«Ich bin doch kein Rassist»

Ein ausländischer Offensivverteidiger? Beim HC Davos hat das Seltenheitswert. Doch mit Magnus Nygren hat der Rekordmeister genau so eine Spezies verpflichtet.

Eine «seltene Spezies» beim HC Davos: Magnus Nygren.

Eine «seltene Spezies» beim HC Davos: Magnus Nygren. Bild: Jakob Menolfi/eq-images

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War es Vorsehung? Magnus Nygren sprach im April 2016 in einem Interview über seine Obsession, den passiven Konsum von Eishockey am TV, und erwähnte nebst NHL, AHL, KHL und SHL explizit auch die NLA, die er gerne verfolge, auch wenn sich das in Schweden mangels guter Streams etwas schwierig gestalte.

Die Schweiz war damals kein Thema für Nygren. Er war Captain seines Karlstader Stammclubs Färjestad und sprach über die schwere Gehirnerschütterung, die seine Nordamerika-Karriere in der Organisation der Montreal Canadiens ein Jahr zuvor zu einem abrupten Ende brachte, und eine mögliche Rückkehr nach Kanada.

Nun ist es Mitte August 2017, Kanada ist weit weg. Nygren sitzt im Eisstadion des HC Davos, seinem neuen Arbeitgeber, und lacht, als er vom Gespräch 16 Monate zuvor hört. Die Theorie der Vorsehung relativiert der 27-Jährige sogleich: «Ich bin einfach ein Hockey-Nerd. Ich schaue alles, was ich kann, seit ich ein kleines Kind bin. Ich finde, du kannst immer irgendetwas dazulernen.»

Wider zwei Credos

Dazulernen, sich öffnen für Neues. So könnte auch das Motto beim HC Davos auf dem Transfermarkt beschrieben werden. Nygren, der schwedische Abwehrspieler mit Vorwärtsdrang und hartem Schuss sowie Broc Little, quirliger Flügelstürmer aus den USA. Der HC Davos hat nur zwei Transfers getätigt, doch bei beiden Neuzuzügen zogen Beobachter des Schweizer Rekordmeisters die Augenbrauen hoch.

Trainer und Sportchef Arno Del Curto war zweien seiner Credos untreu geworden. Ob Ville Koistinen, Janne Niinimaa, Brett Hauer oder Petteri Nummelin – mit ausländischen Offensivverteidigern wurde er in 21 Jahren Wirken in Davos bislang selten längerfristig glücklich. Und im Angriff hatten in Davos zuletzt vor allem kräftige und gross gewachsene Spieler Tradition – bei Little ist der Name fast schon Programm: Er ist 1,75 Meter gross und 77 Kilogramm schwer.

«Und trotzdem ist Broc einer unserer toughsten Spieler. Er ist der Erste in den Spielfeldecken, wenn die Scheibe dort frei liegt, obwohl er der Kleinste ist. Auch das ist Toughness.» Das sagt nicht Del Curto über Little, sondern Nygren. Den Trainer selbst kümmern die Gedankenspiele um Credos und das, was früher war oder gewesen sein soll, nicht. Das ist auf Del Curtos Art irgendwie trotzdem konsequent, er scheute sich schliesslich noch nie vor Experimenten.

Von Rahimi zu Nygren

Letzte Saison hatte Del Curto mit Daniel Rahimi einen reinen Defensivverteidiger als Importspieler geholt, damit im Schweizer Eishockey-Biotop für Kopfschütteln gesorgt und hätte den Schweden dennoch nicht ungerne ein weiteres Jahr behalten – doch Rahimi wollte zurück in seine Heimat, da die Geburt seiner dritten Tochter bevorstand.

