verprasst dieses Geld, zum Beispiel für ein neues Auto, und gerät danach in finanzielle Probleme. Wie lief das bei Ihnen ab?
Ich kaufte kein Auto. Ich ging immer sorgfältig um mit Geld. Auch heute noch. Ich leiste mir schon Dinge, werfe aber das Geld nie zum Fenster hinaus. Meine Familie brachte mir bei, dass das Geld hart verdient und geschätzt werden muss. Ich bekam solche Fälle aber durchaus mit. Zum Beispiel, wenn Mitspieler ihr ganzes Geld im Casino verloren oder für teure Autos und Häuser verprassten. Plötzlich merkten sie dann, dass das Leben neben dem Eishockey ja auch noch etwas kostet. Und dass du hier nur bis Ende März bezahlt wirst und dann erst wieder in der neuen Saison Lohn erhälst, vergassen sie hin und wieder auch.

Und kaum ins NHL-Team befördert, gibts den Gruppenzwang für die jungen Spieler …
Als NHL-Spieler gehst du in die besten Restaurants, schaust kaum auf die Preise. Wenn du da als junger Spieler dann mit den älteren mitgehst, musst du darauf achten, dir treu zu bleiben. Auch wenn du siehst, was die anderen bestellen. Auch musst du dir am besten deine Grüppchen zusammensuchen als junger Spieler. Natürlich findest du es zunächst cool, mit den Superstars unterwegs zu sein. Du merkst aber schnell, dass diese mehr Geld haben und entsprechend anders damit umgehen. Das musst du lernen.


Die Distanzen zwischen den 31 NHL-Teams und ihren AHL-Partnern


Ihre AHL-Saison war aber aus diversen Gründen sehr speziell.
Ja, es war 2012/13, also Lockout in der NHL. Ich konnte aber nicht in die Schweiz spielen gehen, da die New York Islanders wollten, dass ich in der AHL bei Bridgeport spiele. Am Ende musste ich das ganze Jahr unten bleiben, auch als der Lockout Anfang 2013 zu Ende war. Ich spielte eine gute AHL-Saison, durfte danach aber dennoch nicht im Playoff bei den Islanders aushelfen. So begann die ganze Geschichte rund um die Trade-Anfrage durch meinen Agenten.

Der Trade zu Minnesota passierte dann in der Tat. Aber es war äusserst ungewöhnlich, dass ein 20-Jähriger einen Transfer verlangte. Das machten normalerweise nur die Stars.
Das stimmt. Es gab viel Lärm in den Medien. In der Schweiz verstand man diesen Schritt nicht, hier in Nordamerika teilweise aber auch nicht. Das war eine sehr emotionale Zeit, zum Glück mit Happy End.

Ende Oktober 2019: Nino Niederreiter in der Nähe seiner Wohnung in North Hills, North Carolina. Raleigh, die Stadt, in der die Hurricanes spielen, ist nicht weit entfernt. (Bild Kristian Kapp)

Der Druck auf Ihnen nach dem Wechsel zu Minnesota war immens. Sie mussten nun definitiv Leistung zeigen.
Das war ein Neustart, ein Tapetenwechsel. Das tat mir unglaublich gut, ich konnte in einer neuen Mannschaft von Anfang an mein Spiel durchziehen. Ich hatte eine gute erste und dann eine sehr gute zweite Saison. Ab da ging es aufwärts.

In der Debüt-Saison mit Minnesota schossen Sie in der ersten Playoffrunde in Spiel 7 in Denver gegen Colorado das Siegestor in der Verlängerung. Das grösste Tor Ihrer Karriere?
Von diesem Moment träumte ich, als ich als Kind in der Stube mit dem Mini-Stock herumspielte. Und dann passierte das wirklich so. Das war ein Traum, der in Erfüllung ging.

Das bislang wichtigste Tor in Nino Niederreiters Karriere: Overtime-Treffer in Spiel 7 gegen die Colorado Avalanche am 30. April 2014. (Video: YouTube)

Fühlten Sie sich nach den zwei Jahren in Minnesota endlich als NHL-Spieler?
Das ist eine schwierige Frage. Auch heute gehe ich vor der Saison immer noch mit einem komischen Gefühl ins Trainingscamp. Es gibt so viele Spieler, die nur darauf warten, dir deinen Platz wegzunehmen. Es ist meine achte Saison in der NHL, und ich hinterfrage mich immer noch ständig. Wenn ich hin und wieder einen Mist zusammenspiele, frage ich mich immer noch oft: «Was machst du in dieser Liga?» So richtig sicher bin ich nie, ob ich wirklich «drin» bin. Das ist ein ständiger mentaler Kampf mit dir selber. Ich bin da vielleicht zu extrem. Aber ich glaube, dass wenn du dir deiner Sache zu sicher wirst, kann plötzlich alles vorbei sein.

