«In Bern sind die Leute verwöhnt»

Der SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi (57) spricht über modernes Eishockey, populäre Trainer und verwöhnte Berner.

«Viel besser geht nicht»: Marc Lüthi am Morgen nach der Meisterfeier. <i>(Foto: Enrique Muñoz García)</i>

«Viel besser geht nicht»: Marc Lüthi am Morgen nach der Meisterfeier. (Foto: Enrique Muñoz García)

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Sie liefen nach dem Titelgewinn als einziger Berner mit ernstem Blick durch die Katakomben. Ist der 16. Meistertitel so schlimm?
Marc Lüthi: (lacht) Nein, er ist so schön. Aber die Zeit zum Geniessen kommt nach dem Meisterumzug vom Samstag, wenn alles vorbei ist. Bis zu diesem Moment wird eine gewisse Anspannung da sein. Mir ist wichtig, dass bei den Feierlichkeiten nichts Unschönes passiert. Wir wollen keine Skandale, nicht einmal Skandälchen.

In der Meisternacht wurde immerhin kein Zug-Schal verbrannt.
Diesen Status hat sich der EVZ noch nicht erarbeitet (lacht). Im Ernst: Solche Dinge meine ich.

Jeder Titel hat eine Geschichte. Welches ist die Geschichte hinter diesem?
Es gab viele «Side Effects», Widerwärtigkeiten, mit denen die Mannschaft konfrontiert wurde. Aber sie stand zusammen.

Woran denken Sie?
An familiäre Schicksale wie bei Mursak und Rüfenacht, an die Leidensgeschichte von Untersander, die schwere Verletzung von Grassi im Playoff, die angezettelten Schablonenhockey-Storys: All diese Dinge konnte das Team zur Seite räumen. Es flossen auch mal Tränen, aber abgestürzt ist keiner, weil er vom Team aufgefangen wurde.

Welche Rolle spielte Trainer Kari Jalonen?
Er hat seinen Ruf als Erfolgstrainer bestätigt. Ich finde nicht alles gut, was er macht. Aber mein Job ist es nicht, alles gut zu finden. Mein Job ist es, unangenehme Fragen zu stellen. Und der Job der sportlichen Führung um Alex Chatelain ist es, mir zu erklären und zu begründen, weshalb wir auf dem richtigen Weg sind.

Welche unangenehmen Fragen haben Sie gestellt?
Ich lese, was in den Medien und in den Foren geschrieben wird. Ich verstehe mich als Anwalt der Fans. Es waren Fragen zum Thema System, Eiszeiten. Ich musste lernen, dass im Playoff kein gegnerischer Coach so flexibel war wie Kari. Er hat immer wieder kleine Dinge justiert. Im Viertelfinal haben die Genfer ihre Haut so teuer wie möglich verkauft. Gegen Biel lagen wir 0:2 und 2:3 zurück. Kari passte das System an, der 1:0-Erfolg im sechsten Spiel in Biel war herausragend. Und natürlich ist entscheidend, dass es in diesem Team viele Charakterköpfe hat.

«Das Team war im Playoff nicht von Anfang an bereit.»

Der starke Kern an Führungsspielern ist das grosse Plus.
Sven Leuenberger hat die Strategie eingeführt, Alex Chatelain setzt sie unbeirrt von jeder Kritik fort: Charakter vor Talent.

Im Gegensatz zum Umfeld und zu den Fans hat die Mannschaft gezeigt, dass sie der Erfolg nicht satt gemacht hat.
Das Team war im Playoff nicht von Anfang an bereit. Es zog das «Qualihockey» weiter, während die Konkurrenz eine Schippe drauflegte. Uns gelang das mit Verspätung. Aber es gelang.

Biel und Zug feierten Hockeyfeste. Für die Organisation SCB schien es «Business as usual» zu sein, um den Titel zu spielen.
Das stimmt nicht. Aber warum hat Basel Probleme? Warum hat Real Madrid Probleme? Das sind ebenfalls vom Erfolg gesättigte Organisationen. Wir haben seit 2010 in 6 Finals gespielt und 5 Titel geholt. Viel besser geht nicht.

Der perfekte Zeitpunkt für Sie zum Aufhören.
Nein. Es stehen extreme Herausforderungen an. Und mich reizt es immer dann, wenn es am schwierigsten ist.

Sie denken an das Finanzierungsmodell mit der Gastronomie, die den Sport quersubventioniert. Es stösst an Grenzen.
Eine jener Personen, von denen ich der grösste Fan bin, ist auf dem Höhepunkt nach acht Meistertiteln abgetreten. Was passierte mit der Organisation? Sie kam in eine schwierige Phase. Genau in solchen Momenten braucht es erfahrene Leute, welche die Herausforderung annehmen.

Also hätte Bernhard Heusler den FC Basel nicht verlassen sollen?
Ja.

«Wir müssen Geld auftreiben. Punkt.»

Haben Sie ihm das so gesagt?
Ja.

Nochmals: Mit dem bestehenden Geschäftsmodell kann der SCB nicht weiter wachsen.
Das stimmt. Wir müssen neue Finanzquellen erschliessen, die uns helfen, mittel- und langfristig mit den Clubs mitzuhalten, die von Mäzenen unterstützt werden.

