«Ich bin überzeugt, dass es die Schweiz irgendwann schafft»

Die Jugendfreunde Nino Niederreiter und Enzo Corvi diskutieren über ihre unterschiedlichen Eishockey-Welten in der Schweiz und der NHL.

Ein kurzer Ausschnitt aus dem Doppel-Interview mit Nino Niederreiter (Minnesota Wild, links) und Enzo Corvi (HC Davos). (Video: Kristian Kapp)

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«Chumm, Enzo!», treibt Nino Niederreiter Enzo Corvi an, als sie nach dem HCD-Training vom Eis kommen. Niederreiter muss noch einiges erledigen, denn in einigen Tagen reist er zurück nach Minnesota. Dabei strahlt noch die Sonne wie im Hochsommer. Corvi beeilt sich, schon bald sind die beiden Churer Jugendfreunde frisch geduscht bereit zum gemeinsamen Interview in der Gäste-Garderobe.

War der Sommer als WM- Silberhelden besonders süss?
Nino Niederreiter: Für mich war es ein normaler Sommer, wie jeder andere auch. Es war eine gute WM, aber das hat nichts verändert.
Enzo Corvi: Nach dem Final verspürte ich ein paar Wochen eine Leere. Ich nervte mich, dass wir den WM-Titel so knapp verpasst haben. Erst allmählich realisierte ich, was wir erreicht haben.

Ist Ihnen eine Szene besonders im Kopf geblieben?
Niederreiter: Natürlich hätte ich meinen Penalty im Final gerne verwertet. Aber das kann ich nicht mehr ändern. Also studiere ich nicht mehr gross daran herum.
Corvi: Wir hatten ein paar schöne Momente in Kopenhagen. Nino und ich konnten jeden Match zusammen spielen. Das war wie in einem Kindheitstraum.

Wo haben Sie die Medaille aufbewahrt?
Niederreiter: Die ist bei mir zu Hause im Kinderzimmer. (lacht)
Corvi: Bei mir ist sie auch zu Hause. Ich habe sie noch nicht an die Wand gehängt. Aber sie bekommt sicher ein schönes Plätzchen.

Was sagt WM-Silber aus über das Schweizer Eishockey?
Niederreiter: Dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber wir müssen noch viel lernen, um zu den Top 6 aufzuschliessen.

Was fehlt noch?
Niederreiter: Der Konkurrenzkampf in der Schweiz, den es braucht, um noch mehr gute Spieler herauszubringen. Und in der Juniorenausbildung muss noch besser gearbeitet werden, damit wir näher an Nationen wie Schweden oder Finnland rücken.
Corvi: Für mich hat es einfach zu wenige, die in der Schweiz Hockey spielen. Schweden hat ein x-Faches an Spielern zur Auswahl. Deshalb werden wir es immer schwer haben.

Wie kann man mehr Junge zum Eishockey bringen?
Niederreiter: Eine WM-Silbermedaille hilft den Juniorenabteilungen, dass viele Neulinge das Eishockey entdecken möchten. Aber es wandern auch immer mehr Spieler nach Nordamerika aus. Man muss schauen, dass das Eishockey in der Schweiz attraktiv bleibt.

«Für mich hat es einfach zu wenige, die in der Schweiz Hockey spielen. Schweden hat ein x-Faches an Spielern zur Auswahl. Deshalb werden wir es immer schwer haben.»Enzo Corvi

Der Verband lanciert nun eine Kampagne unter dem Titel «SwissMadeHockey». Was verstehen Sie darunter?
Niederreiter: Wir haben im Nationalteam unter den verschiedenen Coachs immer wieder einen anderen Stil gespielt. Von Ralph Krueger bis zu Sean Simpson. Mit Patrick Fischer haben wir nun die Spielweise gefunden, die wir pflegen sollten: kämpferisch, angriffig, stets bestrebt, Tore zu schiessen, statt nur hinten zu mauern.
Corvi: Das System von Fischi entspricht mir auch. Ich bin ja auch eher ein offensiver Spieler. Dieses Eishockey passt zu unseren läuferischen Stärken. Daher machenwir auch Fortschritte.