Sven Bärtschi, Ihr ehemaliger Schweizer Teamkollege in Portland, fand sich zu Saisonbeginn völlig überraschend in der AHL wieder. Wie war Ihre Reaktion?
Ich war geschockt. Sven ist ein sehr guter Spieler mit grossem Potenzial und vielen Skills. Das war ein Augenöffner, auch für mich. Das kann so schnell gehen. Darum sage ich: Du darfst dir nie sicher sein, egal, wie gut es dir läuft.

Springen wir noch kurz in die Gegenwart und Ihren etwas besonderen Saisonstart mit den Carolina Hurricanes: Das Team gewann mehrheitlich, aber ausgerechnet die erste Linie mit Ihnen traf kaum, Sie selbst schossen gar erst im elften Spiel Ihr erstes Tor.
Das war sehr speziell. Es war schon letzte Saison ein Krampf, bis mein erstes Tor endlich fiel. Das belastet dich mental. Auch meinem Linienpartner Sebastian Aho lief es ja nicht wie erhofft, da spürten wir beide den Druck. Tore schiessen, das wird von uns verlangt. So, wie er nach seinem ersten Tor jubelte, sah man ihm die Erleichterung richtig gut an.

«Frisch gedraftet in der NHL»: Nino Niederreiter am 25. Juni 2010 in Los Angeles – Momente, nachdem ihn die New York Islanders als Nummer 5 zum zu jenem Zeitpunkt höchsten Schweizer Draftee aller Zeiten machten. (Bild Kristian Kapp)

Sie erlebten in Ihrer allerersten vollen NHL-Saison bei den New York Islanders etwas viel extremeres: Nur 55 Spiele durften Sie da bestreiten, am Ende stand gar nur ein einziger Skorerpunkt auf Ihrem Konto. Wie bewältigte Ihr Kopf jene Baisse?
Das war mit Abstand die schwierigste Saison meiner Karriere. Ich war erst frisch gedraftet, die Erwartungen waren hoch. Die NHL funktionierte damals anders: Auch als früh in der ersten Runde gedrafteter Spieler musstest du in der vierten Linie anfangen und dich hochkämpfen. Heute erhalten die guten jungen Spieler früher eine Chance in Positionen, in denen sie erfolgreich sein können. Für mich ging da einiges nicht wie erhofft. Es kamen auch zwei schwere Verletzungen dazu, ich hinkte stets allem hinterher, das war im mentalen Bereich sehr schwierig.

Sie arbeiten schon lange mit Ihrer Mentaltrainerin Rita Sutter zusammen. Spielte sie in jener Saison eine besonders wichtige Rolle?
Ja, es gab das eine oder andere Telefonat, weil das eine derart frustrierende Zeit war. Aber sie war für mich schon von allem Anfang an sehr wichtig, wir arbeiten seit 2006 miteinander. Und auch wenn es immer seltener wird, gibt es auch heute immer noch Phasen, in denen ich sie kontaktiere, wenn ich nicht in Fahrt komme. Oft braucht es Kleinigkeiten, ein oder zwei Worte, die mein Denken verändern und einen Unterschied ausmachen können.

Die härteste Saison der Karriere: Nino Niederreiter im Februar 2012 vor seiner Wohnung in Garden City auf Long Island, der Heimat der New York Islanders. (Bild Kristian Kapp)

Nahmen Sie die Mentaltrainerin auch diese Saison bereits in Anspruch?
Ja, vor dem elften Spiel. Das war so ein Moment: Du spielst eigentlich gut, aber dennoch ist es zu wenig, damit die Tore kommen. Da wirst du häufig frustriert, versucht Dinge zu verändern, statt deinem Spiel treu zu bleiben.

Muss die Mentaltrainerin etwas verstehen von Eishockey?
Es ist nicht notwendig, es hilft aber. Zu Beginn hatte sie keine Ahnung davon, mittlerweile kennt sie das Spiel, auch das Business. Sie betreut nun auch andere Spieler.


Dieses Interview ist zum grossen Teil ein Auszug aus dem Tamedia-Podcast «Eisbrecher». Der ganze Podcast mit Nino Niederreiter, in dem auch ein ehemaliger Jugendfreund sowie ex-Teamkollege und HCD-Stürmer Enzo Corvi kurz mitwirken, kann hier gehört werden:

Interesse an einer weiteren Podcast-Folge von «Eisbrecher» aus Nordamerika? Hier nachzuhören ist Episode 4 mit Goalie Gilles Senn, der derzeit in der AHL bei den Binghamton Devils das Tor hütet:


Das Tamedia-Eishockeyteam blickt im «Eisbrecher» regelmässig in längeren Gesprächen mit Persönlichkeiten aus diesem Sport hinter die Kulissen. Dabei lösen wir uns von der Aktualität, besprechen mit den Gesprächspartnern die Themen, die sie wirklich beschäftigen. Der Podcast ist auch auf Spotify sowie auf Apple Podcast zu hören.

Erstellt: 10.11.2019, 10:29 Uhr

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