In der Backstube der WM-Pucks

Nur sieben Personen kennen das Geheimrezept, nach dem in einem kleinen Dorf in der Walachei die besten Pucks der Welt hergestellt werden.

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Das idyllische Dorf Katerinice liegt im Südosten Tschechiens, 30 Kilometer von der Grenze zur Slowakei. Die Häuser schlängeln sich der Strasse entlang, und die folgt dem Lauf eines Bachs, über den viele kleine Brücken führen. Auf beiden Seiten ist es von Hügeln und Waldstücken umrahmt, die Gärten sind gepflegt, auf Feldern grasen Schafe. Es hat ein paar Gasthäuser, ein Schulhaus, einen Fussballplatz mit kleiner, überdachter Tribüne. In der Mitte steht das Rathaus, daneben das Gebäude der Feuerwehr. Ländliche Idylle. 1042 Einwohner. Solche Dörfer gibt es Hunderte in Tschechien.

Doch Katerinice beheimatet ­etwas Besonderes: die Puck­fabrik Gufex. Wer nach Katerinice fährt, droht sie zu verpassen. Noch vor dem Dorfeingang geht es links ab, angezeigt nur durch ein blaugelbes Schild an einer Wellblech-Wand. Nach 100 Metern taucht sie auf, die Hütte, in der die angeblich besten Pucks der Welt hergestellt werden. Daneben wird gebaut. «Tut mit leid, es ist etwas unordentlich hier», entschuldigt sich Vojtech Zubicek, der auch gerade gekommen ist. Er ist der Bürgermeister und Ehemann der Gufex-Direktorin Katerina ­Zubickova. «Wir bauen ein neues Gebäude für die Büros und die Druckerei.» Er stöhnt: «Drei Jahre mussten wir auf die Bewilligung warten.»

Würde nicht eine Blache am ­Fabrikgebäude signalisieren, dass hier der offizielle Partner des Eishockey-Weltverbands seine Pucks produziert, man würde nicht darauf kommen. Drinnen herrscht so richtige Fabrikatmosphäre. In Kisten liegen Tausende schwarze Klumpen, das Rohmaterial. Sie sind ähnlich wie Knete, wenn man sie in die Hand nimmt, aber fester und schwerer. «Jedes Stück ist 180 Gramm schwer», erklärt Vojtech. «Die Abweichung darf höchstens drei Gramm betragen.»

Es ist ein bisschen wie das Backen von Muffins

Ein Arbeiter öffnet nebenan gerade die Presse, es steigt ein leichter Geruch von Gummi in die Nase. 38 Pucks sind soeben gebacken worden, vulkanisiert im Fachjargon. Es erinnert ans Backen von Muffins. Die Klumpen werden in eine Form gegeben und bei 180 Grad zwölf Minuten erhitzt. Der kleine Unterschied: Muffins werden nicht mit enormem Druck in die Form gepresst – und sie duften feiner, wenn sie herauskommen. «Die Dämpfe sind nicht giftig, das lassen wir überprüfen», sagt Katerina. Danach wird das überschüssige Material, das bei der Vulkanisierung übergelaufen ist, abgeschabt und werden die Pucks überprüft, ehe sie zum Auskühlen einen Tag stehen gelassen werden.

Das grosse Geheimnis ist die Zusammensetzung des Rohmaterials. «Nur sieben Leute kennen sie», sagt Katerina. Darunter drei Arbeiter beim Zulieferer, die eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben mussten. Den Vergleich mit dem Geheimrezept von Coca-Cola findet Vojtech nicht passend. «Ich würde eher sagen wie Becherovka», sagt er und lacht schallend. Der Kräuterlikör aus der grünen Flasche ist hier sehr beliebt.

Firmengründer Pavel Mracek, der Stiefvater der heutigen Direktorin, entwickelte die Mischung zu Beginn der Neunzigerjahre in zweijährigem Tüfteln. Seitdem blieb sie unverändert. Die besonderen Eigenschaften der ­Gufex-Pucks sind, dass sie kaum schwarze Streifen an den Banden hinterlassen und das Plexiglas nicht zerbrechen, weil sie elastischer sind.

Deshalb wurden sie 1998 in Nagano erstmals an den Olympischen Spielen verwendet, im folgenden Jahr wurde Gufex Partner des IIHF. Der Vertrag wurde immer wieder verlängert, aktuell läuft er bis 2020. «Von der Menge her machen die Pucks für den Hockey-Weltverband nicht viel aus, es sind rund 20 000 pro Jahr», sagt Katerina. «Aber die Partnerschaft ist für uns gute Publicity und zeigt, dass auf uns Verlass ist.» Auch die ­kontinentalrussische KHL setzt auf Gufex-Pucks.