An was für Quellen denken Sie?
Wir müssen Geld auftreiben. Punkt.

In welche Richtung führen die Überlegungen?
Wir müssen zuerst Leute finden, die uns helfen.

Also doch Mäzene?
Nein. Aber Leute, die bereit sind, ein bisschen etwas zu investieren.

Wofür?
Das ist nicht spruchreif.

Sie könnten diese Plattform nutzen und zum ersten Mal darüber sprechen?
Nein, es ist zu früh.

«Müssen wir eine neue Halle bauen? Solche Fragen beschäftigen uns.»

Punkto Stadioneinnahmen scheint der Plafond ebenfalls erreicht. Offenbar existieren Pläne für einen Neubau. SCB-Legende Renato Tosio hat gesagt, der SCB dürfe nie auf die Stehrampe verzichten. Sie sei ein Teil des Mythos SCB.
In den nächsten 10 Jahren wird nichts passieren. Danach läuft der Vertrag aus. Unsere Pflicht ist es vorauszudenken: Müssen wir eine neue Halle bauen? Die bestehende Halle komplett schliessen und klimatisieren? Braucht es einen Rundgang, wie er in modernen Stadien gang und gäbe ist? Sind 10 000 Stehplätze noch opportun, oder würden 7000 reichen? Diese Fragen beschäftigen uns.

Die Stehrampe ist ein wichtiges Verhandlungsargument gegenüber Sponsoren. Sie war so schlecht besetzt wie seit Jahren nicht mehr.
Die «No shows» auf den Stehplätzen sind gegenüber dem Vorjahr um rund 10 Prozent gestiegen. Wir sprechen von 400 bis 500 Leuten im Schnitt. Es gibt Eventtouristen. Dass diese den Event vermehrt auch auf der anderen Seite der Papiermühlestrasse bei YB suchen, das ist legitim.

Apropos «No shows»: Hat der SCB zu wenig Show geboten?
Punkto Rahmenprogramm sind wir daran, gewisse Veränderungen vorzunehmen. Vor dem Playoff verfolgte ein renommierter Manager eine Diskussion unter Fans, ob die Würste noch gut genug seien. Er sagte zu mir: «Läck, haben eure Fans Probleme. Ihr habt vieles richtig gemacht.» Wir arbeiten am Produkt. Aber gutes Hockey muss die Basis sein.

«Die Leute in Bern sind verwöhnt.»

Sie haben sich als Anwalt der Fans bezeichnet. Ihre Klienten kritisierten den Trainer während Monaten. Nach dem Titel wurde Jalonens Name skandiert. Was ging Ihnen durch den Kopf?
Dass die Leute in Bern verwöhnt sind. Am Ostersamstag sagte mir einer nach dem zweiten Drittel im Lift: «Ihr müsst nicht nur hinten reinstehen!» In der Folge haben wir gesehen, weshalb es hilfreich ist, dass man hinten reinstehen und zumachen kann. Ohne diese Qualität hätten wir das fünfte Finalspiel verloren. Wenn man das Fan-Herz zur Seite legt, gibt es an dieser Saison nichts auszusetzen.

Sie sind aber ein Verfechter von Unterhaltung. Nehmen Sie die Kritik punkto Langeweile ernst?
Die nehme ich sehr ernst. Aber es war nicht langweilig. Klar macht ein Wochenende mit zwei 2:1-Siegen gegen Rapperswil keine Freude. Aber das Playoff hat für vieles entschädigt.

Also keine Langeweile?
Ausserhalb der Schweiz erklärt man mir, Kari Jalonen lasse das modernste Eishockey spielen. Nur Vollgas in die Offensive gehen und verlieren: nein danke! Die Zeit der Big Bad Bears ist vorbei. Solches Eishockey führt heutzutage nicht mehr zum Erfolg. Das musste auch ich lernen.

Wird Jalonen demnach als erster Trainer der Ära Lüthi beim SCB eine vierte Saison in Angriff nehmen?
Er hat einen Vertrag. Ein Abgang ist kein Thema. Ausser ein stinkreicher KHL-Club legt Millionen auf den Tisch.

«Kari Jalonen ist vom Charakter her ein Mensch, der Verträge einhält.»

Würden Sie ihn gehen lassen?
Das ist eine hypothetische Frage. Kari ist vom Charakter her ein Mensch, der Verträge einhält. Aber geniessen wir doch nun den Moment. Es werden genug Herausforderungen auf uns zukommen.

Zum Beispiel im Tor.
Wir werden mit Schlegel und Caminada zwei gute Goalies haben, die beweisen müssen, dass sie Meistergoalies sein können. Mit Wüthrich steht einer in der Pipeline, der soeben eine Liga tiefer Meister geworden ist. Wir brauchen ein System, welches den Goalies hilft. Das haben wir dank Kari. Es wird gut kommen.

Schliessen Sie aus, dass im Verlauf der nächsten Saison Arno Del Curto oder Chris McSorley in Bern an der Bande stehen werden?
(lacht laut) Ich gehe davon aus, dass wir die nächste Saison mit Kari in Angriff nehmen und hoffentlich Mitte April mit ihm abschliessen werden.

Und danach McSorley holen?
Sag niemals nie.

Oder der ewigen Verlockung Arno erliegen.
Nein.

Erstellt: 23.04.2019, 09:06 Uhr

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