Je weniger er auf dem Eis denkt, desto besser

Simon Bodenmann behagt der neue, laufbetonte ZSC-Stil sehr – mit 31 ist er auf Kurs für seine beste Saison. Daneben hat er gerade den Masterabschluss gemacht.

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Wer sich mit Simon Bodenmann unterhält, glaubt schnell zu ahnen, dieser sei nicht auf den Kopf gefallen. Doch das stimmt so nicht. Denn bei seinen ersten Gehversuchen im Eishockey fiel er tatsächlich auf den Kopf, auf den Hinterkopf. Das war bei einem Schnupperkurs in den Herbstferien beim EHC Winterthur, damals war er sieben oder acht. Er glitt rücklings um, verlor kurz das Bewusstsein, wachte auf dem Schoss seiner Mutter wieder auf und weinte bitterlich.

«Das schreckte mich aber nicht ab», sagt er schmunzelnd. «Ich hatte eine Riesenfreude am Eishockey und trat kurz darauf dem EHC bei. Doch was wir daraus lernten: Wir kauften sofort einen Helm, um meinen Kopf zu schützen.» Einen blauen. Was sie nicht wussten: Beim EHC trugen alle einen roten Helm. «Ich fuhr also eine Weile mit dem falschen Helm herum. Meinen Eltern war das gerade recht. So erkannten sie mich gleich, wenn sie zuschauten.»

Der Sturz hinterliess keine bleibenden Schäden, wie seine universitäre Karriere zeigt: Im Sommer hat er an der Fern-Fachhochschule in Regensdorf den Masterabschluss in Betriebswirtschaft gemacht. Nach acht Jahren Studium und zusammen mit drei anderen Hockeyanern: mit dem Teamkollegen und früheren WG-Partner Lukas Flüeler, mit Leonardo Genoni (Zug) und Roman Schlagenhauf (Lakers). Die 60-seitige Masterarbeit schrieb er über ein aktuelles Thema: über die Sharing Economy am Beispiel des Bikesharing in Zürich.

«Eishockey hatte immer Priorität»

Es habe geholfen, dass sie als Hockeyaner zu viert gewesen seien, sagt Bodenmann. Wenn einer die Lektionen am Montagabend verpasst habe, habe er die Unterlagen von den anderen erhalten. «Aber natürlich hatte das Eishockey immer Priorität für mich», betont er pflichtschuldigst. Er habe sogar das Gefühl, das Studium sei seiner Karriere zuträglich gewesen. «Mir tat es gut, wenn ich ein Buch aufschlagen und das Eishockey vergessen konnte. Sonst mache ich mir zu viele Gedanken.»

Vor allem letzten Winter tat Ablenkung Not: «Obschon es für mich punktemässig eine ordentliche Saison war, fühlte es sich an, als ob ich drei Lastwagen hinter mir herziehen würde. Uns fehlte der Fluss, der uns jetzt so auszeichnet.» Je weniger er auf dem Eis studiere, desto besser.

Den Entscheid, vom SCB zum ZSC zu wechseln, braucht er mittlerweile nicht mehr zu bereuen. Auch wenn man ihm vorhalten könnte, sein Timing sei zuletzt nicht optimal gewesen: 2018 spielte er für die Berner, als der ZSC Meister wurde. 2019 für die Zürcher, als der SCB siegte.

Die gemütliche Sportstadt

«Ach, ich kann mich nicht beklagen», sagt er. Er zog 2015 von Kloten nach Bern, um erstmals Meister zu werden – und schaffte dies in den ersten beiden Jahren. Er habe eine sehr schöne Zeit gehabt in Bern, betont der 31-Jährige. Er wohnte im Lorrainequartier nahe der Aare und sah klassische Klischees bestätigt: «Es geht da schon ein Stück gemütlicher zu und her als in Zürich.» Beeindruckt war er von der Sportbegeisterung: «In Bern ist jeder entweder SCB- oder YB- Fan. Oder beides.»

