«Ich bin immer noch ein Rebell»

Kevin Fiala erlebt die härteste Zeit seiner jungen NHL-Karriere. Doch Umwege kennt er nur allzu gut.

Kevin Fiala: Es will nicht so recht im Moment.

Kevin Fiala: Es will nicht so recht im Moment. Bild: Mark Humphrey/Keystone

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Vielleicht entschieden die Eis­hockey-Götter vor einem halben Jahr, Kevin Fiala zu testen – ihm den Affen auf den Rücken springen und diesen dort eine ganze Weile zu lassen. Die Redensart beschreibt in Nordamerika persönliche Flauten, beim Eis­hockey-Stürmer den Fluch, das Tor nicht mehr zu treffen.

Vor einem halben Jahr, da war dieser WM-Final, als Fiala in der Verlängerung die grosse Chance verpasste, die Schweiz gegen Schweden zum Weltmeistertitel zu schiessen. Und seither ist es auch beim Club in Nashville wie verhext.

Der 22-Jährige aus Uzwil hat das Talent, der beste Schweizer Torschütze in der NHL zu sein. Doch vor dem 22. Saisonspiel in der Nacht auf Donnerstag hat Fiala bloss zweimal getroffen, ist der Pfosten zum ungewollten Freund geworden, den er immer wieder trifft. Und Fiala erlebte kürzlich unerfreuliche Massnahmen seines Coachs.

Als der Coach genug hatte

Letzten Samstag durfte er nach dem Verschulden eines Gegentors kaum mehr aufs Eis, am Montag fand er sich in der vierten Linie wieder, was in Nashville einer drastischen Reduktion der Eiszeit gleichkommt. Sieben Minuten waren es, nicht einmal die Hälfte der 15, die Fiala zuvor als Fixstarter in den beiden Toplinien durchschnittlich bekommen hatte. Die Nachricht von Cheftrainer Peter Laviolette: Wer vorne nicht produziert und hinten auch noch schadet, soll sich den Platz wieder erkämpfen.

Da hatte der Coach genug gesehen: Kevin Fiala (Nummer 22, unten Mitte) macht bei diesem Gegentor gegen die L.A. Kings gleich zwei Mal keine gute Figur.

Lieber Schweden als Kanada

Gut für Fiala, dass er solche ­Situationen schon gewohnt ist. Dass sehr viel Talent nicht immer nur Vorteile mit sich bringt, hat der Ostschweizer mehr als nur einmal erfahren. «Ich bin immer noch ein Rebell», sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen. Er sagt es angesprochen auf seine wichtigsten beiden Jahre in der Entwicklung zum Profi in Schweden.

2012 war es, als er die Schweiz verliess. Er war 16, er wollte den nächsten Schritt machen auf dem Weg zum Traumziel NHL. Doch er wollte nicht wie so viele Schweizer in die kanadische Juniorenliga. «Dort bist du viel am Reisen und Spielen. Ich wollte aber trainieren, ich war ein kleiner Spieler, wollte grösser und kräftiger werden.» Aber eben, da war auch der Rebell in Fiala.

Und als er in seiner zweiten Saison nach dem Wechsel von ­Malmö zu Jönköping auf den ­Junioren-Coach von HV71 traf, war der Beginn der Beziehung etwas harzig. Der Coach, das war Anders Olsson, heute Assistenztrainer in Biel. Eine seiner Spezialitäten als Juniorencoach war das obligatorische Krafttraining unmittelbar nach den Spielen. «Kevin fand, er brauche das nicht», erinnert sich Olsson, der wiederum fand, dass Fiala dann auch nicht mehr spielen müsse.

Der Tritt in den Hintern

Was nach unüberwindbarem Konflikt tönt, wurde am Ende eine fruchtbare Beziehung zwischen Coach und Spieler. Heute lobt Fiala den Schweden als «grossartigen Trainer, der mir half wie kein anderer; niemand pushte mich derart und trat mir so in den Hintern, wenn ich es brauchte».

Schweden wurde nicht nur wegen des Eishockeys zur zweiten Heimat Fialas, er lernte dort seine Partnerin kennen, die Sommer verbringt er mit ihr grösstenteils im hohen Norden. Und die Jahre in Jönköping machten Fiala zum Sprachtalent, das mittlerweile fliessend auf Deutsch, Englisch, Schwedisch und Tschechisch parliert.

Die Muttersprache von Vater Jan, in der damaligen Tschechoslowakei geboren, bezeichnet Fiala als seine erste Sprache, jene, in der er denkt. Der Fluch, der ihm entfuhr, als er von der Degradierung in der Hierarchie der Predators erfuhr, dürfte also ein tschechischer gewesen sein.

Er habe sich mit Laviolette ausgesprochen, sagt Fiala. Er müsse den Entscheid des Coachs akzeptieren, ja, er habe gar Verständnis. Und findet er jenes Selbstvertrauen wieder, das ihn letzte Saison zu je 26 Toren und Assists trug, dürfte auch sein Coach wieder ein angenehmerer Zeitgenosse werden. Fiala kennt diese Story ja bereits.

Erstellt: 21.11.2018, 20:05 Uhr

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