Sind Sie, Nino Niederreiter, ein atypischer Schweizer Spieler?
Niederreiter: Schwer zu sagen.
Corvi: Es gibt wenige Schweizer, die sind wie Nino. Er geht vors Tor, dorthin, wo es wehtut. Das ist typisch kanadisch, amerikanisch.

Mussten Sie früh nach Nordamerika ausziehen,um so zu werden?
Niederreiter: Ich kann mich noch erinnern, wie Enzo und ich als Junioren in Chur spielten. Er war schon damals der Playmaker, ich zog aufs Tor und wartete, bis er mir den Pass spielte ...
Corvi (unterbricht lachend): Das ist nicht wahr! Du warst früher schon ein anderer Spieler als heute. Wir verstanden uns einfach gut und passten den Puck hin und her.

Nino Niederreiter, wieso gibt es so wenige Spieler in der Schweiz, die so sind wie Sie?
Niederreiter: Mein Stil hat wohl auch mit meiner Grösse zu tun.

Es war immer Ihr Naturell, Richtung Tor zu ziehen?
Niederreiter: Ich schoss schon immer am liebsten Tore. Und die Chance, Tore zu schiessen, ist am grössten, wenn du vors Tor gehst.

Enzo Corvi, Sie sagten einmal, Sie würden den Pass dem Schuss vorziehen, weil Sie befürchteten, Ihr Kollege ärgere sich, wenn Sie ihm den Puck nicht spielen. Stimmt das?
Corvi: Vor zwei, drei Jahren hatte ich das noch, ja. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, wenn ich den Pass nicht spielte. Aber das hat sich mittlerweile geändert. Jetzt übernehme ich selber Verantwortung, probiere, öfter zu schiessen.

Patrick Fischer arbeitet gerne mit nationalen Symbolen. Finden Sie es gut, dass ein Schweizer Nationalcoach ist?
Corvi: Ich habe schon mehr Freude, wenn ein Schweizer mein Trainer ist. So kann ich mich auch gut verständigen mit ihm. Ich spreche ja nicht so gut Englisch. Dass Fischi Nationalcoach wurde, hat mir schon einen Ruck gegeben.
Niederreiter: Mir gefällt das Eishockey, das er spielen lässt. Aber der Grund, wieso die meisten von uns Spielern aus Nordamerika ins Nationalteam kommen, ist der Stolz, für unser Land zu spielen. Und jetzt, da Enzo dabei ist, macht es mir noch mehr Freude.

Enzo Corvi, verfolgten Sie den Weg Niederreiters nach Nordamerika?
Corvi: Drei Jahre, nachdem er nach Übersee ging, wechselte ich nach Davos. Wir hatten damals etwas den Kontakt verloren. Aber ich verfolgte schon, was er da drübenso trieb.
Niederreiter: Als ich von Chur nach Davos wechselte und dann nach Nordamerika, sahen wir uns kaum mehr. Aber danach trafen wiruns jeweils wieder im Sommer in Davos. Nun teilten wir im Nationalteam das Zimmer. Wir hatten es recht lustig.

«Der Grund, wieso die meisten von uns Spielern aus Nordamerika ins Nationalteam kommen, ist der Stolz, für unser Land zu spielen.»Nino Niederreiter

Würde Corvi mit seinem Spielstil in die NHL passen?
Niederreiter: Auf jeden Fall. Es liegt an ihm, ob er rüber will oder nicht. Er ist ein hervorragender Spieler.
Corvi: Ich glaube, ich werde nie in der NHL spielen. Ich fühle mich in der Schweiz wohl, hier habe ich alles. Wieso nicht hierbleiben? Wir haben auch eine gute Liga.

Nino Niedereiter, vermissen Sie in der NHL das Eishockey, das hier gespielt wird? Etwas offener, freier?
Niederreiter: Natürlich. Es ist ein anderes Hockey in der NHL. Der Konkurrenzkampf ist riesig, du kannst dir nicht viel erlauben. Du spielst hier in der Schweiz schon mit einer anderen Freude als drüben.