«Da kam es vor, dass einer im Coop zu mir sagte: ‹Morgen ist Match. Achte ein bisschen darauf, was du isst!›»Simon Bodenmann

Als es in seinem ersten Berner Jahr lange nicht so gut lief, wurde er beim Einkaufen ab und zu angesprochen: «Da kam es vor, dass einer im Coop zu mir sagte: ‹Morgen ist Match. Achte ein bisschen darauf, was du isst!›» Dafür sei das Wohlwollen dann umso grösser gewesen, als der SCB erfolgreich gespielt habe. Und das war mit Bodenmann ja meistens der Fall.

Den Wechsel nach Zürich betrachtet er als eine Art Heimkehr, obschon er zuvor noch nie für den ZSC gespielt hat. «Hier sind alle meine Kollegen und die Familie in der Nähe.» Die Stadt Zürich hat es ihm angetan, inzwischen wohnt er in Wiedikon und schätzt die vielen Angebote, beispielsweise an Restaurants. Und hier kann er sich ganz inkognito bewegen. «Im Coop Lochergut erkannte mich jedenfalls noch nie jemand», sagt er schmunzelnd.

Fast identisch ist die hohe Erwartungshaltung bei beiden Clubs. Und bei beiden erlebt(e) er zwei nordländische Trainer. Punkto Akribie seien Kari Jalonen und Rikard Grönborg gut vergleichbar. Und sie seien auch ähnlich im Umgang mit den Spielern, würden stets eine gewisse Distanz wahren. «Ich habe das gerne», sagt Bodenmann. «Ich bin nicht gerne zu nahe beim Trainer, schliesslich ist er mein Chef und muss mir sagen, was ich falsch mache.»

Unterschiedliche Spielphilosophien

Was die Spielphilosophie betrifft, unterscheiden sich Jalonen und Grönborg aber stark. Setzt der Finne auf sein 3-2-System, das darauf abzielt, die Mittelzone zuzumachen, lässt Grönborg ein viel offensiveres Eishockey spielen: «Wir marschieren immer, lassen dem Gegner nie Zeit, sich zu organisieren. Das bedeutet viel mehr Schlittschuh laufen für uns alle, denn wenn der Erste nach vorne prescht, muss auch der Zweite nachrücken und die Verteidiger ebenfalls.»

Es ist ein Eishockey, das Bodenmann Spass macht und mit seinen läuferischen Qualitäten sehr behagt. Mit 11 Treffern ist er auf Kurs, seine beste Marke von 17 Toren zu übertreffen.

Sportchef Sven Leuenberger, der ihn schon zum SCB geholt hatte, sieht sich bestätigt. Und abgesehen davon, dass Bodenmann ein äusserst vielseitiger Stürmer sei, sei er auch neben dem Eis der perfekte Teamplayer. «Ich habe noch von keinem gehört, der ihn nicht mochte», sagt Leuenberger. Seine hohe Sozialkompetenz entwickelte Bodenmann wohl schon früh, als Nachzügler mit zwei Brüdern, die acht und zehn Jahre älter sind.

Bodenmann kann aber auch anders:

Zu alldem mag nicht passen, dass er von Nationalcoach Patrick Fischer auf die schwarze Liste jener gesetzt wurde, die für die Heim-WM gestrichen sind, weil sie sich nicht ganz in den Dienst des Nationalteams gestellt hätten. Neben Dean Kukan, Denis Malgin, Fabrice Herzog und Dominik Schlumpf. Dies rührt daher, dass Bodenmann im letzten Dezember für das Heimturnier in Luzern absagte, weil er beim ZSC schon genug mit sich zu kämpfen hatte.

Der Anruf Patrick Fischers

Er wolle nicht mehr gross darüber reden und schon gar keine Polemik entfachen, sagt der ZSC- Stürmer. «Ich empfand es einfach so, als hätten wir die Entscheidung für Luzern gemeinsam getroffen. Für mich war es immer eine grosse Ehre, fürs Nationalteam zu spielen.» Im Juni teilte ihm Fischer nun mit, dass er für die Heim-WM nicht mehr infrage komme.

Bodenmann war enttäuscht, aber ihm blieb keine Wahl, als dies zu akzeptieren. Sein Saison-Höhepunkt soll nun einfach etwas früher stattfinden: statt Ende Mai im April, wenn der Playoff-Final gespielt wird.

Erstellt: 22.11.2019, 15:54 Uhr

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