Aus dem Dorf in die weite Welt

Rund 1,2 Millionen stellt die kleine Fabrik jährlich her, sie exportiert sie in über 50 Länder, auch nach Mexiko, Thailand, Dubai oder Australien. «Im neuen Büro sollten wir eine Weltkarte aufhängen und alle diese Länder markieren», sagt Vojtech und lacht. Ja, die weite Welt. Eigentlich wollten Katerina und Vojtech, die sich schon über 22 Jahre kennen und heute drei Kinder haben, sie nach ihren Studien in Brünn bereisen. Für ein, zwei Jahre. Doch dann starb 2004 Katerinas Stiefvater, und es wurde nichts daraus.

«Eine tragische Geschichte», sagt sie und schüttelt den Kopf. «Es ging so schnell. Drei Monate.» ­Vojtech wirft ein: «Ein Tumor.» Sie fährt fort: «Er wollte unbedingt, dass wir seine Firma weiterführen. Sie war sein Baby. Wir hatten nur drei Monate Zeit, in denen er uns alles beibringen konnte. Ich glaube, er wäre stolz, wenn er uns heute sehen würde.» Katerina ist seit 2015 die Direktorin, sie übernahm von ihrer drei Jahre älteren Schwester. Gufex gehört drei Frauen: Katerina, der Schwester und ihrer Mutter.

Sie habe einst andere Träume gehabt, als eine Puckfabrik zu führen, sagt die 40-Jährige. Aber nun scheint sie ganz zufrieden mit ihrem Leben. Und gerne erzählt sie, wie Gufex einst entstand. Wie ihr Stiefvater 1990, nach der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei, dem Übergang vom Realsozialismus zur ­Demokratie, als Erster im Dorf eine Zulassung für eine Firma beantragte und in einer kleinen Garage begann, Produkte aus Gummi herzustellen wie Fussmatten, Dichtungen, Spachtel.

Das Geheimrezept mit Vsetins Hockeyanern entwickelt

Als der lokale Eishockeyclub aus der walachischen Metropole Vsetin, der nur neun Kilometer entfernt ist, 1994 in die höchste Liga aufstieg, fragten ihn seine Freunde: «Wieso machst du eigentlich keine Pucks?» So entwickelte er in Zusammenarbeit mit den ­Hockeyanern das Geheimrezept. Immer wieder fuhr er zur Eisbahn, um die Pucks testen zu lassen. Er veränderte die Zusammensetzung, bis sie perfekt war. Vsetin wurde eine Macht im tschechischen Eishockey, mit sechs Titeln von 1995 bis 2001. Zurzeit spielt es in der zweithöchsten Liga. «Aber natürlich drücken wir dem Team weiter die Daumen», sagt Vojtech.

Sind die Pucks ausgekühlt, werden sie in einer modernen Maschine abgeschliffen. Dann werden sie bedruckt per Laserprinter. «Über 1000 verschiedene Sujets drucken wir pro Jahr», erklärt Katerina. Auch Kleinstproduktionen von 50 Stück mit Familienfotos oder zum 50. Hochzeitstag. Nach dem Druck werden die Pucks ein letztes Mal kontrolliert. Mangelhafte werden verschenkt, beispielsweise an Juniorenabteilungen.

Gearbeitet wird in Katerinice in zwei Schichten: die erste von 5 bis 13 Uhr, die zweite von 13 bis 21 Uhr. Hier ist alles sehr familiär. Die Chefin hat ihr Büro übergangsweise in einem Container. Gufex hat neun Angestellte, im neuen Gebäude sollen auch Arbeitsplätze für Behinderte entstehen. «Wir wollen wachsen, aber nicht zu stark», sagt Katerina. «Wir wollen eine Familienfirma bleiben. Das Maximum sind 20 Angestellte.»

Gufex ist einer von sechs Puckherstellern der Welt, der viertgrösste. In einer Fabrik in der ­Slowakei, die mit Partnern aus Nordamerika und der NHL zusammenarbeitet, werden jährlich über sechs Millionen Pucks produziert.

Der Lieblingspuck? Jener von Nagano 1998, signiert von Jagr

Und welches ist der Lieblingspuck von Katerina und Vojtech? Er holt einen von Nagano 1998, signiert von Jaromir Jagr. «Die Pucks aus den Jahren, in denen Tschechien gewann, liegen uns am meisten am Herzen», sagt er. Sie nickt. «Nun ist es schon neun Jahre her seit dem letzten Titel.» Sie sind bereits dreimal die 200 Kilometer nach Bratislava gefahren, um sich ein Tschechien-Spiel anzuschauen.

Zum Abschied wird der Reporter mit einer Flasche Sliwowitz aus Pflaumen aus dem Garten des Bürgermeisters beschenkt. Und drei Pucks aus der Serie der aktuellen WM. «Ich hoffe, sie werden einen ganz speziellen Platz in unseren Herzen erhalten», sagt Vojtech und lacht schallend.

Erstellt: 20.05.2019, 14:23 Uhr

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