Enzo Corvi, würde es Ihnen die Freude nehmen, in einem starren taktischen Korsett spielen zu müssen? Corvi: Ja, das würde es. Wir haben in Davos schon ein System, aber wir sind recht frei.

Wie könnte Niederreiter Sie überzeugen, es trotzdem zu probieren in der NHL?
Corvi: Gar nicht.

Sie legten in den letzten zwei, drei Jahren einen weiten Weg zurück, vom Mitläufer zum Nationalspieler. Fanden Sie da erst heraus, wie gut Sie sein können? Corvi: Ich war ein Spätzünder. Als ich nach Davos kam, war ich 1,70 gross und 60 Kilo. Da musste ich mir schon noch ein paar Muskeln antrainieren, um in der Liga mithalten zu können.

Sie entschieden sich andersals Niederreiter für den konservativen Weg, blieben in Chur und setzten Ihre Lehre als Heizungsmonteur fort. Haben Sie die Lehre abgeschlossen? Corvi: Nein. Ich hätte noch ein Jahr gehabt. Ich musste mich entscheiden. Hätte ich nicht mit 19 nach Davos gewechselt, wäre ich jetzt wahrscheinlich nicht hier.

«Ich war ein Spätzünder. Als ich nach Davos kam, war ich 1,70 gross und 60 Kilo. Da musste ich mir schon noch ein paar Muskeln antrainieren, um in der Liga mithalten zu können.»
Enzo Corvi

Welche Eigenschaft von Corvi hätten Sie gerne, Nino Niederreiter? Niederreiter: Seinen Spielwitz, seine Technik, das Passen. Eigentlich fast alles. (lacht)
Corvi: Schön, das von einem gestandenen NHL-Spieler wie dir zu hören.

Was hätten Sie von Niederreiter gerne?
Corvi: Den Zug aufs Tor, die Zweikampfstärke und die Effizienz vor dem Tor.

Nino Niederreiter, Sie sind ein familienorientierter Mensch.Wie war es für Sie, mit 17 nach Nordamerika auszuziehen?
Niederreiter: Sehr schwer. Vor allem, weil ich zuerst an der Westküste spielte, mit neun Stunden Zeitdifferenz zur Schweiz. Meine Eltern und meine Schwester hörte ich da nicht so oft, wie ich wollte. Noch heute fällt es mir schwer, wenn ich nach dem Sommer nach Nordamerika aufbreche. Weil ich meine Heimat und meine Kollegen so sehr vermisse. Sobald die Saison fertig ist, komme ich zurück. Ich werde nach der Karriere sicher wieder in der Schweiz leben.

Was ist das Schönste unddas Mühsamste im Leben eines NHL-Spielers?
Niederreiter: Das Mühsamste ist, rüberzugehen und zu wissen, du bist nun wieder acht Monate weg von der Schweiz. Und die Reiserei, das anstrengende Pensum mit drei, vier Spielen pro Woche. Das Schöne ist die ganze Atmosphäre. Jedes Stadion ist voll. Und es ist halt schon eine sehr gute Liga.

Was ist das Schöne an der Schweizer Liga?
Corvi: Was meinst du, Nino?
Niederreiter: Die Fans sind hier sicher ganz anders dabei, mit dem Singen, der Fankultur.
Corvi: Das auf jeden Fall.
Niederreiter: Und du schläfst jeden Abend im eigenen Bett. Auch nicht schlecht, oder?
Corvi: Ja, stimmt. Du musst nicht so lange Reisen machen. Ausser du spielst in Davos. (lacht)

Wenn Sie hören: New York, Montreal, Toronto, Los Angeles. Reizt Sie das wirklich nicht?
Corvi: Doch, schon. Vielleicht gehe ich mal als Zuschauer rüber. (lacht) Nein, ich bin mental zu schwach, um mich dort drüben durchzubeissen. So einfach, wie alle meinen, ist es dann doch nicht.

Nino Niederreiter, wie gingen Sie im Sommer mit den Transfergerüchten um Sie um?
Niederreiter: Mittlerweile bin ich es gewöhnt. Jeden Sommer läuft etwas. Aber ich probiere, nicht gross über Dinge nachzudenken, die ich nicht kontrollieren kann. Sicher wäre es cool, könnte man in der NHL den Club frei wählen wie in der Schweiz. Doch das Schweizer System, dass man schon ein Jahr vor Ablauf des Vertrags bei einem anderen Club unterschreiben kann, ist auch nicht ideal.Da sind Anpassungen nötig.