Nun könnte der Wechsel von Rahimi zu Nygren als Sprung vom einen Extrem zum anderen interpretiert werden. Das sieht Del Curto, aber vor allem Nygren selbst anders. Er sei kein eindimensionaler Offensivverteidiger, beteuert der Schwede, der in den letzten vier Jahren in der heimischen SHL-Meisterschaft zweimal der beste Torschütze unter den Verteidigern war. «Ja, ich brauchte ein paar Jahre, um zu lernen, wie man richtig verteidigt», gesteht er. «Aber heute beherrsche ich auch das Unterzahlspiel. Und das macht mich stolz. Denn ich habe grossen Respekt vor den Verteidigern, die im Penalty Killing brillieren oder viele Schüsse blocken.»

Kein cleverer Entscheid

Nygren ist nicht irgendwer, lange galt er in Montreals Organisation als Kandidat für eine Rolle als Offensivverteidiger in der NHL, bis er vor drei Jahren zu Saisonbeginn beim Farmteam in Hamilton kurz nicht aufpasste und in einen harten Check lief. Obwohl er sich unwohl fühlte, beendete er die Partie, was Nygren heute als nicht wirklich cleveren Entscheid beurteilt. Der Spezialist der Canadiens für Schädel-Hirn-Verletzungen empfahl ihm, die erst zehn Spiele alte Saison sofort zu beenden und für eine Weile nicht mehr an Eishockey zu denken.

Nach fast einem Jahr Pause fand Nygren in den letzten beiden Saisons bei seinem Stammclub zu alter Stärke zurück. Als er vor ein paar Monaten den Entschluss fasste, erstmals in seiner Karriere ein Europa-Abenteuer als Importspieler zu wagen, waren diverse Schweizer Clubs hinter ihm her.

Warum er sich für Davos entschied? «Weil ich zu einem Gewinner-Club wollte. Weil mich Arno Del Curto zu einem besseren Spieler machen kann. 21 Jahre im selben Club in einem Business, in dem oft ein paar schlechte Spiele reichen, um erledigt zu sein? Das hat mich beeindruckt.»

Ein Umdenken steht bevor

Das schnelle und wilde Eishockey in der Schweiz sowie Del Curtos Vorstellung vom Spielaufbau mit kürzestmöglichem Scheibenbesitz des Verteidigers – beides birgt Problempotenzial angesichts des Spielstils, den Nygren bei Färjestad gewohnt war: Struktur und Puckkontrolle. Nygren fürchtet diese Umstellung nicht: «Es kann gut sein, dass ich am Anfang Mühe bekunden werde. Aber ich sehe keinen Grund, warum ich hier nicht gut spielen sollte.» Er bittet um Geduld: «Alles ist neu für mich hier. Und egal, ob im Sport oder im richtigen Leben: Niemand ist von Anfang an perfekt.»

Der Vorwurf des Rassismus

Und dann war noch das hier: Nygren sorgte im Frühling für Schlagzeilen der unangenehmen Art. Ein im Internet kursierendes Video zeigt im Nachtleben Karlstads ein Handgemenge mehrerer Männer, die sich zudem auf Schwedisch beschimpfen. Der Verteidiger ist offenbar einer der «Hauptdarsteller».

Gemäss einem schwedischen Medienbericht beleidigt er dabei einen Mann in Zusammenhang mit dessen Hautfarbe, ihm wird im Artikel Rassismus vorgeworfen. Ein Vorfall, den Nygren bereut: «Es geschah nach unserer Abschlussparty nach der Saison, und es war falsch. Ich habe mich mit den involvierten Leuten ausgesprochen, die Sache ist erledigt.»

Gegen einen Vorwurf wehrt sich Nygren vehement: «Ich bin doch kein Rassist. Ich habe viele Freunde in anderen Ländern. Und ich wäre doch nicht in die Schweiz gekommen, wo ich jetzt quasi selbst ein ‹Immigrant› bin.» In Davos hat Nygren sofort für Klarheit sorgen wollen. Gleich an seinem ersten Tag im Landwassertal erklärte er den Vorfall vor der versammelten Mannschaft. «Das Ganze war ein ‹Big Bullshit›. Aber jetzt will ich nur noch nach vorne schauen.»

Erstellt: 02.09.2017, 02:26 Uhr

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