Reizte es Sie nicht, im Sommer mit Minnesotas neuem General Manager Paul Fenton Kontakt aufzunehmen?
Niederreiter: Das würde ich nie tun! In Amerika ist es so: Wenn man nichts hört, ist es gut.

Enzo Corvi, Sie haben die Qual der Wahl. Ihr Vertrag beim HCD läuft 2019 aus, die Topclubs buhlen bereits um Sie.
Corvi: Ich habe mir noch nicht gross Gedanken gemacht. (Niederreiter lacht.) Wieso lachst du, Nino? Nein, wirklich. Ich habe noch für dieses Jahr einen Vertrag in Davos und will mit dem HCD so viel wie möglich erreichen.

«Mit Minnesotas neuem General Manager Kontakt aufnehmen? Das würde ich nie tun! In Amerika ist es so: Wenn man nichts hört, ist es gut.»
Nino Niederreiter

Könnten Sie sich ausserhalb des Kantons Graubünden vorstellen?
Corvi: Wie gesagt: Ich weiss es nicht.

Bald könnte man Nino Niederreiter auch in der Schweiz sehen. 2020 droht in der NHL der Lockout.
Niederreiter: Dann wäre das 100-jährige Jubiläum des HCD.

Also perfekt für eine Gastsaison beim HCD.
Niederreiter: Perfekt? Ich hätte lieber keinen Lockout.

Entschädigt der hohe Lohn in der NHL für die Ungewissheitim Sommer?
Niederreiter: Ja. Aber ich kann gut damit umgehen. Ich wollte auch bewusst keine Vertragsklausel, die es Minnesota verbietet, mich zu transferieren. Denn ich will für ein Team spielen, das mich will.

In der anstehenden Saison verdienen Sie über sechs Millionen Dollar. Fühlen Sie sich dadurch mehr unter Druck?
Niederreiter: Nein. Es ist schön, dass Geld reinkommt. Aber ich weiss genau, was ich will. Ich will eine bessere Saison haben und verletzungsfrei bleiben. Ich habe mich sehr gut vorbereitet.

Wäre es in der Schweiz auch denkbar, dass die Löhne offengelegt würden?
Corvi: Mich persönlich würde es nicht stören. Aber ob es praktikabel ist, weiss ich nicht.

Wie erleben Sie die letzten Wochen vor dem Saisonstart?
Niederreiter: Ich verlasse die Schweiz immer ungern. Aber sobald der Alltag drüben wieder einsetzt, freue ich mich auch wieder.
Corvi: Meine Vorfreude ist gross. Es war ein solch langer Sommer. Diesmal war er noch länger. Zum Glück geht es bald los.

Wer wird Schweizer Meister?
Corvi: Davos.

Und wer holt den Stanley-Cup?
Niederreiter: Minnesota. (lacht) Und natürlich hoffe ich, dass in der Schweiz Davos gewinnt. Das ist ganz klar.

Enzo Corvi, haben Sie ein Lieblingsteam in der NHL?
Corvi: Ich würde es Nino auch gönnen, dass er endlich einmal (Gelächter) ... Also dass er einmal den Stanley-Cup gewinnt. Aber ich habe mich nicht so damit auseinandergesetzt, welches Team sich verstärkt hat. Früher spielte ich beim NHL-Game immer mit Tampa Bay, weil es die besten Spieler hatte.
Niederreiter: Ich nahm die Mighty Ducks, weil mir das Logo gefiel. Aber das ist schon ewig her.

Und wann wird die Schweiz Weltmeister?
Niederreiter: Ich hoffe, ich darf es noch erleben. Also auf dem Eis, meine ich.
Corvi: An der Heim-WM 2020, das wäre cool. Irgendwann schafft es die Schweiz, da bin ich überzeugt.

Erstellt: 16.09.2018, 14:08 Uhr

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